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Kulturpolitik Frankfurt : Die Theaterstadt von morgen

Marode: Theater-Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz Bild: Frank Röth

Es ist eine Jahrhundertchance mit großem Potential für ein Desaster: Vorhang auf für die Debatte um die Zukunft der Städtischen Bühnen.

          Man muss die Idee, die Städtischen Bühnen auf das Areal des alten Polizeipräsidiums im Gallusviertel zu verlagern, nicht gut finden. Aber es handelt sich immerhin um eine Idee. Sie hat offenbar dazu beigetragen, dass nun auch im Römer mit einer gewissen Offenheit über die Konsequenzen nachgedacht wird, die der heikle bauliche Zustand der Theater-Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz mit sich bringt. Er ist schließlich nicht nur eine Belastung, die den Haushalt betreffen wird. Er bietet auch eine Chance: Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und Bürgermeister Uwe Becker (CDU) sprechen nun davon, angesichts der möglichen Kosten für die Sanierung auch Abriss und Neubau zu prüfen.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Vorerst hat die Debatte allerdings den kleinen Schönheitsfehler, dass die Faktenlage noch dürftig ist. Das Gutachten über den Zustand der Bestandsgebäude liegt noch nicht vor. Angesichts des Alters des Theaters und seiner komplizierten Baugeschichte – der Altbau des Schauspiels von 1902 wurde in den frühen sechziger Jahren der Fassade beraubt, sein verbliebener Kern wurde anschließend modern umbaut – lässt sich aber prognostizieren, dass eine Sanierung teuer würde. Die Gerüchte wissen von 200 bis 300 Millionen Euro. Dass es schnell noch mehr werden können, lehren die Erfahrungen, die derzeit Berlin und Köln machen. Ein Neubau könnte dann sogar die günstigere Variante sein.

          Was gegen einen Abriss der Oper spricht

          In dieser Situation eine Verlagerung ins Spiel zu bringen, ist durchaus legitim, auch wenn die Tradition und die herausragende Lage für einen Verbleib am Willy-Brandt-Platz sprechen. Ein Neubau an anderer Stelle hätte den großen Vorteil, dass sich Oper und Schauspiel in diesem Fall keine Ausweichquartiere suchen müssten, sondern bis zu seiner Fertigstellung am angestammten Ort bleiben könnten. Der Neubau müsste allerdings an einem herausgehobenen Standort in der Innenstadt entstehen. Darüber, dass das alte Polizeipräsidium die Mindestvoraussetzungen nicht erfüllt, scheint in den maßgeblichen Parteien im Römer Einigkeit zu herrschen. Gegen das Präsidium spricht auch, dass es denkmalgeschützt ist. Die Fassade des wilhelminischen Kastens an der Friedrich-Ebert-Anlage zum Entree für ein modernes Opernhaus umzufunktionieren, wäre eine anspruchsvolle Aufgabe, um es zurückhaltend zu formulieren. Andere geeignete Grundstücke in größerer Nähe zum Stadtzentrum stehen nicht zur Verfügung, jedenfalls ist davon bisher öffentlich nichts bekanntgeworden.

          Denkmalgeschützt: Eingang zum alten Polizeipräsidium unweit der Messe in Frankfurt

          Eine weitere Möglichkeit wäre, die Doppelanlage abzureißen und an gleicher Stelle einen Neubau zu errichten. Das würde bedeuten, dass Schauspiel und Oper für mindestens fünf Jahre Ausweichquartiere suchen müssten. Vermutlich würde dann auch das Werkstattgebäude wieder abgerissen werden, das erst im Jahr 2010 über dem Eingang zu den Kammerspielen für 60 Millionen Euro errichtet wurde. Ein absurder Vorgang, der aber nicht ohne Beispiel in der Geschichte der Stadt wäre. 1989 war der neue Schlachthof am Deutschherrnufer für 150 Millionen Mark fertiggestellt worden, um nur wenige Jahre später einem Neubaugebiet Platz zu machen.

          Ein kühner Gedanke, der sich an Altem orientiert

          Bisher noch nicht wieder ins Spiel gebracht wurde eine Idee der FDP von 1987. Nach dem Opernbrand schlugen die Liberalen vor, die Städtischen Bühnen komplett abzureißen und auf dem Grundstück ein Hochhaus zu errichten, in dessen Sockel Oper und Sprechtheater unterkommen sollten. So hätten die Baukosten zum Teil aus dem Gesamtprojekt gedeckt werden können. Später wurde für das English Theatre, das im „Gallileo“-Hochhaus untergekommen ist, tatsächlich eine ähnliche Lösung gefunden. Für eine Institution von der Bedeutung der Städtischen Bühnen ist die Einbettung in ein Bürogebäude allerdings kaum vorstellbar.

          Schön wäre es gleichwohl, wenn eine Debatte ohne Denkverbote möglich wäre. Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte Frankfurt drei Spielstätten für Musik und darstellende Künste: die Oper, das Theater und den Saalbau, in dem die großen Orchesterkonzerte, aber auch Bälle stattfanden. Wenn man schon grundsätzlich über die Zukunft der Städtischen Bühnen nachdenkt, sollte ein kühner Gedanke nicht verboten sein: die Alte Oper würde wieder Oper, das Schauspiel erstünde an seinem angestammten Platz neu, und für Konzerte, Musicals und Bälle würde ein neuer Saalbau errichtet. Das könnte neben dem Schauspiel sein oder aber an anderer Stelle: Unweit des alten Standorts des Saalbaus an der Ecke von Neuer Schlesinger Gasse und Junghofstraße wird das Deutsche-Bank-Areal demnächst ohnehin völlig neu entwickelt.

          Debatte um die Bühnen nicht unterschätzen

          In einer wachsenden Stadt, die womöglich aus dem Brexit einen beachtlichen Krisengewinn ziehen wird, bietet die Situation ungeahnte Möglichkeiten. Mit den Berliner Verhältnissen kann sich die Sprech- und Musiktheaterszene in Frankfurt derzeit nicht messen, aber auch nicht mit denen in einer Stadt wie München.

          Dabei ist die Kultur einer der wesentlichen Faktoren, wenn es um die Attraktivität für Unternehmen geht, die an einen Umzug denken. So wäre auf dem Gelände am Willy-Brandt-Platz neben einem neuerrichteten Schauspiel unter dem organisatorischen Dach der Städtischen Bühnen ein großes englischsprachiges Theater, das auch Neubürger aus der Finanzbranche ansprechen würde, ebenso denkbar wie die Etablierung einer Bühne nach Art des alten TAT.

          Seit dessen Schließung 2004 fehlt ein Gegengewicht zu den Städtischen Bühnen, das es in Frankfurts jüngerer Theatergeschichte stets gegeben hatte. Zwischen 1911 und 1944 etwa erfüllte das Neue Theater an der Mainzer Landstraße diese Aufgabe, das mit einem anspruchsvollen Programm und einem erstklassigen Ensemble seinerzeit zu den besten Bühnen Deutschlands zählte.

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