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Bombenfund in Frankfurt : Im Untergrund

Englische Luftmine gefunden: Blick auf die Baustelle nach dem Fund Bild: dpa

Am Sonntag müssen rund 60.000 Frankfurter sehr früh aufstehen und ihre Wohnung verlassen. Der Grund: Die Entschärfung einer 1,8-Tonnen-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein Gruß aus der Vergangenheit.

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          Manchmal meldet sich auch in dieser Stadt, die nur die Zukunft kennt, unverhofft die Geschichte zu Wort. Kein Denkmal, kein Museum, kein noch so kluges Buch kann eine solch breite Brücke in die Vergangenheit schlagen wie dieser unverhoffte Gruß aus einem anderen Jahrhundert im Untergrund: Der Fund eines Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg wird am Sonntag in Frankfurt Zehntausende dazu bringen, ihre Wohnungen zu verlassen und darauf zu hoffen, dass das Entschärfungskommando seine Arbeit glücklich zu Ende bringt.

          Die Techniken, wie Bomben zu Leibe zu rücken ist, die Jahrzehnte im Verborgenen überdauerten, sind lange erprobt, und doch bleibt ein Risiko. Und die Fachleute, die sich an die Arbeit machen, wenn alle anderen in Sicherheit sind, zählen zu den letzten Helden unserer Zeit.

          Vergangenheit, die nicht vergeht

          Nicht weniger erprobt ist das Vorgehen, die umliegenden Häuser, in diesem Fall praktisch ganze Wohnviertel, zu räumen und anschließend zu verhindern, dass jemand in die gesperrten Areale fährt. Man darf darauf vertrauen, dass die Behörden dies gelassen und souverän erledigen. Und man darf sich still darüber freuen, dass sich ausnahmsweise auch all diejenigen fügen werden, die sonst gerne, ausufernd und bei jeder Gelegenheit an allem staatlichen Handeln etwas zu kritisieren finden.

          In drei Tagen wird Frankfurt einen Moment lang stillstehen, wozu diese quirlige Metropole sonst auch sonntags nicht neigt. Siebzigtausend werden den Atem anhalten, weil sie nicht wissen, ob sie gleich in unbeschädigte Wohnungen zurückkehren können. Eine ungeplante Gedenkminute 72 Jahre, fünf Monate und zwei Tage nachdem der Zweite Weltkrieg in Frankfurt zu Ende ging, in dessen Bombennächten 5000 Menschen starben und 22 000 verletzt wurden.

          Zunehmend fern wirkt diese Zeit, immer weniger leben noch, die den Krieg erlebt haben. Manchmal scheint es, er werde zu einer historischen Epoche wie viele andere, von der nur noch Filme, Fotos und Berichte künden. Doch dann bricht sie sich wieder ohne jede Ankündigung Bahn: die größte Menschheitskatastrophe, das größte Verbrechen – diese Vergangenheit, die nicht vergeht.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

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