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Serie: Muss das so aussehen? : Ein wasserspendender Mülleimer

  • -Aktualisiert am

Stimmungstöter: Der Merianplatz könnte so schön sein. Man muss sich nur diesen Brunnen wegdenken. Bild: Cornelia Sick

Der Brunnen am Frankfurter Merianplatz ist an Trostlosigkeit kaum zu überbieten. Immerhin baden Tauben gern darin. Das alles wirft die Frage auf: Muss das so aussehen?

          Ein Hingucker sieht anders aus. Hans Steinbrenner hat zahlreiche Skulpturen geschaffen, manche sind aussagekräftiger, viele eindrucksvoller und die meisten schöner – der Brunnen am Merianplatz im Nordend ist eher abschreckend als anziehend. Überhaupt, was heißt hier Brunnen? Das kreisrunde Gebilde aus Stahl erinnert an alles Mögliche, nur nicht an einen Brunnen. Trist, trostlos, abweisend steht er da.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was immer die auf den Bänken sitzenden Passanten zum Verweilen animiert, der Merianplatzbrunnen ist es nicht. Kaum ein Mensch nimmt Notiz von ihm, ein Kind, das im herunterfließenden Nass plantschen will, wird von seiner Mutter eilends fortgezogen. Auf dem Boden, dort wo das Wasser durch ein Gitter in der Erde verschwindet, liegen Scherben und durchnässte Papierfetzen.

          Eindrucksvoll sind an dem 1981 in Betrieb genommenen Brunnen allenfalls seine Maße: 2,50 Meter ist er hoch, 3,50 Meter im Durchmesser. Zahlreiche Werke seines Schöpfers, des 2008 im Alter von 80 Jahren gestorbenen Künstlers Hans Steinbrenner, sind an Wegen, Straßen und Plätzen in Deutschland aufgestellt. Die Mehrzahl seiner Arbeiten im öffentlichen Raum finden sich in der Rhein-Main-Region, in seiner Heimatstadt Frankfurt, in Wiesbaden und Bad Homburg. Viele Steinbrenner-Skulpturen animieren zum Stehenbleiben, regen gar zum Nachdenken an. Was der Städelschüler im Nordend geschaffen hat, sorgt vorrangig für verständnisloses Kopfschütteln.

          „Nicht schön, aber selten“

          Bei einer kurzen, nicht repräsentativen Umfrage an einem hochsommerlichen Juliabend gehen die Einschätzungen über das, was an der Einmündung der Kantstraße in die Berger Straße aus dem Pflaster in die Höhe ragt, weit auseinander: ein alter Bunkereinstieg, der verrostete Sockel eines monumentalen Standbilds, ein abgeschnittener Industrieschornstein, ein gigantischer Mülleimer? „Nicht schön, aber selten“, kommentiert die Besucherin eines Cafés in unmittelbarer Nähe süffisant. „Schrott, Altmetall“, spottet der Verkäufer in einem Geschäft an der Ecke.

          Tatsächlich handelt es sich um eine Brunnenplastik in zylindrischer Form. Steinbrenner schweißte einen Edelstahlmantel aus fünf Ringen, deren Wasserkammern durch Überlaufen die Außenflächen überspülen. Das Wasser sammelt sich an den Absätzen, perlt von der obersten auf die darunterliegende Stufe, rieselt eine Etage weiter, rinnt nochmals und rieselt schließlich ganz nach unten, um durch einen Gitterrost im Boden zu verschwinden. Der glitzernde Film, den das Ganze einmal ergeben sollte, lässt sich wegen des verblassten Untergrundes nur noch erahnen. Ein auf den Stahl gemaltes Graffito „Bitte lassen“ bezieht sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Schriftzug, nicht auf den ihn schmückenden Brunnen. Während das Wasser verrinnt, plätschert das sommerliche Leben vorbei. Tauben erfrischen sich im oberen Becken, Hunde am Fuß der Stahltonne.

          Besonders schlimm ist es im Winter

          Besonders schlimm ist es im Winter, wenn dem Kunstwerk das Lebenselixier genommen und das Wasser abgedreht ist. Dann ist der Stahlzylinder nur noch eine hässliche Erscheinung auf dem Merianplatz. Ohnehin war das Gebilde nicht in erster Linie als Brunnen geplant. Die Plastik sollte vielmehr unter anderem – manche meinen: vor allem – die Belüftung des U-Bahnhofs Merianplatz tarnen. Alles also nur ein riesiges Missverständnis? Als Lüftungsschacht könnte die Skulptur jedenfalls gerade noch so durchgehen.

          Fünf Ringe für die nächsten hundert Jahre, wenn sich nicht doch noch ein Ästhet erbarmt. Stahl ist ein schier unverwüstliches Material und die Freiheit der Kunst ein hohes Gut. Der Merianplatzbrunnen, so ist deshalb zu befürchten, wird Frankfurt noch lange erhalten bleiben. Ein verkorkstes Mahnmal nichtssagender Hässlichkeit. Dabei hat der Platz, auf dem er im Schatten zweier Platanen steht, durchaus Entwicklungspotential. Rundherum gemütliches, sommerliches Großstadtleben. Es könnte so schön sein. Nur der Brunnen stört.

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