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Frankfurt und Umgebung wachsen : „Wir dürfen den Bogen nicht überspannen“

Ist hier noch ein Plätzchen frei? Neu errichtete Wohnungen in Frankfurt werden immer rarer (Symbolbild). Bild: dpa

Die Bevölkerungszahlen in Frankfurt und Umgebung wachsen an. Doch die Schmerzgrenze ist bald erreicht. Denn immer mehr Bürger und Politiker wenden sich gegen Neubaugebiete.

          Sabine Levi ist zwar nicht der Meinung, dass Frankfurt „die Schotten dichtmachen“ und niemanden mehr zuziehen lassen sollte. Aber für die Betreiberin zweier Cafés in Frankfurt, darunter das Café Mutz im Stadtteil Niederursel, ist es dennoch „völlig unverständlich“, dass die Stadt sagt, es müsse mehr gebaut werden, und daher auch neue Wohngebiete plant. So wie das von manchen „Josefstadt“ genannte Quartier im Nordwesten Frankfurts, das eines Tages bis zu 30.000 Bewohnern ein Zuhause bieten soll – benannt nach dem Frankfurter Planungsdezernenten Mike Josef (SPD), der das Vorhaben vorantreibt.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Frankfurt mit seinen mittlerweile 750.000 Einwohnern habe doch schon jetzt große Probleme, meint Levi. Es gebe nicht genug Schulen und Kindertagesstätten. Sogar Grillplätze seien Mangelware. Stattdessen gebe es Pläne, Frischluftschneisen und Freiflächen „zuzubetonieren“. Dabei brauche die Stadt eben auch Grün und Natur.

          Levi ist nicht die Einzige, die sich fragt, ob Frankfurt und der Ballungsraum Rhein-Main nicht allmählich an die Grenzen ihres Wachstums stoßen. In Liederbach haben sich 2017 zum zweiten Mal innerhalb von nicht einmal zehn Jahren die Bürger gegen ein Neubaugebiet, die „Nördlichen Weingärten“, ausgesprochen. 61 Prozent der Bevölkerung stimmten 2017 damit praktisch gegen die Weiterentwicklung der 9000-Einwohner-Gemeinde im Main-Taunus-Kreis. Und nahmen billigend in Kauf, dass die Bevölkerungszahl in ihrer Kommune weiterhin schrumpft.

          An der Grenze des Erträglichen

          „Wir sind in Liederbach an der Grenze dessen, was die Gemeinde verträgt“, sagt Andreas Müller, Mitinitiator des Bürgerentscheids, Fraktionschef der Grünen in Liederbach und BUND-Mitglied. „Die Verkehrsinfrastruktur verträgt nicht mehr.“ Straßen in und um Liederbach wie die B 8, auf der täglich Tausende Pendler zur A 66 in Richtung Frankfurt rollten, seien völlig überfüllt, genauso wie die nur im Halbstundentakt fahrenden Züge, und der Zustand der Radwege sei desolat.

          CDU-Bürgermeisterin Eva Söllner ist nicht der Meinung, dass ihr Liederbach nicht mehr wachsen kann. „Diejenigen, die nein zu Neubaugebieten sagen, machen es sich zu einfach“, sagt Söllner. Den Status quo halten zu wollen und zu hoffen, dass alles so bleibt, wie es ist, sei nicht möglich. Die Gemeinde brauche dringend den Einkommensteueranteil jedes Neubürgers: „Jeder Einwohner zählt.“

          Hohe Ansprüche an die Kommune

          Zumal dieselben Bürger, die Neubaugebiete ablehnen, hohe Ansprüche an die Kommune stellen, wie Söllner sagt. Sie selbst setzt sich sehr für das vier Hektar große „Quartier mixte“ mit Kindergarten, betreutem Wohnen, Hotel und Wohnungen ein. Leidgeprüft durch die verlorenen Bürgerentscheide, sagt sie aber auch: „Wir dürfen den Bogen nicht überspannen.“ Der Main-Taunus-Kreis lebe von seinen Freiflächen, dem Grün, dem Blick auf den Taunus.

