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Folgen für Hessen : Die neue Brexit-Bescheidenheit

Bereit für die Briten: Bauarbeiter im Büro-Hochhaus Marienturm an der Frankfurter Taunusanlage. Bild: EPA

Vor zwei Jahren noch träumte Hessen von Tausenden neuen Arbeitsplätzen durch den Brexit. Nun heißt es, dass man mit einer schwarzen Null zufrieden sein müsse.

          Frankfurter wissen schon, was Brexit heißt. Viele Vermieter glauben, dass Tausende Bankermillionäre demnächst am Main die Mieten in die Höhe treiben werden. Die Makler erzählen es jedem Wohnungs- oder Bürosuchenden. Und die akzeptieren schnell jeden Preis, bevor die Londoner wirklich kommen – also steigen die Mieten, ohne dass tatsächlich ein Umzugstransporter aus London zu sehen wäre. Das nennt man eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aus der Luft gegriffen schien die Erwartung der britischen Massenzuwanderung nicht: Die Landesbank Helaba zum Beispiel hatte erst vor einem Jahr prognostiziert, dass um die 8000 Arbeitsplätze von der Themse an den Main verlegt würden, andere Studien gingen sogar von 10.000 und mehr Jobs aus. „Ich habe viele solcher Zahlen gelesen“, sagt Folke Mühlhölzer, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Hessen-Agentur. Die landeseigene Wirtschaftsförderung hat eigentlich die Aufgabe, die positiven Seiten des Landes im In- und Ausland anzupreisen. Und dennoch sagt er: „Man muss das netto sehen.“ Mit dieser Sicht steht er in der Landesregierung keineswegs allein. Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen), der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Hessen-Agentur ist, meint: „Wir haben durch den Brexit die Chance, den Finanzsektor in der Region stabil zu halten.“ Schon das wäre ein Erfolg.

          Die Logik der Wirtschaftsförderer: Zwar würden tatsächlich mehrere Finanzinstitute teilweise oder komplett ihren Sitz von der Themse an den Main verlegen. Mehr als 20 Banken hätten schon ihre Bereitschaft dazu erklärt, von großen Instituten wie Goldman Sachs bis hin zu eher kleineren Häusern wie der Silicon Valley Bank. Doch erstens, sagt Al-Wazir, müsse man diese neuen Jobs mit jenen in der Branche verrechnen, die zugleich wegfallen: Commerzbank und Deutsche Bank haben Stellenabbau angekündigt, kleinere Institute schließen Filialen oder fusionieren. In Frankfurt, sagt der Minister, seien trotz Dauerkonjunktur weniger Menschen im Finanzsektor beschäftigt als 2012. Die Brexit-Banker könnten dieses Stellen-Minus allenfalls ausgleichen.

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          Und zweitens gebe es das große Missverständnis, Stellen mit Personen gleichzusetzen, sagt Hessen-Agentur-Chef Mühlhölzer. Ob gutbezahlte Top-Positionen tatsächlich nach Frankfurt verlagert würden, sei gar nicht ausgemacht. Beim mittleren Management und einfachen Fachkräften wiederum dürften sich die Unternehmen vor allem Mitarbeiter in der Rhein-Main-Region suchen. Das sei billiger als eine massenhafte Umsiedlung der Belegschaft von England nach Hessen. Solche Zurückhaltung ist ungewöhnlich für Wirtschaftsförderer. Zumal die Hessen-Agentur mit ihren Töchtern Hessen Trade & Invest und Stadtentwicklungsgesellschaft, die zuständig für den Frankfurter Riedberg ist, gestern bei der Vorstellung ihrer Zweijahresbilanz gute Zahlen vorlegen konnte. 173 ausländische Unternehmen, der Großteil aus den Vereinigten Staaten und China, haben sich ihren Angaben nach 2017 in Hessen angesiedelt, also 53 mehr als noch vor fünf Jahren. Die Investitionssumme je Einwohner sei mit 22.000 Euro mittlerweile die höchste eines deutschen Flächenlandes.

          Optimismus fällt zurückhaltend aus

          Dazu kommt, dass die Agentur längst nahezu reibungslos mit der Regionalvermarktung Frankfurt/Rhein-Main und der Frankfurter Wirtschaftsförderung kooperiert. Sätze wie jener von Mühlhölzer, viele Standortansiedlungen seien als Erfolg der Kommunen zu werten, wären vor wenigen Jahren, unter anderer Führung, undenkbar gewesen. „Dass eine hessische Wirtschaftsdelegation überraschend im brasilianischen Urwald auf eine Frankfurter Delegation trifft, gibt es nun jedenfalls nicht mehr“, bemerkt Al-Wazir süffisant. Beim Brexit scheint es eine klare Arbeitsteilung zu geben: Frankfurt und Frankfurt/Rhein-Main werben um die Finanzinstitute, die ohnehin nur in die Mainmetropole wollen, die Hessen-Agentur kümmert sich um Mittelständler, die ihre britische Produktion überall ansiedeln können.

          Dass der Optimismus der Standortwerber dennoch zurückhaltend ausfällt, liegt an Donald Trump und dem Zollstreit zwischen Amerika und Europa. Der würde gerade Hessen hart treffen, das stärker als andere Bundesländer wirtschaftlich mit den Vereinigten Staaten verbandelt ist. Die Auswirkungen des Handelskonfliktes, sagt Rainer Waldschmidt, Geschäftsführer von Hessen Trade & Invest, seien noch nicht abschätzbar. „Wir haben aber die Sorge, dass es für alle schwieriger wird.“

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