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Buchmesse : Herr Laschet und die tote Meise

Ausnahmsweise mal keine Cosplayerin: Eine Frau in samischer Tracht im norwegischen Gastlandpavillon. Bild: dpa

Nun ist es da: Auf der Buchmesse hat das Publikumswochenende begonnen. Am Samstag war viel los, am Sonntag geht es weiter.

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          Die Messe macht müde. „Wo ist die Halle mit den Betten“, twittert Miku Sophie Kühmel, als es aufs Wochenende zugeht. Aber die Fischer-Autorin ist schon seit Montag in Frankfurt und hat auf der Bücherschau Termin auf Termin gehabt. Die Besucher, die am Samstag auf die Messe drängen, haben nur eine einzige Frage: Wo ist die Halle mit dem Spaß? Fest entschlossen, eine gute Zeit zu haben, schieben sie sich langsam durch die Gänge. Kinder, Karren, Krücken, Rollatoren. Rollkoffer, Gespräche, Signierschlangen, Toilettenschlangen. Es ist warm, es ist laut. Dass die Buchmesse gelegentlich Opfer fordert, bemerkt nur Jutta Ditfurth. Eine Meise ist gegen eine Fensterscheibe der ARD geflogen und liegt nun tot auf der Mauer. Ditfurth hat das Tierchen bemerkt und ein Bild gemacht, das sie auf Twitter postet.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bei Arte sitzen die Besucher derweil auf dem Fußboden, um dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet und seiner Ehefrau Susanne, einer gelernten Buchhändlerin, zuzuhören. Laschet war einst Verleger. Vier Jahre lang hat er im Einhard-Verlag neben dem Aachener Münster Kunsthistorisches und Titel rund um den Dom, die Stadt und die Region gemacht. „40 Meter Luftlinie zum Thron Karls des Großen“, sagt der Moderator. Bis ins Kanzleramt ist es etwas weiter, aber in Laschets seligem Rückblick auf frisch eingesandte Manuskripte steckt schon das künftige Regierungsoberhaupt, das wohlwollend die Gesetzentwürfe junger Unionsminister verbessert und darauf lauscht, was das Volk ihm an unverlangt eingesandten Meinungsäußerungen so vorlegt: „Dieses Abwägen und das Zutrauen in etwas, das man noch gar nicht erkennen kann, das kann man da schon verspüren.“

          „Junge Freiheit“, Cosplays und Neuerscheinungen

          Ein paar Gänge weiter hat Michael Imhof „Der Adel und seine Burgen und Schlösser in Europa“ herausgebracht. Gleich nebenan am Stand der Petersburger Eremitage, einst einem Schloss nicht von schlechten Eltern, sitzen wie jedes Jahr Mitarbeiter mit dem Charme sowjetischer Hausmeister. Kein Kunde weit und breit. Vielleicht sollte das Museum auf seinen Buchumschlägen mehr Bilder der lächelnden Queen verwenden, so wie Imhof. Vor dem Stand der Zeitschrift „Junge Freiheit“ begrüßt ein älterer Herr wenig später eine junge Frau in dem, was er die „spannendste Sackgasse der Buchmesse“ nennt. Das ist Ansichtssache, aber er fragt sie interessiert nach ihrer Tiermütze, die ein weißes Kaninchen oder eine Katze darzustellen scheint, das Schnäuzchen niedlich oben auf der Stirn, die Pfoten hängen links und rechts auf die Schultern herunter. Tragen Leserinnen des Antaios-Verlags das jetzt? Oder begegnet der leicht verkniffene Ernst der neuen Rechten der links-grün-versifften Welt des divers-spielerischen Cosplays?

          Im Fair Shop vor Halle 4.1 gibt es für 11,95 Euro jedenfalls den Eigelbfisch zu kaufen, mit dessen Hilfe Anhänger der Identitären Bewegung oder der Antifa das Gelbe vom Ei von seinem Rest trennen können, ohne mit Eiweiß und Schalen jonglieren zu müssen. Das Maul des Goldfischs saugt das Dotter einfach ein. Ist aber aus Plastik. Also ganz gegen Klimaschonung und Nachhaltigkeit, einen Messetrend. Am Stand des Haupt Verlags heißt eine Neuerscheinung „Verflickt und zugenäht – Kleidungsstücke ausbessern und verschönern“. Gleich daneben jedoch: „Tomatenlust.“ Die Natur als Gegenstand des Genusses hat noch lange nicht ausgedient. Das eingewanderte Raubtier hingegen scheint, anders als der Flüchtling, in der Mitte der Gesellschaft angekommen: „Das Leben unserer Wölfe – Beobachtungen aus heimischen Wolfsrevieren“ liegt einen Stapel weiter. Und bei den „Abonauten – Dein Gin Abo“ werden Klimafrage und Schwelgen endgültig zusammengeführt: „Save The Planet, It’s The Only One With Gin“, sagt ein Plakat. „Hier Mitbringsel shoppen“ und „Kauf dich glücklich“, mahnt es gleich daneben. Die Werbeoffensive funktioniert: „Schau mal, Gin Tonic to go“, sagt eine Besucherin. Sie bleibt dann aber doch nicht stehen.

          Auch der erstmals schon am Samstag gestattete Buchverkauf verläuft sogar bei den großen Verlagen zivilisiert. Schlussverkauf ist anders. Messerabatt gibt es nur auf das Nichtbuch: zwanzig Prozent auf Spiele bei Ravensburger. Rafik Schami erzählt nicht weit entfernt von seinem neuen Krimi und den Etikettefragen der Gegenwart: „Wenn man über Terrorismus reden will, dann muss man sehr genau sein.“ Man dürfe nicht so tun, als würden Terroristen als Gewalttäter geboren. Eine Bühne weiter beim ZDF sitzt Norman Ohler und wirbt für „Harro und Libertas“, sein erzählendes Sachbuch über die Widerstandsgruppe Schulze-Boysen. Auch im Gespräch ist von Harro die Rede. Jetzt duzen wir sie also. Den Claus, den Henning, den Adam. „Mitreißend und saftig“ schreibe Ohler, lobt die Moderatorin: „Da sind Cliffhanger drin.“

          Anders erzählt Terézia Mora um die Ecke beim Deutschlandfunk. Die Trägerin von Büchner-Preis und Buchpreis hat ihren Helden Darius Kopp in ihrem neuen Roman in den sicheren Hafen gesteuert. Er habe seinen Frieden mit sich gemacht: „Er ist der, der er ist, und schämt sich nicht dafür.“ Wie die Besucher der Buchmesse.

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