https://www.faz.net/-gzg-9f2rv

„Capriccio“ in Frankfurt : Der doppelte Boden

Wiederaufgenommen: Brigitte Fassbaenders „Capriccio“ an der Oper Frankfurt Bild: Monika Rittershaus

Brigitte Fassbaenders „Capriccio“ wird in Frankfurt wiederaufgenommen. Musikalisch ist die letzte Oper von Richard Strauss etwas für Kenner. Als Gastdirigent gibt Lothar Koenigs sein Debüt am Haus.

          2 Min.

          In Berlin 1939 geboren, gehört Brigitte Fassbaender zu der Generation, die in der Trümmerwüste aufwuchs. Über Jahrzehnte hinweg prägten die Ruinen des Zweiten Weltkriegs noch die Stadtbilder und gaben unablässig Zeugnis vom Wahnsinn der Nazis. Es wundert nicht, dass sich die große Mezzosopranistin, die sich seit 1994 dem Regieführen widmet, bis heute fragt, wie all das geschehen konnte, wie es kam, dass intelligente Künstler zu Mitläufern oder gar Nutznießern des Systems wurden. Das gilt aus ihrer Sicht für den Komponisten Richard Strauss, der zeitweilig Präsident der Reichsmusikkammer war, wie für den Dirigenten Clemens Krauss, der gute Beziehungen zu Hitler und Goebbels pflegte und für Strauss das Libretto zu dessen letztem musikalischen Bühnenwerk schrieb, zu „Capriccio“.

          Guido Holze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das war 1942, als die Welt in Flammen stand. Da wandten sich Krauss und Strauss allen Ernstes dem Rokoko zu und flüchteten sich ganz in die ästhetische Betrachtung. Denn in „Capriccio“, das sie im Untertitel ein „Konversationsstück für Musik“ nannten, passiert nicht viel: Der Komponist Flamand und der Dichter Olivier umwerben auf einem Schloss bei Paris etwa um das Jahr 1775, zur Zeit der Opernreform Glucks, die schöne Gräfin Madeleine und verstricken sich dazu in einen wortreichen Streit, ob die Musik oder die Dichtkunst höheren Rang habe. Brigitte Fassbaender nannte das, als sie „Capriccio“ im vergangenen Januar an der Oper Frankfurt neu inszenierte, offen eine „Weltflucht“. Für sie ist es nicht nachvollziehbar, wie die beiden kreativen Köpfe so die Augen vor der Realität verschließen konnten.

          „Leckerbissen für kulturelle Feinschmecker“

          Mit dem Regisseur der Münchner Uraufführung, Rudolf Hartmann, hat Brigitte Fassbaender als junge Sängerin in München selbst noch gearbeitet. Doch nun entwarf sie ihre eigene Deutung und klopfte das Stück dazu auf einen doppelten Boden hin ab, wie sie sagte. Sie beließ das Stück so zwar in Paris, verlagerte es aber in die Entstehungszeit, in die Zeit der deutschen Besatzung. Allzu platt sollte das aber nicht geschehen: In ihrer Inszenierung treten keineswegs ständig Menschen in SS-Uniformen auf, und es stehen auch keine Panzer auf der Bühne. Vielmehr ist alles zunächst recht normal in einem schmucken Glassaal angesiedelt, wo sich die Protagonisten in Zivil über die vorgegebenen Themen unterhalten, über das Verhältnis von Wort und Ton, über das Theater und so weiter. Erst am Schluss wird in der Produktion, die am Samstag, 6. Oktober, an der Oper Frankfurt zum ersten Mal wiederaufgenommen wird, wirklich deutlich, dass sich die Gräfin Madeleine der Résistance zuwendet.

          Musikalisch ist „Capriccio“ schon etwas für Kenner. Strauss selbst nannte seine letzte Oper einen „Leckerbissen für kulturelle Feinschmecker“ und wollte das Werk als sein künstlerisches Testament verstanden wissen. Dazu spickte er es mit Selbst- und Fremdzitaten. Wie beiläufig fließen etwa Anklänge aus seiner Oper „Ariadne auf Naxos“ ein, die Brigitte Fassbaender auch schon in Frankfurt inszeniert hat. Oder es blitzen plötzlich Motive auf aus Opern von Wagner, Gluck und Rossini, Couperin und Rameau – samt Einsatz eines Cembalos. Eröffnet wird „Capriccio“ zudem nicht mit einer Ouvertüre, sondern ganz fein kammermusikalisch mit einem Streichsextett von acht Minuten Dauer. Sein ganzes kompositionshandwerkliches Können ließ Strauss einfließen in sehr komplexe, polyphone Nummern wie das „Streit-Ensemble“ und das „Lach-Ensemble“.

          Bei der Premiere stand mit Generalmusikdirektor Sebastian Weigle ein ausgewiesener Experte für die Opern und Orchesterwerke von Richard Strauss am Pult des darin ebenso erfahrenen Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. In der Wiederaufnahme gibt nun Lothar Koenigs als Gastdirigent sein Debüt am Haus. Der gebürtige Aachener ist seit vielen Jahren Musikdirektor der Welsh National Opera in Cardiff. Als Gräfin Madeleine ist nun die kanadische Sopranistin Kirsten Mac Kinnon zu erleben, die erst seit Beginn dieser Saison fest zum Ensemble der Oper gehört. Neu steigen außerdem ihr Kollege Sebastian Geyer als Graf und aus dem Opernstudio Iain MacNeil als Olivier in die Produktion ein.

          Carpriccio

          Wiederaufnahme, 6. Oktober, 19.30 Uhr, Oper Frankfurt; weitere Vorstellungen am 12., 19. und 26. Oktober sowie am 4. November

          Weitere Themen

          Schlager vorm Balkon

          Abwechslung in Corona-Zeiten : Schlager vorm Balkon

          Ein Musiker hat in der Postsiedlung die Lieblingslieder betagter Bewohner gespielt und für eine Weile die Corona-Sorgen vertrieben. Doch ein Verein hat noch mehr vor.

          „Empört Euch !? – Arm im Wohlfahrtsstaat“ Video-Seite öffnen

          Ökumenischer Kirchentag : „Empört Euch !? – Arm im Wohlfahrtsstaat“

          Die Deutschen leben in einem reichen Land, das Milliarden Euro mobilisieren kann, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu bekämpfen. Und dennoch sind viele Menschen arm. Ein Gespräch zwischen Georg Cremer, ehemaliger Generalsekretär der Caritas, und Joachim Rock, Abteilungsleiter im Paritätischen Gesamtverband. Aus der Gesprächsreihe „Schaut hin- zum Ökumenischen Kirchentag 2021“.

          Topmeldungen

          Nach einer langen Nacht in Brüssel ging es für Bundesfinanzminister Olaf Scholz am Mittwoch in Berlin weiter.

          Corona-Bonds : Büchse der Pandora

          Die Behauptung, Corona-Bonds würden ein Ausnahmefall bleiben, zeigt bestenfalls politische Naivität. Wer die Büchse der Pandora öffnet, kann sie nie wieder schließen.

          Corona-Quarantäne : Stresstest für die Psyche

          Die behördlich angeordnete Isolierung schützt zwar viele Menschen vor tödlichen Krankheiten. Doch sie kann auch schwere seelische Leiden zur Folge haben, mit monatelangen Nachwirkungen. Was kann man dagegen unternehmen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.