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Brasilanische Krimiautorin : Gespaltene Heimat, gespaltene Seelen

Seit kurzem lebt sie in der Schweiz: Patricia Melo vor einigen Jahren bei sich zu Hause in Sao Paulo. Bild: Julia Moraes

Nachrichten aus dem Land des Verbrechens: Die brasilianische Krimiautorin Patrícia Melo ist von heute an Gast der „Frankfurter Literaturtage“.

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          Der Nachbar lärmt. Musik und die Geräusche des Fernsehers dringen aus der Wohnung Ygor Silvas hinunter in die des Erzählers, der an einer unterfinanzierten staatlichen Schule in einem der weniger wohlhabenden Viertel von São Paulo Biologie unterrichtet. Der Lehrer hält das alles kaum noch aus. Weder die Schüler, die sich ihr Taschengeld neben dem Ausfahren von Pizza mit Gaunereien verdienen, noch die Musik, das Liebesgestöhne und die lauten Schritte von oben. Es muss etwas geschehen. Also geschieht es. Und der Lehrer hat eine Leiche am Hals, die er beseitigen muss.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie es dazu kommt, wie er dabei entdeckt wird und was danach geschieht, beschreibt Patrícia Melo in ihrem Kriminalroman „Der Nachbar“, den sie von heute an bei den „Frankfurter Literaturtagen“ vorstellt. „Global Crime“ heißt das Thema des Festivals, das Litprom, die in Frankfurt ansässige Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika, zum achten Mal veranstaltet. Jedes Jahr gegen Ende Januar erschließt es Besuchern aus dem Rhein-Main-Gebiet eine literarische Weltregion, von den arabischen Staaten bis zu denen Schwarzafrikas. Oder ein Thema. Diesmal geht es um Krimis aus aller Welt, ihre Unterschiede und Ähnlichkeiten.

          Gewaltverbrechen und seine Aufklärung

          Melo gehört zu den acht Autoren, die sich zusammen mit fünf kundigen, im Erstellen von Krimibestenlisten und Buchreihen erfahrenen Moderatoren anderthalb Tage lang darüber unterhalten werden, was das Gewaltverbrechen, den Versuch seiner Aufklärung und seine literarische Schilderung für Leser aus Argentinien, Australien, Brasilien, Haiti, Hongkong, Südafrika, Südkorea und Uruguay interessant macht.

          Typische Krimis sind Melos Romane nicht, aber sie leben von Motiven und Verfahren der Kriminalliteratur. In „Der Nachbar“ finden sich ein Verbrechen und ein Verbrecher, der Versuch des einen, das andere zu verwischen, und die unvermeidliche Entdeckung beider. Melo führt ihr Interesse an solchen Erzählungen auf das jahrzehntelange Beobachten der Wirklichkeit in ihrer Heimat zurück: „In Brasilien werden jährlich durchschnittlich 63.000 Menschen ermordet.“ Die allgegenwärtige Gewalt, „eine Art staatlich abgesegneter Völkermord“, treffe vor allem Jugendliche, Arme, Schwarze und die Einwohner der Favelas und Vorstädte: „Es ist unmöglich, das Brasilien von heute ohne diese Gewalt zu verstehen.“

          Debüt mit Krimi

          Sie selbst ist am 2. Oktober 1962 in Assis zur Welt gekommen, einer kleinen Großstadt im Westen des Bundesstaats São Paulo, vierhundert Kilometer von der Metropole entfernt. Sie schrieb Drehbücher für Fernsehserien, ehe sie 1994 mit dem Krimi „Acqua Toffana“ debütierte, der sieben Jahre später unter dem Titel „Ich töte, du stirbst“ auch auf Deutsch erschien. Bei Klett-Cotta in Stuttgart ist sie seitdem geblieben; in den vergangenen Jahren sind ihre Romane im vor kurzem wieder zurück nach Berlin gezogenen Imprint Tropen herausgekommen.

