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A. L. Kennedy : Brexit der Herzen

Vielseitiges Talent: A. L. Kennedy präsentiert ihr neues Werk in Frankfurt. Bild: ddp/intertopics/eyevine/Gary Doa

Wenn britische Beamte träumen: A. L. Kennedy stellt in Frankfurt heute Abend ihren neuen Roman vor. Und dieser hat die gewohnte Mischung aus Humor, Scharfsinn und bitterem Ernst parat.

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          Cool, so eine Sonnenbrille zum Nadelstreifenanzug. Das ist sonst gar nicht A. L. Kennedys Art. Wann immer sie sich in der Öffentlichkeit präsentiert, ob mit einem neuen Text oder persönlich, verlässt die 1965 in Dundee zur Welt gekommene Schottin sich auf eine erprobte Mischung aus Humor, Scharfsinn und bitterem Ernst, die das eigensinnige Missachten des Üblichen mit einer großen Menge Unterhaltsamkeit verbindet und der es um Äußerlichkeiten wie ein von ihr zu entwerfendes oder gar aufrechtzuerhaltendes Image zuallerletzt geht.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Lieber spricht sie, wie in den Kolumnen über ihr Schreiben, die sie jahrelang für die britische Tageszeitung „The Guardian“ verfasst hat, ausführlich über die Rückenschmerzen, die das Sitzen am Schreibtisch mit sich bringt, als in den Augen ihrer Leser in irgendeiner Weise gut dastehen zu wollen. Nur der sich selbst ins Lächerliche ziehende Witz, mit dem sie ihre Ehrlichkeit und ihren tiefen Ernst schützt und umgibt, erklärt das spielerische Posieren des Fotos.

          Mit dem Image ist es überhaupt so eine Sache. Welche Schriftstellerin ein Land zu kennen meint, hängt auch im Zeitalter des raschen Übersetzens für den auf Englischsprachiges versessenen deutschen Markt noch immer davon ab, welche Werke gerade greifbar sind. In England hat Kennedy dieser Tage ihre Erzählung „The Little Snake“ herausgebracht, die in Deutschland unter dem Titel „Leises Schlängeln“ schon vor zwei Jahren erschienen ist. Ein Buch über die kluge Giftschlange aus dem „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry, die dem Mädchen Mary begegnet, das in der Gestalt des Tieres auch auf den Tod trifft.

          Stand-up-Comedy und kreatives Schreiben

          In der Bundesrepublik hingegen ist bei Hanser gerade Kennedys Roman „Süßer Ernst“ herausgekommen, der im englischsprachigen Original schon seit zwei Jahren vorliegt. Ihn stellt die Autorin diese Woche in der Frankfurter Romanfabrik vor. Und weil Kennedy nicht nur kreatives Schreiben unterrichtet, sondern sich zwischendurch auch immer wieder als Stand-up-Comedian betätigt und daher weiß, wie man einen Live-Auftritt mit ein paar ansprechenden, wohlformulierten und überraschenden Einsichten bereichert, lohnt sich der Besuch an der Hanauer Landstraße sehr. Natürlich erst recht, weil „Süßer Ernst“ so gut ist, so anrührend, traurig und lustig.

          Jon ist fast 60 Jahre alt, geschieden und Beamter in Westminster. Er hat seine Arbeit für den britischen Regierungsapparat ziemlich satt und schreibt nebenbei Liebesbriefe im Auftrag alleinstehender Frauen. Das tut er auch für Meg, eine bankrotte Buchhalterin, die gerade versucht, ihr Alkoholproblem hinter sich zu lassen. Sie sucht ihn auf, weil ihr gefällt, was er schreibt. Innerhalb von 24 Stunden erleben die beiden Außenseiter, wie es ist, wenn das, was vorher nur schriftlich behauptet wurde, plötzlich greifbare Wirklichkeit wird. Es ist ein erstaunlich weichherziger Moment für eine Schriftstellerin, der nichts so fern liegt wie das Sentimentale. Das Leben hat allerdings auch noch ein Wörtchen mitzureden. Da Kennedy die Welt aber nicht nur so beschreibt, wie sie ist, sondern auch so, wie man sie durch sprechende, schreibende und schweigende Tat verändern kann, wird vielleicht doch noch alles gut. Im Gespräch mit Hans Jürgen Balmes, Programmleiter für internationale Literatur des Fischer-Verlags, wird es sicher auch darum gehen, was Jon wohl über den Brexit denkt, dessen Vorbereitung seine realen Kollegen derzeit in Atem hält.

          A.L. Kennedy liest an diesem Mittwoch, 21. November, von 20 Uhr in der Frankfurter Brotfabik, Hanauer Landstraße 186.

          A. L. KENNEDY in Frankfurt

          A. L. KENNEDY 21. November, 20 Uhr, Romanfabrik, Hanauer Landstraße 186, Frankfurt

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