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Boxer Jack Culcay : „Baff, baff, baff“ - Jack Culcay im Edel-Gym

  • -Aktualisiert am

Konzentriert: Jack Culcay ist schon Weltmeister der Box-Amateure. Jetzt will er auch bei den Profis den Titel gewinnen. Bild: Wonge Bergmann

Der hessische Boxer will bei den Profis Weltmeister werden. Das größte Kapital des Darmstädters ist seine ausgefeilte Technik.

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          Eppendorf. Ein hübsches Viertel. Traumhafte Villen wie an der Schnur gezogen. Kühle, großzügige Eleganz ohne Pomp und Protz. Hier ist Moritz Klatten zuhause, Boxmanager und Fitnesstrainer. Die oberen Stockwerke sind ein Fall für „Schöner Wohnen“, doch unten im Souterrain, das in der Nachbarschaft eher als Autoparkplatz genutzt wird, hat Klatten ein Privat-Gym mit modernsten Geräten und einem Boxring eingerichtet. Er hat dafür extra einen Gewerbeschein beantragt und ihn, zur eigenen Überraschung, problemlos bekommen. Warum auch nicht, Belästigungen der Nachbarschaft durch extrabreite Bodybuilder sind nicht zu befürchten. Zweimetermann Klatten betreibt kein Massengeschäft, er ist Personal Trainer, seine Kunden kommen nicht aus der Schwereisen-Ecke, sondern aus der feinen Hamburger Gesellschaft. Der Polospieler Federico Heinemann zum Beispiel vertraut sein Training dem Eppendorfer Fitmacher an. Klattens Meisterschüler aber ist der Boxer Jack Culcay, mit er zweimal täglich arbeitet. Dem Amateurweltmeister von 2009 im Weltergewicht steht er gerade im Ring gegenüber, Pratzenarbeit. Baff, baff, baff, baff und baff - Culcay schlägt seine verwirrend schnellen Kombinationen auf die Schutzpolster, die ihm Klatten entgegenhält, bis das Smartphone zum Rundenende läutet. Kurze Pause.

          Klatten arbeitet seit fast fünf Jahren mit Culcay, er managt und trainiert den Jungen aus der hessischen Stadt Pfungstadt, hat ihn zuerst bei Universum, dann, nach dem Aus des Hamburger Profiboxstalles, bei Sauerland in Berlin untergebracht. Und hat ihn mit Sinn und Verstand aufgebaut. Keine Flausen, kein unüberlegter Schritt, keine Ungeduld. Stattdessen seriöse Arbeit und allmähliches Hinführen an die Weltelite. Vierzehn Profikämpfe im Halbmittelgewicht (bis 69,85 Kilogramm) hat der 27-Jährige Culcay inzwischen gemacht, alle gewonnen, zehn durch K.o., und oft hätte er, der Supertechniker, gern gegen bessere Leute geboxt. Aber er hat eingesehen, dass er Schritt für Schritt besser und sicherer zum Ziel kommen wird, das da heißt: Weltmeister werden auch bei den Profis. Seinen ersten (noch unbedeutenden) Titel hat Culcay vergangenes Jahr gewonnen, Interkontinentalmeister nach Version der WBA darf er sich nennen. Nun verteidigt er diesen Titel am Samstag in Hamburg gegen den Argentinier Guido Pitto, einen guten Mann, nach diesem Härtetest sollte der Weg frei sein für einen Kampf um die Europameisterschaft noch in diesem Jahr. Und danach soll es ganz nach oben gehen in einer Gewichtsklasse, die Experten und Boxliebhabern als die sportlich attraktivste gilt, weil sich in ihr ein gutes Dutzend Klasseboxer herumschlagen. An ihrer Spitze Manny Pacquiao und Floyd Mayweather, zwei Superstars, die Börsen von 40 Millionen Dollar und mehr pro Kampf verlangen und bekommen.

          Wie Muhammad Ali

          Im Eppendorfer Gym wird die nächste Runde eingeläutet. Klatten hat die Pratzen an Roberto Culcay weitergegeben, Jacks Vater, der sich - sicher ist sicher - noch einen Oberkörper-Schutz umschnallt, und dann geht es los, baff, baff , baff, baff und baff, immer wieder, und man kann sich vorstellen, wie das damals war, als Roberto mit dem kleinen Jack und dessen Bruder Mike im Wohnzimmer am Sandsack trainierte. Er zog die beiden Jungs und ihre Schwester alleine groß, nachdem seine deutsche Frau, wegen der er von Ecuador nach Deutschland übergesiedelt war, die Familie verlassen hatte.

          Robertos Traum war das Boxen, sein Idol war Muhammad Ali. Wie der größte aller großen Boxer sollte Jack kämpfen, und deshalb ist er kein brutaler Schläger geworden, sondern ein feiner, eleganter Techniker, der bei den Amateuren ohne Doppeldeckung boxte, stattdessen mit gutem Auge, wachen Reflexen und fixen Beinen die Angriffe seiner Gegner ins Leere laufen ließ. Das ginge bei den Profis nicht, hieß es nach seinem Wechsel und Culcay mühte sich, defensiver zu boxen, mehr Wert auf die Deckung zu legen, doch damit ist es jetzt wieder vorbei. „Ich habe es probiert“, sagt Culcay, „aber das bin nicht ich, das ist nicht mein Stil, ich habe zwölf Jahre lang offen geboxt, und das werde ich jetzt wieder tun.“ Zurück zu den Wurzeln also, zurück zum riskanten, zum attraktiven Boxen, zurück zu dem, was ihn einst der Vater lehrte. Und der steckt jetzt ordentlich ein im Eppendorfer Ring, baff, baff, baff, der Schweiß fließt, und Roberto ist zufrieden. Er wird in Hamburg bleiben, ist in die Wohnung des Sohnes in St. Georg eingezogen, ist bei jeder Trainingseinheit dabei. „Ich glaube, er braucht jetzt wieder mehr Unterstützung“, sagt er. Jetzt, wo es allmählich ernst wird.

          Nichts dem Zufall überlassen

          Die Boxschule daheim in Pfungstadt hat der Vater in den vergangenen Jahren noch mit aufgebaut, jetzt läuft sie, und Mike, der zweite Sohn, kommt damit allein zurecht.

          Klatten und Vater Roberto - das reicht nicht vor einem wichtigen Kampf, man will nichts dem Zufall überlassen, und deshalb war in den vergangenen Wochen auch Klitschko-Trainer Fritz Sdunek mit von der Partie in Eppendorf. Der erfahrene Coach ist für den Kubaner Ismael Salas eingesprungen, von dem sich Culcay sonst den letzten Schliff holt, der aber diesmal verhindert war. Dazu drei Sparringspartner, alle größer als Culcay, mit denen er Form und Kondition testet. „Alles läuft nach Plan“, sagt er. Zu besichtigen ist der stil- und hoffnungsvollste deutsche Boxer am Samstagabend (22.30 Uhr, nach dem Kampf von Jürgen Brähmer) in der ARD.

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