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Bornheimer Backhaus : Tränen und ein letztes Stück Kuchen

  • -Aktualisiert am

Nur noch Flohmarkt: Hagen und Claudia Schlecht vor ihrer Bäckerei Bild: Helmut Fricke

Das Bornheimer Backhaus, eine Frankfurter Institution, muss nach 88 Jahren schließen. Die Bäckerei war zugleich Tante-Emma-Laden und ein Treffpunkt für Bewohner des Viertels.

          Hagen Schlecht steht in seiner Backstube, ein Hinterhaus an der Bornheimer Landwehr 48. Nur eine rußgeschwärzte Wand erinnert noch an den riesigen Ofen, der dort jahrelang jede Nacht glühte. Der 55 Jahre alte Mann zuckt mit den Schultern. „Die Traurigkeit kommt wohl erst, wenn hier Ruhe eingekehrt ist.“ Nach mehr als 80 Jahren schließt das Backhaus.

          Die Gesundheit des Bäckers lässt ein Weitermachen nicht mehr zu – und ein Nachfolger fehlt. Denn kaum jemand möchte noch so aufwendig backen wie Hagen Schlecht. Im Verkaufsraum sieht seine Frau Claudia Schlecht aus dem großen Schaufenster. Dort, wo bis vor wenigen Wochen noch Gebäck lag, stapeln sich Flaschen, Obstkonserven und Kuchenformen. „Heute Flohmarkt“, steht auf einer Schiefertafel am efeuumrankten Eingang. Das Ehepaar möchte alle Vorräte loswerden.

          Treffpunkt des Viertels

          Im Backhaus haben Kunden nicht nur frische Brötchen, sondern auch Dosensuppe, Wein und Limonade gekauft. Die Bäckerei war zugleich Tante-Emma-Laden und ein Treffpunkt für Bewohner des Viertels. Sie plauderten mit Claudia Schlecht über das Wetter, Krankheiten und „Gott und die Welt“, wie sie sagt. Auf die Schließung hätten besonders ältere Stammkunden geschockt reagiert: „Die Leute haben im Laden teilweise richtig angefangen zu heulen“, sagt Hagen Schlecht. Schon vor drei Wochen hatte das Bäckerehepaar zum Abschiedsfest in den Hinterhof eingeladen. Rund 100 Kunden kamen damals für ein letztes Stück Kuchen vorbei.

          Für Hagen Schlecht war es eine schwere Entscheidung, aufzugeben. Sein Großvater eröffnete 1930 die Bäckerei. Vor dem Zweiten Weltkrieg buk er noch in einer kleinen Backstube am Römer. „Nach dem Krieg war alles zerbombt und voller Ratten. Deshalb sind wir nach Bornheim gezogen.“ Hagen Schlecht ist in der Wohnung über der Bäckerei aufgewachsen. Als Kind besuchte er die nur 200 Meter entfernte Linnéschule - natürlich immer mit frischen Brötchen im Ranzen. Zur Einschulung bekam jeder Abc-Schütze der Linnéschule ein selbstgebackenes „L“ aus dem Hause Schlecht.

          Dem Grundsatz des Großvaters treu geblieben

          Mit 16 Jahren begann Schlecht die Ausbildung zum Konditor, später legte er die Meisterprüfung zum Bäcker ab und übernahm den Familienbetrieb. Dem Grundsatz des Großvaters blieb er treu: Alle Backwaren sind frisch und handgemacht. „Die meisten Bäckereien bekommen fertige Croissants im Paket geliefert und backen sie nur noch auf. Die Arbeit, die wir uns machen, will niemand mehr auf sich nehmen.“ Deutschlandweit sank die Zahl der Handwerksbäckereien in den letzten 60 Jahren von rund 55.000 im alten Bundesgebiet auf 11.347 Betriebe. Das ist aus seiner Sicht auch der Grund, weshalb sich kein Nachfolger gefunden hat. „Wer will heutzutage schon zwölf bis 14 Stunden arbeiten?“, fragt Schlecht. Sein Arbeitstag sah bisher immer so aus: Um zehn Uhr abends klingelte der Wecker, dann ging es in die Backstube, wo er zusammen mit dem Lehrling bis Mitternacht Teig knetete. Um 1 Uhr nachts lagen die ersten Bleche im Ofen. Erst in den frühen Morgenstunden endete die Schicht. Manchmal ging der Bäcker noch spazieren, bevor er sich am Nachmittag schlafen legte.

          Seit vielen Jahren leidet Hagen Schlecht an Asthma. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Krankheit stark verschlimmert. Deshalb freut sich das Ehepaar jetzt auf mehr Ruhe. Die drei Lehrlinge setzen ihre Arbeit in anderen Bäckereien fort. Ob das Ladenlokal im Erdgeschoss leer bleibt oder neue Mieter findet, ist unklar.

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