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Boxprofi Jack Culcay : Nur die Fäuste sollen sprechen

  • -Aktualisiert am

Bislang nur Interims-Champion: Der deutsche Boxer Jack Culcay könnte auch bald offiziell den Titel WBA-Weltmeister tragen. Bild: dpa

Boxprofi Jack Culcay ist ein Kämpfer, der die Show nicht mag. Der Hesse kann an diesem Wochenende Weltmeister werden - während er vor dem Computer sitzt.

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          Jack Culcay hat zwei Sehnsuchtsorte: Darmstadt und Las Vegas. Darmstadt bedeutet ihm Heimat und Familie, Las Vegas ist der angesagte Schauplatz, wenn es darum geht, sich als bester Boxer seiner Gewichtsklasse zu beweisen. Im April hat Culcay in Potsdam geboxt. Der übertragende Fernsehsender Sat 1 feierte den Wahlhessen nach seinem Abbruchsieg über Jean Carlos Prada als WBA-Weltmeister im Halbmittelgewicht. Die Reaktion des Champions fiel noch verhaltener aus als in so manchem Duell zuvor, wo weniger auf dem Spiel stand.

          Es stellt sich nämlich erst an diesem Samstag heraus, ob der Sieg vom 9. April tatsächlich WM-tauglich war. Aktuell heißt der Weltmeister nach Version der WBA immer noch Erislandy Lara, während sich Culcay nach wie vor Interims-Weltmeister nennen darf. Jenen Titel, den er in Potsdam gegen Herausforderer Prada verteidigt hat. Gewinnt der Kubaner Lara in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai im Cosmopolitan-Casino von Las Vegas gegen Vanes Martirosyan, einen Profi mit amerikanischem und armenischem Pass, wird Lara von der WBA zum Superchampion gekürt und Culcay steigt automatisch zum Weltmeister auf.

          Culcay hofft, den Fight von Las Vegas via Livestream verfolgen zu können. Die Konstellation, mit der die WBA eine inflationäre Titelpolitik betreibt, nervt ihn. Denn es bleibt die Unsicherheit: Was wird, falls Favorit Lara verlieren sollte? Dann, so hat man es den Interims-Weltmeister wissen lassen, müssten Culcay und Martirosyan innerhalb von 180 Tagen gegeneinander antreten und den Weltmeister unter sich ausmachen.

          Lange Suche nach dem richtigen Trainer

          2009 ist Jack Culcay Weltmeister der Amateure geworden. Da, wo er seitdem als Preisboxer in den Ring geklettert ist, fühlte er sich gleichsam im Vorzimmer zur Weltklasse. Inzwischen ist der Hesse mit Wurzeln in Ecuador 30 Jahre alt und ist es leid, nicht in den Hotspots der Preisboxer präsent zu sein. Las Vegas sollte es schon sein. Mit anderem Ausgang als für den Kollegen Arthur Abraham, der dort im Februar seinen WM-Titel verlor. Genau an jenem Abend, als Culcay in Potsdam boxte und damit automatisch im Schatten Abrahams stand. Hinterher war Trainer Ulli Wegner aus der Ferne „unheimlich stolz auf Jack, der mit einer extrem disziplinierten Leistung seine WM-Ambitionen unterstreichen konnte“. Wegner nennt Culcay seinen „Musterschüler, wenn es ums Training geht.

          Er hat das zuletzt auch nahezu perfekt im Wettkampf umgesetzt.“ Ohne Wegner, mit seinem Assistenten Georg Bramowski in der Ringecke, weil Wegner am selben Abend Abraham in Las Vegas betreute. „Wegner und Bramowski ergänzen sich perfekt“, schwärmt Culcay. Mit dem achten Trainer im siebten Profijahr scheint Culcay mit Wegner endlich den richtigen Mann an seiner Seite gefunden zu haben. Selbst Culcays Vater Roberto, selbst Boxtrainer, ist voll des Lobes: „Wir haben so viel Vertrauen wie nie zuvor.“ Solange Culcay junior bei seinem Manager Moritz Klatten in Hamburg trainierte, war er Einzelkämpfer. An die Hamburger Jahre des Jack Culcay erinnert nur noch das Kennzeichen HH an seinem Geländewagen. Inzwischen ist er Teil der Sauerland-Trainingsgruppe in Berlin. Ein Miteinander, das Culcay genießt.

          Will sich nicht via K.o. profilieren

          Ein paar Wochen war Jack Culcay daheim in Darmstadt, hat pausiert, einige Zeit in der Pfungstädter „SportsBase“ für Hobby- und Leistungssportler seines Bruders verbracht, ehe es nach Pfingsten zurück zu seiner Freundin in Berlin und zu Ulli Wegner ging. „Ich versuche, Pause zu machen.“ Der Satz umschreibt, wie schwer es dem Preisboxer fällt, seinem Körper Ruhephasen zu gönnen. So gern er daheim ist, die gemeinsamen Stunden mit den Geschwistern und Freunden auskostet wie ein seltenes Gut. Ein Frühstück bei seiner Schwester zieht er jeder Disco vor, „keine Lust darauf“, sagt er. Überhaupt, er mag die Show rund ums Berufsboxen nicht. Keine markigen Sprüche, kein Herabsetzen des Gegners. Als sie ihn in Hamburg dafür gewinnen wollten, auf der Reeperbahn vor der „Ritze“ für ein Foto zu posieren, bekam sein Manager „das bin ich nicht“ zu hören.

          Einer, der nur seine Fäuste sprechen lassen will, ist schwer zu vermarkten. „Wir sind nicht daran interessiert, die Leute kaputtzumachen“, kontert Culcay senior, sobald die Forderung kommt, sich via K.o. zu profilieren. „Boxen ist kein Krieg“, ergänzt Culcay junior, ehe er mit seiner Dobermann-Hündin Chica laufen geht. Vorher hat er von den sechs, sieben Jugendlichen erzählt, die seit vier Monaten in die Übungsstunden der Culcays kommen. Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Irak, Syrien. „Sie sind nett, trainieren fleißig“, weiß Jack Culcay zu berichten. So könnte man auch diesen Weltmeister in spe charakterisieren. Ein Familienmensch mit sechs Nichten und sechs Neffen, von denen die Hälfte in Florida und Kalifornien zu Hause ist. Die fragen schon, wann der Onkel endlich in Las Vegas boxt. Lieber heute als morgen. Aber Jack Culcay vermeidet leere Versprechungen in einem Geschäftszweig wie dem Berufsboxen, der genau dies zum lukrativen Geschäftsmodell entwickelt hat.

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