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„Shakespeare in Love“ : Wie Alltagsgeschicke zu Weltliteratur reifen

Elisabethanisches Theatertreiben: „Shakespeare in Love“ in Bad Hersfeld Bild: Festspiele

Der Dichter, die Liebe und der Klamauk: „Shakespeare in Love“, einst als Film sehr erfolgreich, kommt in Bad Hersfeld auf die Bühne der Stiftsruine.

          3 Min.

          Ein Mann, der recht eigentlich eine Frau ist, küsst eine Frau, hinter der sich wiederum ein Mann versteckt. Doch es wird noch verworrener. Weil ihm die Liebesannäherung der beiden auf der Bühne der Stiftsruine in Bad Hersfeld nicht stürmisch genug ist, schreitet Shakespeare während der Theaterprobe ein und macht dem als Frau verkleideten Mann vor, wie leidenschaftliches Küssen geht. Da musste das Publikum laut loslachen. Denn in diesem Moment weiß der junge Theaterdichter noch nicht, dass der Mann, dessen Lippen er berührt, die Frau ist, die er in diesem Stück mit dem Titel „Shakespeare in Love“ lieben wird.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ursprünglich handelte es sich um einen Film, der 1998 die Herzen des Publikums und sieben Oscars eroberte, nun ist daraus ein Bühnenstück geworden, das der holländische Regisseur Antoine Uitdehaag für die Bad Hersfelder Festspiele als deutsche Uraufführung in Szenen gesetzt hat. Womit der Stoff dahin kommt, wo er angesiedelt ist, nämlich im Theater. Ein Theater, das Ende des 16. Jahrhunderts in London seine beginnende Blüte erlebt. In den ersten festen Theatern nach der Römerzeit, die allerdings nicht aus Stein, sondern aus Holz gebaut waren.

          Deshalb reichen dem Bühnenbildner Jens Kilian auch ein paar Holzgerüste, um Shakespeares legendäres Globe-Theater in die Stiftsruine zu zaubern. Aus spärlichen Kulissen erschafft er eine elisabethanische Welt mit Königshof, aufklappbarem Bett als Liebesnest oder einer Themse aus blauem Tuch, über die ein Schiffer im gelben Friesennerz Shakespeare und den jungen Schauspieler Thomas Kent rudert, der freilich die als Mann verkleidete Viola de Lesseps ist. Just am Ende dieser Bootsfahrt gehen dem Dichter die Augen auf, und er erkennt in dem theaternärrischen jungen Mann die Frau seines Herzens.

          Frauen waren in Shakespeare-Zeiten tabu

          Für sie ist freilich die Bühne tabu – nicht nur, weil sie aus reichem Haus stammt, sondern weil in jenen Shakespeare-Zeiten Frauen nicht im Theater auftreten durften. Daher ist in diesem Stück Julia ein Mann und Romeo die verbotenerweise in Männerkleidern versteckte Viola. Ursprünglich heißt das Stück, das Shakespeare dem Theaterunternehmer Henslow und seinem Investor Fennyman – „Ich bin das Geld“ – schreiben soll: „Romeo und Ethel, Tochter des Piratenkönigs.“ Akt für Akt und inspiriert durch sein Liebesglück mit Viola verwandelt Shakespeare die geplante Komödie in die uns allen bekannte Tragödie „Romeo und Julia“.

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          Der Stoff, den Tom Stoppard und Marc Norman für den Film erfunden und den Lee Hall für das Theater umgeschrieben hat, changiert zwischen deftigem Klamauk und tragischem Ernst, wobei Regisseur Uitdehaag mehr dem Spaß zugeneigt ist als der Tragödie. Die berühmte Balkon-Szene aus „Romeo und Julia“ etwa endet für den verliebten Shakespeare als Slapstick. Die Worte seines liebessäuselnden Sonetts „Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?“ lässt er, dem ob einer Schaffenskrise einfach kein schöner Satz einfallen mag, sich von seinem Freund und Kollegen Christopher Marlowe zuflüstern, das Klettern hinauf zur Angebeteten endet in einem Sturz.

          Der Zuschauer amüsiert sich und ist gleichzeitig davon begeistert, wie Shakespeares rohe Alltagsgeschicke in veredelter Form in sein neues Stück einfließen und dort zu Weltliteratur reifen. Den Wechsel vom Leben ins Theater und zurück, mit dem dieses Stück unablässig spielt, schafft die Regie mühelos.

          Theater stellt echte Liebe dar

          Die von Brigitte Grothum als lebenskluge, aber durchaus auch etwas boshafte gespielte englische Herrscherin, eingepackt in ein wahrlich königliches Prachtkostüm, interessiert sich eigentlich nur für Stücke mit einem Hund, erkennt am Ende aber durchaus, dass in „Romeo und Julia“ das Theater zum ersten Mal echte Liebe darzustellen vermag. In Hersfeld hat man eigens den Choreographen Klaus Figge engagiert, auf dass er den Darstellern die hohe Form der Fecht- und Schwertkunst beibringe. Die Ergebnisse lassen sich sehen, der ungemein bewegliche Christian Schmidt als Mercutio liefert sich während der Proben hinreißende und komische Duelle mit den Capulets und danach mit den hereinstürmenden Schausstellern eines konkurrierenden Theaterunternehmens.

          Während der Probe: Schauspielerin Natalja Joselewitsch.

          Überhaupt fallen in dieser aufwendigen Produktion neben den beiden Hauptdarsteller Dennis Herrmann als Will Shakespeare und Natalja Joselewitsch als Viola de Lesseps auch einige Nebendarsteller mit feinen Leistungen auf. Wenn Martin Semmelrogge stotternd auf die Bühne tritt, hält man kurz den Atem an. Vergnügt schaut man Robert Joseph Bartl zu, der sich vom knallharten Theaterfinanzier zum Theater-Enthusiasten verwandelt.

          Shakespeare alias Dennis Hermann, den man aus dem Fernsehkrimi Soko Leipzig und vom Schauspiel Bochum kennt, musste bei der Premiere erst einmal in Fahrt kommen, erwies sich dann aber als ein quicklebendiger Dichter und Liebhaber. Die junge Natalja Joselewitsch vom Theater Münster fängt stark an und ließ später etwas nach – vielleicht war ihr auch nur das Mikrofon etwas verrutscht. Am Ende schreitet sie den gesamten riesigen Bühnenraum ab und geht ganz hinten im Chor ab in eine unglückliche Ehe mit dem arroganten Adeligen Wessex. Shakespeare dagegen folgt dem Rat der Königin, die als Nächstes eine Komödie erwartet, dem Dichter aber erlaubt zu schreiben „was Ihr wollt“. Die erste Skizze entwirft Shakespeare, anders als im Film, mit dem Geist des toten Freundes und Konkurrenten Christopher Marlowe.

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