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Bratwurstverkäufer in Frankfurt : Der Mann mit dem Bauchladen

Frankfurter Original: Harald Rullmann verkauft mit seinem Bauchladen, einer Konstruktion aus Grill und Gasflasche, Bratwürste auf der Zeil Bild: Fiechter, Fabian

Wenn Harald Rullmann nach Hause kommt, schüttelt er Arme und Beine, geht in die Knie, streckt sich, bis die Knochen knacken. Das muss sein, denn der Mann trägt schwer an seiner Arbeit.

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          Es ist spät, fast neun, wenn Harald Rullmann nach Hause kommt. Er schüttelt Arme und Beine, geht in die Knie, streckt sich, bis die Knochen knacken. Er spürt jede Stunde, die er stand. Sein rechter Fuß ist entzündet, ein Zeigefinger dick vom Zangehalten, und einmal hatte Rullmann eine dicke Beule am Handgelenk, die sah aus wie ein Geschwür. Aber wenigstens könne er morgens lange schlafen, sagt er, das sei ihm wichtig. Denn wer will schon vor zwölf Uhr eine Bratwurst essen?

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten.

          Seit vier Jahren verkauft Rullmann Würstchen von seinem mobilen Grill. Es ist eine Art Bauchladen, Rost und Heizspirale hat er vor sich, auf dem Rücken einen Kanister mit Gas, beides verbunden über einen Schlauch mit Ventil. Ein regenbogenbunter Schirm schützt ihn vor Vogelmist. 30 Kilo wiegt die Konstruktion, die Rullmann sieben bis acht Stunden am Tag, sechs Mal die Woche, auf seinen Schultern trägt. Rullmanns Platz ist die Frankfurter Zeil zwischen Kaufhof und dem Einkaufszentrum My Zeil. Um ihn herum hetzen die Menschen, manche kaufen eine Wurst. Seine Kunden sind nicht die ganz Reichen und nicht die ganz Armen, sondern die vielen dazwischen. So wie er selbst.

          Viele nennen Rullmann den Bratwurstmann, die meisten duzen ihn und wollen ein Foto machen. Manchmal pöbeln ihn Jugendliche an und lachen. Rullmann pöbelt nicht zurück. Er dreht dann die Würste vor seinem Bauch und zieht ein paar Meter weiter. So sei der Umgang auf der Straße eben, sagt er.

          Er kennt das Frankfurter Pflaster gut. 15 Jahre war Rullmann Fahrradkurier in der Stadt. Davor Umzugshelfer und Zeitarbeiter im Büro. Seine letzte Ausbildung brach er mit 26 ab, Groß- und Außenhandelskaufmann. Jetzt ist er 45. Er weiß, dass er nicht ewig wird Bratwürste verkaufen können, da macht sein Körper nicht mit. Egal, dann sucht er sich etwas anderes. Alles, nur kein Hartzer werden, sagt Rullmann.

          Aber er denkt nur selten an die Zukunft. Noch läuft ja das Geschäft, und sein Rücken zwickt nur manchmal. Wie viele Würste er am Tag für 1,90 Euro das Stück verkauft? Verrät er nicht. Im Frühjahr laufe es besser, im Sommer schlechter, der Winter sei durchwachsen. Es reiche. Rullmann hat keine Familie, seine Wohnung in Sachsenhausen ist günstig. Urlaub hat er noch nie gemacht, nur einmal war er mit einem Freund ein Wochenende in Paris: der Eiffelturm, die Cafés. Später, er weiß nicht, wann, will er sich die Welt anschauen.

          Aber wenn er nicht arbeitet, verdient er auch kein Geld. Rullmann muss hart kalkulieren. Sein Metzger, bei dem er die Würste kauft, hat dieses Jahr die Preise erhöht, die Brötchen werden wahrscheinlich nächstes Jahr teurer. Rullmann hat sie in einer Fahrradtasche deponiert, aus der er bei Bedarf Nachschub holt. In einem nahen Parkhaus steht sein alter Kombi mit einer Kühlbox für die Bratwürste, außerdem lagert im Kofferraum der Grill über Nacht. Das Auto steht da immer, Rullmann fährt mit dem Fahrrad nach Hause, auch im Winter.

          Für den stärksten Frost hat Rullmann Skihosen im Kleiderschrank. Er beschwert sich nicht, er ist zäh und bleibt zu seinen Kunden freundlich, auch bei minus zehn Grad. Seine Konkurrenten gaben schon vor dem ersten Winter auf. Die Idee mit dem mobilen Würstchengrill kommt aus Berlin. Zwei Unternehmer brachten die Geräte nach Frankfurt, sie wollten das Geschäft groß aufziehen. Rullmann wurde ihr Mitarbeiter, aber die Berliner zogen sich bald wieder zurück, als es nicht so lief, wie sie sich das vorstellten. Rullmann machte weiter. „Ich bin auf neue Konkurrenz nicht scharf“, sagt er. Manchmal wünscht er sich einen Kollegen, mit dem er etwas sprechen könnte, aber das würde sich nicht rechnen. Es bleibt nur der Ballonverkäufer, der aufblasbare Kinderträume verkauft. Das sei ein anderes hartes Geschäft, sagt Rullmann. „Ich verkaufe Wurst.“

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