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Boom der bayrischen Trachten : Entdecke den Bayern in dir

„Mia san fesch“: Ausgelassene Stimmung beim Frankfurter Oktoberfest Bild: Frank Röth

Inzwischen gibt es Dirndl und Lederhose auch bei Aldi und Lidl zu kaufen. Damit ist Hessens Niederlage perfekt. Aber der Boom des Oktoberfestes beschäftigt nicht nur Frankfurt.

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          So sehen Niederlagen aus. Wenn der Geflügelzuchtverein von Beselich-Schupbach im Landkreis Limburg-Weilburg für den übernächsten Sonntag zum Frühschoppen einlädt, bittet er um Erscheinen in Dirndl oder Lederhose. Wer in diesen Tagen den Kaufhof an der Frankfurter Hauptwache betritt, stolpert in den Obergeschossen über die Stände für Dirndl und Lederhose. Und im Erdgeschoss über weiß-blau verpackte Pralinen, verziert mit einem Foto der Münchener Frauenkirche. Sogar in Sachsenhausen, wo die Frankfurter bei Ebbelwei und Handkäs’ eigentlich ganz bei sich sind: Dirndl und Lederhose, diesmal aus zweiter Hand bei Oxfam an der Schweizer Straße. Hessische Trachten? Kennt kein Mensch. Hessische Lebensart? Was soll das schon sein? Was kaufen die Hessen stattdessen? Dirndl und Lederhose. Und was feiern sie? Oktoberfest.

          Manfred Köhler
          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Seit Jahren robbt sich Bayern ins Nachbarbundesland vor. An Feiertagen, die es nur bei ihnen zu Hause gibt, Heilige Drei Könige zum Beispiel, fallen die Südländer mit ihrem seltsamen Dialekt in Frankfurt ein und verstopfen die Parkhäuser. Bei der Samstagsjause mit bayerischen Spezialitäten im Restaurant „Opéra“ in Frankfurts Alter Oper kann froh sein, wer noch einen freien Tisch findet. In Seligenstadt im Landkreis Offenbach hat kürzlich eine Frau mit CSU-Parteibuch für das Amt des Bürgermeisters kandidiert.

          Viele grübelten über den Boom des Bayrischen

          Doch erst seit Donnerstag ist die Niederlage des Hessischen gegen das Bayerische perfekt. Seit Donnerstag gibt es Dirndl und Lederhose auch bei Aldi und Lidl zu kaufen. „O’zapft is“, behauptet der eine der beiden Discounter in seiner Werbung. „Mia san fesch“, meint der andere. Nur 39,99 Euro verlangt Aldi für ein Dirndl, die passende Oktoberfest-Tasche ist für 7,99 Euro zu haben. Wenn die beiden größten Discounter etwas ins Programm nehmen, ist endgültig der Durchbruch zu den Massen geschafft.

          Über die Gründe für den seit Jahren zu beobachtenden Boom der Oktoberfeste mitsamt der dazugehörigen Kleidung haben sich schon viele den Kopf zerbrochen. „Alpenglühen in Frankfurt“, meldete diese Zeitung bereits 2011 fassungslos. „Heile Welt zum Anziehen“, titelten damals die Kollegen von der „Welt am Sonntag“. 2014, als selbst die Schweiz von der bayerischen Trachtenmode heimgesucht wurde, grübelte die „Neue Zürcher Zeitung“ heftig und kam zum Ergebnis, dass dies alles eine Reaktion auf „Globalisierung und Krise“ sei. Viel tiefer ist die Analyse seither nicht gegangen. Die „Textilwirtschaft“ kam vor zwei Wochen zu dieser Schlussfolgerung: „Dirndl machen glücklich.“

          Frankfurter Oktoberfest mit Ebbelwei aussitzen

          So ist es wohl. Auf nicht weniger als dreieinhalb Wochen ist in diesem Jahr das Oktoberfest angesetzt. Nicht das in München. Das dauert bloß 16 Tage. Sondern das in Frankfurt. Vom 17. September bis zum 11. Oktober kann man auf urhessischem Boden in einem Zelt an der WM-Arena, die Sau rauslassen, mit Bier aus dem benachbarten Sachsenhausen und gesponsert zum Beispiel von Reddy-Küchen. An den Abenden, an denen Tim Toupet auftritt, kostet der Eintritt nicht weniger als 41,30 Euro. Der Sänger (Motto: „100 Prozent Party zu jeder Jahreszeit“) muss ein richtiger Knüller sein. Seine beiden Auftritte sind längst ausverkauft.

          Wer noch eine hessische Würde in sich trägt, sitzt das alles einfach bei einem Sauergespritzten aus. Mitte Oktober ist der bayerische Rummel vorbei, weitere Vorstöße aus dem Süden sind dann vorerst nicht zu erwarten. Stattdessen kommt die Frankfurter Geschäftstüchtigkeit wieder stärker zum Vorschein. Seit zehn Jahren erfolgreich am Markt: die Boutique „IchwareinDirndl“ in Frankfurt-Sachsenhausen. Deren Eigentümerin fertigt, wie der Name schon sagt, aus alten Stoffen knorriger Völker etwas richtig Schönes.

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