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Kampf um Weltmeisterschaft : Zwischen Bäckerei und Boxring

  • -Aktualisiert am

Sie weiß, wie man Titel holt: Boxerin Sarah Bormann Bild: Imago

Nach über zehn Jahren als Amateurin geht dann alles ganz schnell. Boxerin „Babyface“ Sarah Bormann greift im Halbfliegengewicht nach ihrem ersten WM-Titel.

          „Ich war zehn Jahre Amateur, das reicht!“ Sarah Bormann sagt das so resolut, wie sie den Sandsack mit ihren Boxhandschuhen bearbeitet. Die letzte Trainingswoche vor dem Kampf um die Weltmeisterschaft im Halbfliegengewicht hat begonnen. Gleich beginnt das Sparring gegen Attila Sendinc. Der ist amtierender Hessenmeister im Halbweltergewicht, also gut 15 Kilogramm schwerer als Sarah Bormann. Man könnte sie mit ihren 163 Zentimetern als zierlich beschrieben, aber irgendwie ist es nicht die passende Wortwahl, sobald man sie im Boxring zuschlagen sieht. Übungsrunden mit Frauen würden nichts bringen, begründet Benjamin Romero, warum Sendinc der Mann seiner Wahl ist. „Frauen halten das nicht durch, die sehen kein Land“, sagt der Trainer und schaut auf die Stoppuhr. Im Ernstfall, wenn es zählt, sind beim weiblichen Geschlecht zwei Minuten pro Runde angesagt, hier, im stickigen, fensterlosen Raum der Hanauer Main-Kinzig-Halle, drückt Romero erst nach 180 Sekunden den Knopf der Stoppuhr. Und das über die Distanz nach jeweils neun geschlagenen Runden. Attila schnauft, Sarah auch, aber in einer anderen Tonlage. Romero hat den Sparringspartner vergattert, Sarah „nicht die Nase zu brechen, sonst ist alles vorbei“. Mit dem Fight an diesem Samstag im Karlsruher Wildparkstadion, live übertragen im Free-TV.

          Sparring heißt, den Ernstfall zu simulieren, im besten Fall den Gegner zu kopieren. Attila muss sich zurücknehmen, dabei dürfte die Versuchung groß sein, auf Sarahs Attacken entsprechend zu antworten. Der Trainer mahnt täglich aus guten Grund zur Vorsicht. Mit einem Schlag zu viel könnte er tatsächlich fürs erste vorbei sein – der Traum vom WM-Titel der Women‘s International Boxing Federation (WIBF). Wie bei den Männern gibt es konkurrierende Weltverbände, die WIBF ist der älteste, in dem einst Regina Halmich Karriere machte. Der WIBF-Titel im Halbfliegengewicht (Limit 48,99 Kilogramm) ist vakant. Wie Sarah Bormanns Manager es geschafft hat, der Profi-Novizin in ihrem erst sechsten Fight zur WM-Chance zu verhelfen, ist das Geheimnis von Promoter Rainer Gottwald. Ein wortgewaltiger, umtriebiger Mann, bestens vernetzt, ein Typ, dem ohne Goldkettchen um den Hals etwas fehlen würde. In Karlsruhe duellieren sich mit Sarah Bormann und Fatuma Yazidu aus Tansania zwei, die in der unabhängigen Weltrangliste zwischen Position fünfzig und sechzig geführt werden. Romero will sich nicht zu weit aus dem Fenster legen und tut es dann doch: „Das Ding ist nach drei Runden entschieden.“ Er ist und bleibt der größte Fan seiner Boxerin. Er hat ihr den Kampfnamen „Babyface“ verpasst. Klingt nach der Unschuld vom Lande. Sie ist eher still, in sich gekehrt, da ist es nicht verkehrt, den eher lauten Gottwald auf seiner Seite zu wissen. „Er polarisiert“, räumt Romero ein, aber der Mann aus dem Badischen lässt sie hier in Hessen ihr Ding machen, so wie sie es schon seit einem Jahrzehnt praktizieren.

          Als Amateur kaum wahrgenommen

          Der Übungsleiter der ersten Stunde, als sie 17 war, ist immer noch ihr Coach. Jetzt ist sie 28 – und das Gefühl muss übermächtig gewesen sein, nach all der Routine einer Laufbahn unter dem Schirm des Deutschen Boxsport Verbands (DBV) Neues zu wagen. An der Pinnwand im Übungsraum finden sich flächendeckend die Ehrenurkunden von den Anfängen Sarahs bis zum Titelgewinn im vergangenen Jahr, der vierten nationalen Meisterschaft nach 2010, 2013 und 2016. Der DBV hat seine Kämpferin mit der Goldenen Ehrennadel ausgezeichnet, sie wiederum hat sich artig für die Unterstützung über Jahre hinweg bedankt, sich per Telefonat verabschiedet und am 15. Dezember in Furth am Wald ihr Debüt als Berufsboxerin gegeben. Dort, auch bei ihren nächsten Auftritten in Karlsruhe, Rastatt, Plittersdorf, zuletzt Augsburg, lautete das Urteil jeweils Siegerin durch Technischen K.o. Sarah Bormann. Da hatte dann der Ringrichter ein Einsehen mit der überforderten Gegnerin oder die andere Ringecke gab das ungleiche Duell auf.

          Sarah Bormann bewegt sich im Dreieck Nidderau, wo sie daheim ist, dem täglichen Training in Hanau und dem Job beim Bäcker in Windecken. Sie ist gelernte Chemie-Technische Assistentin, aber sie arbeitet ihre wöchentlichen 38 bis 40 Stunden hinterm Tresen, weil sie sich die Zeit fürs Training dort besser einteilen kann als im gelernten Beruf. Sie ist also noch weit davon entfernt, allein von den Börsen im Boxen leben zu können. Vielleicht kommt das ja noch, aber dafür müsse sie sich erstmal einen Namen erboxen. Als Amateur sei sie kaum wahrgenommen worden, selbst bei internationalen Championaten waren die Zuschauer Teamkameraden und Familienmitglieder.

          Ihre besten Plazierungen? Fünfte bei der EM 2014 und Neunte bei der WM 2016. Sie hat sich in einer Sackgasse gesehen, in der es nicht voranging. Jetzt, im Boxbusiness, geht alles rasend schnell, es ist angerichtet. Von null auf den Gipfel innerhalb von gerade mal sechs Monaten. Das ist selbst in diesem Gewerbe rekordverdächtig.

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