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Brachttal-Museum Wächtersbach : Vom Spucknapf zum Dekorteller

Rückblick: Im Brachttal-Museum werden Beispiele Wächtersbacher Keramik gezeigt. Bild: Rüchel, Dieter

Eine Ausstellung im Brachttal-Museum zeigt die Vergangenheit der untergegangenen Traditionsmarke Wächtersbacher Keramik.

          2 Min.

          Gut anderthalb Jahre ist es her, dass die Produktion der Wächtersbacher Keramik im Brachttaler Ortsteil Schlierbach eingestellt wurde und das traditionsreiche Unternehmen in seiner bisherigen Form ein Ende fand. Die Mitglieder des Museums- und Geschichtsvereins Brachttal haben es sich zur Aufgabe gemacht, die nun beendete Geschichte der Fertigung in der Steingutfabrik, die einst Hunderten Menschen in der strukturschwachen Gegend Arbeit gab, im Brachttal-Museum zu beleuchten. Auf die Sonderausstellungen von Figuren aus der Produktion im Jahr 2007 und von Keramik aus den zwanziger Jahren im Jahr 2010 folgt jetzt die Schau „Wächtersbacher Steingutfabrik - Die ersten Jahre“. Zu sehen sind mehr als 400 Exponate vom Gründungsjahr 1832 an bis zur Zeit des Historismus Mitte der achtzehnhundertsiebziger Jahre.

          Luise Glaser-Lotz
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Die seltenen Stücke zusammenzutragen war nach den Worten des stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Ulrich Berting schwierig. Da es sich vornehmlich um Gebrauchsgeschirr handelt, sind über die Jahrzehnte viele Teile zu Bruch gegangen oder wegen der Gebrauchsspuren weggeworfen worden. Aus mehr als 20 öffentlichen und privaten Sammlungen stellte man die Exponate zusammen. Um sie zeitlich einzuordnen, stöberten die Vereinsmitglieder in Archiven und zeitgenössischen Quellen wie im Hessischen Staatsarchiv Marburg, wo sie auf ein Preisverzeichnis des Jahres 1834 stießen, oder im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Dort fand sich eine aufschlussreiche Preisliste aus dem Jahr 1876.

          Rheinserien und Genremalerei

          Gegründet wurde die Fabrik im Oktober 1832 zunächst in Weilers, einem heutigen Stadtteil von Wächtersbach. Vermutlich zu Beginn des Jahres 1834 begann dann die Fertigung in Schlierbach. Nachdem man im Jahr 1829 hochwertigen weißen Ton im Wald bei Schlierbach gefunden hatte, riet der spätere Werkmeister Johann Scherf von der Steingutfabrik Damm bei Aschaffenburg zur Errichtung einer Manufaktur. Scherf wurde alsbald Werkmeister dort und brachte wohl auch einige Mitarbeiter aus Aschaffenburg mit.

          Ihrem Einfluss schreibt es Berting zu, dass auf zahlreichen Schmucktellern der ersten Jahre das Schloss Johannisburg, die Orangerie des Parks Schöntal oder Szenen aus dem Landschaftspark Schönbusch zu sehen sind. Die Motive wurden ebenso wie die Bilder der Rheinserien oder die Darstellungen der Genremalerei der Biedermeierzeit im Kupferumdruckverfahren auf das Geschirr gebracht. Diese um 1842 aufkommende Methode kennzeichnet den Aufbruch in eine schmuckvollere Zeit der Wächtersbacher Keramik. Zuvor waren die Erzeugnisse wesentlich schlichter und vor allem praktisch, wie die ältesten Exponate der Ausstellung zeigen: keramische Bettpfannen, Spucknäpfe und sogar ein Toilettenstuhl mit Keramikeinsatz füllen die erste Vitrine. Dazu gesellte sich die weiße Gebrauchsware wie Tassen, Teller, Leuchter, Gefäße für den Transport von Speisen, Eierbecher, Kannen, Schüsseln und Vasen. Aus Porzellan konnten sich die meisten Menschen solche Dinge oft nicht leisten, das wesentlich günstigere Steingut war da schon erschwinglicher. Einfach waren auch die ersten Vertriebswege. Über das Land ziehende Händler füllten ihre Kiepen mit dem Steingut, meist auf Kommissionsbasis. Das bedeutete, dass die Fabrik oft sehr lange und manchmal auch vergeblich auf ihr Geld warten musste.

          Mit der Zeit kam immer mehr Farbe ins Spiel. Anschaulich dokumentiert die Schau die unterschiedlichen Dekorationstechniken vom Kupferumdruckverfahren über die Handcoloration bis hin zu den „Flowing-Dekoren“. Dafür wurden meist die Farben Blau aus Cobaltoxid oder Grün aus Kupferoxid verwandt, die bei sehr hohen Temperaturen leicht verwischten und so die Formen weicher erschienen ließen.

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