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Bryan Ferry : Ein Banjo für den Gentleman-Rocker

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Stilsicher wie immer: Bryan Ferry und seine Musiker in Niedernhausen. Bild: Kretzer, Michael

Bryan Ferry überrascht in Niedernhausen mit seinen alten, nun im Dixie- und Ragtime-Stil präsentierten Hits.

          Wie soll das funktionieren: Bryan Ferrys Klassiker, Stücke wie „Avalon“, „Don’t Stop the Dance“, „Slave to Love“ und andere Elementarteile der Allzeit-Hitparaden umarrangiert zu Dixie- und Ragtime-Nummern? Auch nach dem Konzert des britischen Gentleman-Rockers in Niedernhausen hat man auf diese Frage keine Antwort, weiß aber jetzt: Es funktioniert. Berauschend gut sogar. Für sein aktuelles Album „The Jazz Age“ hat Ferry acht Musiker zu einem Orchester zusammengestellt, das seine Kompositionen spielt, als stammten sie aus den Zwanzigern und Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts. Auf ihrer Tour durch England und den Kontinent macht die Truppe nur zweimal Station in Deutschland: Einen Tag nach einem Auftritt in Berlin hat es sie in die Abgeschiedenheit der Taunushügel verschlagen. Dort erweist sich das von außen so abweisende graue Rhein-Main-Theater im Inneren als sehr geeigneter, für diese Art von Musik genau richtig dimensionierter Ort.

          Bryan Ferry, dessen Coverversionen von Stücken anderer Musiker bisweilen erfolgreicher waren als die Originale, covert sich auf seine alten Tage also selbst. Genauer gesagt, er lässt sich covern. Denn das Konzert beginnt ganz ohne ihn. Seine alten Songs erklingen nun instrumental mit viel Banjo, Klarinette, der gestopften Trompete von Henrico Tomasso, der das Rückgrat des starken Bläsersatzes bildet, und mitunter einem Nebelhorn, hinter dem sich Richard Whites Bass-Saxophon verbirgt. Diese Mischung aus eben nur scheinbar unvereinbaren Stilen, bei der sich Nostalgie und Moderne stattdessen wundersam wechselseitig befruchten, erinnert an die Musik von Paolo Conte, ist aber temperamentvoller, temporeicher und reißt vom ersten Takt an mit.

          Stile und Generationen überwunden

          Es bleibt indes nicht bei der instrumentalen Rückbesinnung auf das Goldene Zeitalter der Tanzmusik. Schon bald wird es richtig voll auf der Bühne, und zu den Herren im schwarzen Anzug, die bis dahin unter sich waren, gesellt sich nicht nur Bryan Ferry selbst, sondern auch eine veritable Band mit E-Gitarre, E-Bass, Keyboard, Schlagzeug und paillettenbesetztem Background-Gesang. Gemeinsam schließen sie mit lupenreinem Rock unglaublicherweise völlig bruchlos an den eben noch heraufbeschworenen Geist von New Orleans und des New Yorker Cotton Clubs an. Jetzt streut Ferry unter anderem Mick Hucknalls „That’s how strong my Love is“ ein, Van Morrisons „Crazy Love“ und verwandelt „Back to Black“ von Amy Winehouse in einen lebensbejahenden Trauermarsch. Überhaupt schwingt stets auch fernes Wissen um Verlorenes in dieser Stimme mit, die man nach wie vor unter Tausenden heraushören würde und die darin allenfalls vergleichbar ist mit David Bowie.

          Bryan Ferry überwindet nicht nur Stile, sondern auch Generationen: Neben den gesetzteren Herren des Orchesters bearbeitet die junge Cherisse Osei ihr Schlagzeug wie ein Kerl und hämmert ohnehin energiegeladenen Stücken wie „N.Y.C.“ zusätzlichen Strom ein, während Gitarrist Tom Wheatley der Enkel seines Chefs sein könnte. Mit Geplänkel hält sich der 1945 geborene Bergmannssohn und Kunstlehrer dabei nicht auf, macht so gut wie keine Worte, braucht keine Bühnenshow und tauscht während einer instrumentalen Passage nur sein weißes gegen ein schwarzes Hemd, das er dann unter einem perfekt sitzenden Anzug trägt. Aus der Not, nicht zum Entertainer geboren zu sein, macht er die Tugend einer schnellen, gerade einmal eineinhalb Stunden füllenden, aber eben dichten Programmfolge. Die nonverbale Kommunikation mit dem Publikum funktioniert ohnehin hervorragend, und nach dem zum Titel passenden Rhythmus von „Casanova“ haben die Fans nur auf die stumme Aufforderung gewartet, sich von den komfortablen Sitzen zu erheben. Als er seine Version von Bob Dylans „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ anstimmt, wird das Auditorium zur Tanzfläche. Ein Schlüssel zur Antwort, wie es gelingen kann, dass ein so eigenwilliges Projekt wie Ferrys Rag-Rock-Dixie-Pop-Fusion nicht zum Gag verkommt, liegt zweifellos in der Professionalität und Qualität seiner Musiker. Auch der Arrangeur ist ein Künstler. Zuerst aber braucht es einen so wandelbaren, selten vielfältigen Musiker wie das ehemalige Gesicht von Roxy Music.

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