          Und Liederbach lebt, wie alle Umlandkommunen, auch davon, Wohn- und Schlafort für die mittlerweile fast 380. 000 Pendler zu sein, die in Frankfurt arbeiten. Die Grenzen des Flächenwachstums, das ist für Söllners CDU-Kollegen Alexander Hetjes, Oberbürgermeister von Bad Homburg, längst das zentrale Thema der Region. Seine Stadt könne faktisch am Stadtrand nichts mehr entwickeln, es stünden „so gut wie keine Flächen mehr zur Verfügung“. Aber weil es immer noch Äcker zwischen den Städten gebe, glaubten manche, die Region habe noch Potential. „Das ist das völlig falsche Signal“, sagt Hetjes. Wie viele Vertreter Frankfurter Umlandkommunen warnt er vor dem „Siedlungsbrei“, der entstünde, wenn man Felder und Äcker zwischen den Städten bebaue.

          Für Hetjes zeichnet sich im Ballungsraum, der in den vergangenen knapp zehn Jahren um mehr als 150.000 Einwohner gewachsen ist, ein anderer Trend ab: „Es wird in Rhein-Main bald so sein wie in London oder Paris“, sagt er. Die Bevölkerung werde immer weiter hinausziehen müssen und von dort in die Stadt fahren. Hetjes fordert deshalb, den Öffentlichen Nahverkehr auszubauen, dafür brauche es Phantasie und neue Ideen. Einer Entwicklung zuzugucken, wonach wie in Paris und London Spitzenverdiener in den Stadtzentren leben und der bezahlbare Wohnraum im Hintertaunus beginnt, das will Hetjes nicht. Für die Nutzung der wenigen noch vorhandenen Flächen sei die soziale Durchmischung wichtig, schließlich bräuchten die Städte Polizisten oder Erzieher.

          Flächen sind nicht endlos vorhanden

          In Frankfurt wollen SPD-Oberbürgermeister Peter Feldmann und SPD-Stadtplanungsdezernent Mike Josef dagegen neue Wohngebiete im Stadtgebiet schaffen. Natürlich seien nicht endlos Flächen vorhanden, sagt ein Sprecher Josefs, „doch ein bisschen Spielraum haben wir noch“. Die Stadt hatte Ende vergangenen Jahres ein Konzept vorgelegt, wonach bis 2030 noch 60.000 zusätzliche Wohnungen durch Nachverdichtung, Arrondierungen und neue Stadtteile entstehen könnten. Baue man nicht, sei ein fortgesetzer Anstieg der Wohnungspreise unvermeidlich. Nur durch Bauen könne bezahlbarer Wohnraum entstehen.

          Levi lässt dieses Argument nicht gelten. „Seit Jahren wird in Frankfurt total viel gebaut.“ Entstanden seien sehr teure Wohnungen. Sie hält die Argumentation für „verlogen“. Statt alles auf Frankfurt zu konzentrieren und durch mehr Wohnungen weitere Anreize zu schaffen, in die Stadt zu ziehen, brauche es attraktive Städte und Gemeinden im Umland, die ihre Bewohner „nicht ins Auto zwingen“.

          Das Fehlen attraktiver Angebote außerhalb des Ballungsraums nennt der Rödermärker Bürgermeister Roland Kern, Grünen-Politiker und früheres Staatsgerichtshof-Mitglied, ein „Staatsversagen ersten Ranges“. Man schaue seit Jahren zu, wie ganze Landstriche ausbluteten. Statt gegenzusteuern, werde die Sogwirkung der Metropolregion verstärkt, dort potenzierten sich dann alle Probleme. Kern ist nicht per se gegen Wachstum, es gebe „wahnsinniges Potential im Altbestand“. Doch für ihn ist die Grenze des Wachstums erreicht, wenn die Lebensqualität derer, die in einer Stadt leben, „substantiell leidet“. Dann sei es Zeit, das Stoppschild aufzustellen.

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