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: Buchhändler verzweifelt gesucht

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Es ist schon länger her. Die Nudeln hießen noch nicht Pasta, die Menschen begrüßten sich noch mit "Guten Tag" statt mit "Hallo", und es dominierten noch nicht die Härtefälle der Sozialämter die Talkshows im Doofkopp-TV.

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          Es ist schon länger her. Die Nudeln hießen noch nicht Pasta, die Menschen begrüßten sich noch mit "Guten Tag" statt mit "Hallo", und es dominierten noch nicht die Härtefälle der Sozialämter die Talkshows im Doofkopp-TV. Damals gab es auch noch Buchhändler und -innen, die ihr Geschäft verstanden.

          Beispielsweise konnte es geschehen, daß man im Radio den Schluß einer faszinierenden Erzählung gehört hatte, die man jetzt gern komplett und von vorn nachlesen wollte. Man ging also ins Fachgeschäft, trug der Buchhändlerin den Wunsch und das Geschichtenfragment aus der Erinnerung vor. "Ach ja", sagte die Buchhändlerin, "ich glaube, das ist von Wolfgang Hildesheimer. Ich schaue das heute abend zu Hause nach, und wenn es stimmt, bestelle ich Ihnen das Buch." Es stimmte.

          Heute kann es geschehen, daß man im Fachgeschäft vor allem auf eines stößt: Unkenntnis. Beispielsweise hat jemand neulich versucht, die Lebenserinnerungen des Fritz J. Raddatz zu erstehen. Das Buch ist ziemlich neu, es wurde in den großen Zeitungen besprochen, der Autor ist als früherer Feuilletonchef der "Zeit" niemand, der einem Buchhändler ganz fremd sein müßte. Aber die Reaktionen des Personals in drei Buchhandlungen des Rhein-Main-Gebiets fielen aus, als habe man sich nach dem Werk eines abessinischen Naturlyrikers des ausgehenden 16.Jahrhunderts erkundigt. Im vierten Fall - in der Bad Homburger Filiale eines großen Buchhändlers - löste die Frage nach dem Buch jene nonverbale Form der Kommunikation aus, die in der gesprochenen Sprache am treffendsten mit "Hä?" übersetzt würde. Die Dame am Infoschalter klackerte lustlos in ihre Tasten, führte immerhin ein längeres Gespräch mit irgendwem in den Tiefen des Hauses, doch das Ergebnis war gleichfalls Null. Bekommen hat der Kunde sein Buch übrigens jenseits des Mains, im schwarzwäldischen Emmendingen. Auf Anhieb. Ohne Nachfrage. Der Buchhändler, ein älterer Herr, machte sogar den Eindruck, er könne lesen.

          Ach, wehmütig denkt man an legendäre Buchhändlerinnen wie die Frankfurterin Melusine Huß. Die kannte nicht nur ihre Bücher, sondern auch ihre Kunden. Sie wußte sogar immer, erinnert sich Professor Klaus Reichert, "wann sich eine neue Liebesbeziehung Adornos anbahnte, denn immer dann käme er in den Laden und verlange Wilhelm Hauff, ,Das kalte Herz', in der Reclam-Ausgabe, die er sich aufwendig einpacken ließ". PETER LÜCKEMEIER

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