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Soundpoet Dirk Hülstrunk : Finnen brauchen eine Sauna - auch auf der Messe

Finnland ins Herz geschlossen: Frankfurter Soundpoet Dirk Hülstrunk Bild: Waldner, Amadeus

Er hat Finnland ins Herz geschlossen: Der Frankfurter Soundpoet Dirk Hülstrunk präsentiert während der Frankfurter Messe die Spoken-Word-Dichter des Gastlands in einem Dampfbad.

          Dies, sagt Dirk Hülstrunk, sei nun wirklich einmal eine phantastische Sauna: „Ich habe sie ausprobiert.“ Dabei handelt es sich bei der Sauna, von der der Frankfurter Soundpoet spricht, um eine Konstruktion, die der Berliner Künstler Dida Zende vor zwei Jahren in den hinteren Teil eines alten Feuerwehrautos eingebaut hat. In Finnland allerdings, dem Land des Saunawissens, mit fachkundiger Hilfe. Hülstrunk ist daher mit allem völlig zufrieden und präsentiert in dem Fahrzeug, in dem das Wasser nicht mehr dem Löschen von Feuer, sondern der wohligen Erhitzung des Körpers dient, von heute an sein Buchmessenprojekt „Schweiß & Poesie“.

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bis Freitag lässt sich im „Frankfurter Garten“ am Danziger Platz erleben, dass die Kombination von Lyrik und Sauna nicht nur Spaß macht, sondern auch einen tieferen Sinn hat. Sowohl Dampf als auch Dichtung machen den Kopf klar, zudem ist die Sauna, wie Hülstrunk hervorhebt, in Finnland sehr viel mehr als in Deutschland ein Ort der Kommunikation. Damit ist sie der ideale Hintergrund für Finnlands Spoken-Word-Dichter, die er zur Messe nach Frankfurt bringt.

          Im Saunateil des Feuerwehrautos

          Auf die Idee kam er, als er sich vor zwei Jahren mit einem Stipendium im Künstlerdorf Saari an der finnischen Ostseeküste aufhielt. Da war schon klar, dass Finnland Ehrengast der diesjährigen Buchmesse sein würde. Hülstrunk überlegte sich, dass neben den Buchautoren auch jene Künstler in Frankfurt zu Gast sein sollten, denen die Literatur vor allem dann am Herzen liegt, wenn sie gesprochen und auf der Bühne entwickelt wird.

          Am Wochenende sind die Künstler in Deutschland angekommen, seitdem sind sie von Berlin über Hamburg, Hannover und Düsseldorf auf dem Weg nach Frankfurt gewesen, alle während der Fahrt im Saunateil des Feuerwehrautos untergebracht, auf Holzbänken. Von heute an können sie sich im „Frankfurter Garten“ die Beine vertreten. Jeden Nachmittag von 16 bis 19 Uhr öffnet die Sauna, abends gibt es ein künstlerisches Programm, heute von 19 Uhr an, morgen wird es auf den Römerberg verlegt und findet als Teil von „Open Books“ von 20 Uhr an in der Evangelischen Akademie statt.

          Kunst und Genuss verbindet dabei nach Hülstrunks Wahrnehmung auch noch anderes. In deutschen Saunen, so hat er festgestellt, herrschen finnischen Besuchern zu viele Regeln. Auch mit den in Deutschland üblichen Abgrenzungen zwischen Poetry Slam, Spoken Word und Sound Poetry verhält es sich in Finnland entspannter, sagt er. Sogar die gemeinsame Grenze zwischen diesen Genres und dem literarischen Mainstream ist durchlässiger als hier. Fast alle der nach Frankfurt kommenden Autoren schreiben auch Bücher, Esa Hirvonen und Heli Slunga waren in den vergangenen beiden Jahren jeweils „Dichter des Jahres“ in den Städten, in denen sie leben. „Das ist kein Underground, sie sind auch in der etablierten Szene unterwegs“, sagt Hülstrunk.

          „Bei uns gibt es keine Regeln“, fügt er deshalb hinzu. Nur eine: Zum Saunagang ist ein Handtuch mitzubringen. Das Catering liegt bei den Kollegen des Frankfurter „Finnkiosk“ an der S-Bahn-Station Luisa. Wesentliche Hilfe hat er seit 2012 auch von der finnischen Filiale des Goethe-Instituts in Helsinki erhalten, an die er sich mit seinen Frankfurter Gastspielplänen damals wandte.

          Finnland ins Herz geschlossen

          Aus seiner Zeit in Finnland kennt Hülstrunk fast alle Gäste der nächsten Tage, die Auswahl aber hat er den beiden Kollegen überlassen, die er am besten kennt, Harri Hertell von der „Helsinki Poetry Connection“ und Hirvonen von der „Turku Poetry Week Association“. Im Goethe-Institut wiederum kam man auf die Idee, die Dichter das von Zende gebaute Feuerwehrauto nutzen zu lassen. Denn daran hatte Hülstrunk auch schon gedacht: „Finnen, die irgendwohin reisen, brauchen eine Sauna.“

          Er hat Finnland ins Herz geschlossen. Als Soundpoet, der mit dem sprachlichen Material arbeitet, liebt er die finnische Sprache, die mit ihren Wörtern fremdartige Sachen anstellt, schätzt aber auch die Mentalität, die einerseits sehr zurückhaltend sei, andererseits extreme Verrücktheit zulasse. Gemeinsam sei den Finnen das, was sie „sisu“ nennten, eine extreme Beharrlichkeit und Kraft, ein ausgeprägter Individualismus. Faszinierend findet er auch die finnische Outsider Art, Kunst, gemacht von Einzelgängern, die irgendwo versteckt in den Wäldern leben. Von ihnen gibt es so viele, dass sich eine Behörde für die Entwicklung des ländliches Raumes bemüht, sie aufzuspüren. Sie verkörpern für ihn etwas, dass die Finnen „ite“ nennen. Die Abkürzung steht für „itse tehty elämä“, was man mit „selbstgemachtes Leben“ übersetzen könnte. Was dichtende Finnen aus einer solchen Haltung machen, zeigt Hülstrunk in Frankfurt.

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