          Zusammen mit ihrem Mann, dem 1947 geborenen brasilianischen Dirigenten John Neschling, lebt Melo derzeit im schweizerischen Lugano. Nach Brasilien kommen ihr die friedlichen Spaziergänge am Seeufer irreal vor, sie vergleicht sie mit dem Leben in der lügnerischen Scheinwelt des Films „Die Truman Show“. Die Schweiz, habe ein Freund neulich zu ihr gesagt, sei das Disneyland des Planeten. Von dort aus blickt sie zurück nach Brasilien, „in sich zerfallen“, ohne jeden Gesprächsfaden zwischen Linker und neuer Rechter: „Mein Roman ist eine Fabel über dieses bedrohliche, gewalttätige, kranke Land, in dem die Idee des anderen vor allem eine Idee des Feindes ist.“

          „Bolsonaro ist wie ein Krankheitserreger“

          Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro ist für sie nur das „offensichtlichste Symptom“ dieser politischen Pathologie. Die Linke habe versagt: „Bolsonaro ist wie ein Krankheitserreger, der sich diese Körperschwäche zunutze macht.“ Melo hat für Bolsonaros Gegner Fernando Haddad Wahlkampf gemacht und bedauert sehr, dass er nicht gewonnen hat. Zumal es den Medien gelungen sei, Bolsonaros Anti-Korruptions-Getöse aus dem Wahlkampf schon nach einem knappen Monat als völlig unglaubwürdig zu entlarven. Schließlich werde der Präsidentensohn Flávio, in Rio de Janeiro zum Senator gewählt, beschuldigt, Angehörige eines Verbrechers beschäftigt zu haben.

          Was ist bloß mit den Männern los? Als Jugendliche hat Melo viele Krimis gelesen, am liebsten Dashiell Hammett und Raymond Chandler. „An ihre Handlung kann ich mich nicht mehr erinnern, an ihre Sprache schon.“ Das sei es ohnehin, was jedes gute Schreiben ausmache: „Die Neuerschaffung der Sprache.“ Hammetts und Chandlers zynische Charaktere haben ihr aber auch gefallen, ebenso wie die von ihnen geschilderte „Einsamkeit und Verzweiflung des in der Stadt lebenden Mannes“. Es ist ein Topos, den „Der Nachbar“ ebenso wieder aufgreift wie die einsamen Ich-Erzähler, die sich in Dostojewskis „Doppelgänger“ und Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ in Wünsche, Begierden und Befürchtungen hineinsteigern, ohne zu begreifen, dass sie dabei sind, den Verstand zu verlieren.

          Zerrissenes Land, gespaltenes Bewusstsein: Auch Melo kommt es vor allem auf die Figuren an. „Mir gefällt es, sie erschaffen und mit Widersprüchen und Ambivalenzen aufbrechen zu können“, sagt sie: „Sie mit verbotenen Früchten in Versuchung zu führen – daraus entsteht der Stil“. Dabei beginnt die Arbeit an jedem neuen Roman mit nicht mehr als einem „Unwohlsein“ bei einem bestimmten Thema: „Meine Geschichten entstehen aus diesem seltsamen Gefühl heraus. Ich versuche, es zu packen, bis ich eine Stimme finde, die meinem Unwohlsein Gestalt gibt. Dann habe ich eine Figur, und es geht los.“ Den Deutschen Krimipreis hat sie sich mit dieser Methode schon zweimal erschrieben, in Frankfurt hat sie zudem vor sechs Jahren den Liberaturpreis erhalten.

          Und was vereint nun Krimis aus aller Welt? Mit der These der Festivalorganisatoren, die Kriminalliteratur sei ein Code, der sich auf der ganzen Welt entziffern lasse, ist sie einverstanden: „Das menschliche Böse haben alle Kulturen gemein.“ Wichtiger ist ihr das, was die Literatur auszeichne, die versuche, diese Gewalt abzubilden: „Eine merkwürdige Besessenheit von der utopischen Idee, das menschliche Leben verstehen zu können.“ Krimis erlauben vieles, vom Philosophieren bis zum Politisieren. Melo sieht ihr Schreiben auch als eine Art des Widerstands: „Brasilien braucht eine bessere Zukunft.“

          Zwei Tage Krimis

          Die „Frankfurter Literaturtage“ beginnen heute um 16 Uhr im Frankfurter Literaturhaus und gehen morgen um 11 Uhr weiter. Zu Gast sind acht Autoren aus ebenso vielen Ländern auf vier Kontintenten. Karten für einzelne Veranstaltungen kosten an der Tageskasse acht Euro, ermäßigt sechs Euro, das Kombiticket ist für 28 Euro erhältlich, ermäßigt ist es für 19 Euro zu haben. Weitere Informationen zum Programm gibt es im Internet unter der Adresse www.litprom.de. (balk.)

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