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Browsergames-Branche : Goldgräber in Katerstimmung

  • -Aktualisiert am

Wurde Spiele-Liebhabern schon auf der „Gamescom“ vorgestellt: das Computerspiel „Warface“. Bild: dapd

Das Wachstum mit Spielen im Internet schien lange keine Grenzen zu kennen. Inzwischen läuft nicht mehr alles von allein, plötzlich muss man sich mit Wettbewerbern, Kosten und Effizienz auseinandersetzen. In Offenbach traf sich nun eine Branche auf der Suche nach neuen Ideen.

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          Wenn Klaas Kersting seinen Laptop aufklappt, sammeln sich gleich ein paar Interessierte an seinem Stehtisch im Foyer des Capitol in Offenbach. „Wenn Klaas was Neues zeigt, sollte man lieber schnell hingucken“, sagt einer von ihnen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kersting war einer der Pioniere der Browsergames-Branche. 2003 hat er mit Anfang zwanzig Gameforge mitgegründet, eines der ersten Unternehmen, das vergleichsweise simple Spiele entgeltlos ins Internet stellte und erst im Laufe des Spiels Geld von den Nutzern für Zusatzausrüstung oder weitere Levels verlangte. Aus der Geschäftsidee ist längst ein Milliardenmarkt geworden. Wenn Millionen von Nutzern rund um die Welt kleine Beträge zahlen, kann ein Facebook-Spiel wie die Bauernhofsimulation Farmville Konzerne wie Zynga mit einem Jahresumsatz von fast einer Milliarde Euro hervorbringen.

          „Und dafür bin ich nicht der richtige Manager“

          In den vergangenen beiden Tagen haben sich knapp 500 Entwickler, Verleger und andere Interessierte im Capitol in Offenbach getroffen. Die 2005 von dem Frankfurter Rechtsanwalt Andreas Lober ins Leben gerufene Konferenz Browsergames Forum ist eine Art Jahrestreffen der europäischen Branche geworden, von nächstem Jahr an organisiert sie der professionelle Veranstalter S&S Media Group.

          Doch in die Goldgräberstimmung der vergangenen Jahre mischt sich inzwischen ein wenig Katerstimmung. Branchenprimus Zynga meldet inzwischen Verluste, entlässt Mitarbeiter und schließt Standorte, das größte europäische Browsergames-Portal Bigpoint mit Sitz in Hamburg streicht 120 seiner gut 800 Stellen. „Die Zeiten, in denen wir jedes Jahr unsere Umsätze verdoppelt haben, sind vorbei“, sagt Heiko Hubertz auf der Konferenz in Offenbach, der Bigpoint 2002 gegründet hat und zum Ende des Jahres den Vorstandsvorsitz abgibt. Er erwartet eine Konsolidierung in der Branche. „Und dafür bin ich nicht der richtige Manager“, sagt Hubertz.

          „Warface“ ist das Onlinespiel des Jahres 

          Zu viele wollen inzwischen von dem großen Kuchen Onlinespiele etwas abhaben. Platzhirsche auf dem herkömmlichen Gamesmarkt wie Electronic Arts und Ubisoft, die dem Treiben mit den Gratis-Spielen lange eher amüsiert zuschauten, nutzen ihre Feuerkraft inzwischen, um mit anspruchsvollen Spielen und großem Marketingbudget in den Markt zu drängen. Auch das Frankfurter Studio Crytek, das mit grafisch exzellenten Computerspielen einer der erfolgreichsten deutschen Entwickler geworden ist, hat im Sommer sein erstes sogenanntes Free-to-play-Spiel herausgebracht, auf der Kölner Spielemesse Gamescom wurde „Warface“ sogleich zum Onlinespiel des Jahres gekürt.

          Für die bestehenden Anbieter kommt die neue Konkurrenz merklich überraschend, und die Podiumsdiskussion zur Eröffnung des Browsergames Forums kommt schnell auf das Wort Krise zu sprechen.

          Hoffnungsträger sind die „Game of Thrones“

          „Plötzlich müssen wir auf so Dinge wie Kosten und Effizienz achten“, sagt Florian Müller von der Travian Publishing GmbH, deren gleichnamiges Online-Strategiespiel seit Jahren international erfolgreich ist. Künftig wolle man sich nicht mehr nur auf das eine Spiel verlassen, sondern in den nächsten Monaten sechs bis acht neue Titel auf den Markt bringen. Dass man sich für Neuentwicklungen solcher Gratis-Spiele künftig mehr Zeit nehmen müsse, darin sind sich die Podiumsteilnehmer fast einig. Anstatt wie bisher möglichst viele Spiele zu geringen Kosten zu entwickeln, werde sich Bigpoint auf einige Kernspiele mit hoher Qualität konzentrieren, sagte Hubertz, der seinem Unternehmen als Aufsichtsrat treu bleiben wird. Deren Entwicklung könne dann schon einmal ein bis zwei Jahre dauern. Hoffnungsträger in Hamburg ist das Spiel zur weltweiten Erfolgsserie „Game of Thrones“, das noch in diesem Jahr online gehen soll.

          Pionier Kersting hat den Browsergames inzwischen den Rücken gekehrt. Im Frühjahr hat er gemeinsam mit dem Frankfurter Spieleentwickler Keen Games das Unternehmen Keen Flare mit Sitz in Sachsenhausen gegründet, das sich auf die Entwicklung von Spielen für Mobiltelefone konzentriert. Durch die schnelle Verbreitung von Smartphones sehen Branchenkenner in diesem Markt erhebliches Potential. „Browsergames sind eher ein gesättigter Markt, mobil ist noch sehr agil“, glaubt Kersting.

          „Wir wollen jetzt ganz schnell ganz viele Fehler machen“

          Vor drei Wochen hat Keen Flare sein erstes Spiel „Royal Revolt“ veröffentlicht, das laut Kersting schon jetzt zwei Millionen Mal entgeltlos heruntergeladen wurde. Geld zahlen die Nutzer, die in Person eines Prinzen das Königreich seiner Eltern zurückerobern müssen, zum Beispiel für besondere Waffen und Ausrüstungen. Weiteren Schwung erhofft sich Kersting davon, dass „Royal Revolt“ als eines der ersten Spiele auf dem neuen Tabletcomputer von Amazon, dem Kindle Fire, erhältlich sein wird. Acht weitere Titel wolle das Unternehmen in den nächsten Monaten auf den Markt bringen.

          Das Geld dafür hat er: Die Telekomtochter T-Venture und der Facebook-Investor Accel Partners haben Kersting im vergangenen Jahr mit neun Millionen Euro Startkapital ausgestattet. Während die klassischen Browsergames-Anbieter langsam von Masse auf Klasse umsatteln und nach eigenem Bekunden weniger, aber dafür hochwertigere Spiele veröffentlichen wollen, können Kersting und Keen Flare sich einige Testballons leisten, um auszuloten, was bei Handy-Spielern ankommt und was nicht. „Wir wollen jetzt ganz schnell ganz viele Fehler machen“, sagt Kersting, „um daraus zu lernen“.

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