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F.A.Z.-Leser helfen : Lebensnahe Ausbildung statt falschen Ehrgeizes

  • -Aktualisiert am

Läuft: Im Berufsbildungs- und Technologiezentrum Frankfurt hat Labinot Sylejmani so viel gelernt, dass er jetzt eine kleine Familie ernähren kann. Bild: Wonge Bergmann

Die Aktion „F.A.Z.- Leser helfen“ sammelt in diesem Jahr Geld für ein Programm, das Flüchtlinge in Arbeit bringen soll. Auch mit Hilfe eines deutschen Exportschlagers: der dualen Ausbildung.

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          Labinot Sylejmani ist angekommen. Der zart wirkende junge Mann mit Bart hat eine hübsche junge Frau, gemeinsam haben sie einen 16 Monate alten Sohn. Sie leben zu dritt in einer kleinen Wohnung in Oberrad, mit dem Familienkombi fährt er jeden Morgen um Viertel vor sieben nach Kalbach zur Arbeit. Für die Strecke braucht er über die Autobahn nur eine Viertelstunde, wirklich prima, findet er. In Kalbach hat er seit dem 1. August einen Ausbildungsplatz als Elektriker bei der Anschluß AG. Das wäre alles nicht wirklich ungewöhnlich für einen jungen Mann, wenn Labinot Sylejmani nicht erst vor 18 Monaten nach Deutschland gekommen wäre. Im Kosovo, wo er ursprünglich herkommt, haben 70 Prozent der jungen Menschen keinen Job. Dort hat er neun Jahre lang die Schule besucht, sich dann vier Jahre lang auf einer Art Fachoberschule mit Elektrik beschäftigt und ein Jahr lang sogar eine Hochschule besucht. Polizist wollte er da noch werden, doch das Studium hat er abgebrochen, „das war einfach zu schwer“, sagt er rückblickend. In Italien hat er zwischenzeitlich mit seiner Frau, einer Italienerin, gelebt und sprach kein Wort Deutsch, als er im Frühjahr 2015 in Frankfurt ankam.

          Fehlende Sprachkenntnisse aber sind das größte Hindernis für junge Männer wie Sylejmani, wenn sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen. Fast wäre auch er daran gescheitert. „Mein Deutsch war so schlecht“, sagt er rückblickend und rollt lachend mit den Augen. Jetzt ist es schon richtig gut, und er kann Späße darüber machen. Er weiß, wie die kompliziertesten Werkzeuge heißen, die er täglich benutzen muss, und kann sich mit Kollegen und Vorgesetzten sehr gut verständigen. Geholfen hat ihm dabei ein Projekt der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main in Zusammenarbeit mit dem Jugendjobcenter. Und vor allem Friederike Barth, die bei der Handwerkskammer das Jugendprojekt betreut und koordiniert hat. „Wir haben sehr viel Unterstützung von ihr bekommen, ohne sie hätte ich das nie geschafft“, sagt Sylejmani. Denn Barth spricht auch ein wenig Italienisch und konnte ihm damit anfangs über viele Sprachklippen hinweghelfen.

          Nach dem Praktikum direkt die Ausbildung

          30 junge Leute, die ohne ein wenig Anschub und Unterstützung niemals einen Ausbildungsplatz gefunden hätten, hatte das Jobcenter im vergangenen Jahr zu dem Projekt eingeladen, 19 von ihnen haben sich dazu entschlossen, mitzumachen, 14 haben dann auch wirklich angefangen. Bis zum Schluss durchgehalten haben sechs. Das klingt nach einer dürftigen Quote, ist nach Einschätzung der am Projekt beteiligten Experten aber ziemlich viel. „Jeder, den wir in Arbeit bringen, ist ein Gewinn“, sagt Friederike Barth. So sah das auch ein externes Evaluationsteam. Beim Projekt dabei waren junge Spanier, Türken, Rumänen und ein junger Mann aus Burma (Myanmar), aber auch einige deutsche Jugendliche, die es aus eigener Kraft nicht geschafft hatten, einen Ausbildungsplatz zu finden.

          Sie mussten in der Vorbereitung auf die Ausbildung zum Elektroniker im Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) der Handwerkskammer im Frankfurter Gutleutviertel in einem Jahr fünf Kurse durchlaufen und daneben noch intensiv Deutsch büffeln. Auch verschiedene Praktika in Handwerksbetrieben gehörten zum Programm. In Kalbach hat es zwischen Sylejmani und seinem Arbeitgeber regelrecht gefunkt. Bei der Anschluß AG hat er ein Praktikum gemacht - und konnte 14 Tage später gleich mit der Ausbildung zum Elektroniker beginnen. In der Berufsschule, die zur dualen Ausbildung immer dazugehört, geht er mittlerweile wohl als ziemlicher Streber durch: Wenn der Lehrer der Klasse das Ohmsche Gesetz erklärt, ist er mit seinen Aufgaben schon fertig, bevor die Mitschüler richtig angefangen haben - dank der sorgfältigen Vorbereitung im BTZ.

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