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Evakuierung in Frankfurt : In Nachbarschaft der Bombe

In „Aren´s Shop“ diskutiert Inhaber Aren Demircioglu (rechts) mit seinem Nachbarn, dem Schuhmacher Ivo Vodanovic, über die bevorstehende Entschärfung. Bild: Maria Klenner

Im Westend und auf dem Uni-Campus ist die Evakuierung das Gesprächsthema Nummer eins. Wie denken die Frankfurter über den außergewöhnlichen Sonntag, der ihnen bevorsteht?

          3 Min.

          Wer etwas über die Bombe wissen will, muss Aren Demircioglu fragen. Gewicht, Bauart, Ablauf von geplanter Entschärfung und Evakuierung – der Inhaber von „Aren’s Shop“, einem kleinen Laden an der Ecke von Reuterweg und Grüneburgweg, ist bestens informiert. Das muss er auch sein, denn für die Kunden, die bei dem Zweiunddreißigjährigen Tabak und Zeitschriften kaufen oder Lotto spielen, ist der Bombenfund auf dem nahegelegenen Westend-Campus das Gesprächsthema Nummer eins. Die meisten wohnen auch innerhalb der Zone, die am Sonntag evakuiert werden soll.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          So wie Gabriela Seibert, die ins Ecklädchen gekommen ist, um sich eine Schachtel Zigaretten zu kaufen. Die Dreiundsechzigjährige mit grauem Kurzhaarschnitt ist kein ängstlicher Typ. Über eine mögliche Explosion macht sie sich keine Gedanken, eher schon darüber, wie sie den Sonntag verbringen soll, wenn sie frühmorgens das Haus verlassen muss und vielleicht erst am Abend zurückkehren kann. Langweilig werde es ihr aber nicht, da ist sie sich sicher. „Bei gutem Wetter kann ich spazieren gehen“, sagt sie. Auch ein Zoobesuch mit dem Patenkind wäre eine Idee und am Nachmittag vielleicht ein Museum.

          „Das heißt, ich muss um sechs Uhr raus“

          Als sich die Nachricht vom Fund herumgesprochen habe, hätten Freunde aus dem Taunus bei ihr angerufen, sagt Seibert. „Die haben mir angeboten, dass ich das Wochenende bei ihnen verbringe.“ Das hätte sie aber übertrieben gefunden. Wahrscheinlicher als eine Bombenexplosion sei doch, dass Kleinkriminelle die Gelegenheit für Wohnungseinbrüche nutzten. „Weiß doch jetzt jeder, dass am Sonntag alle Häuser leer sind.“

          Der kleine Laden von Aren Demircioglu ist zwar sonntags immer geschlossen, aber übermorgen wäre er trotzdem gekommen, um ein neues Kassensystem zu installieren. Dass er das jetzt verschieben muss, findet er nicht weiter schlimm – vor allem im Vergleich zu den Zumutungen, die die Evakuierung für andere bedeutet. Zum Beispiel für die zum Teil gebrechlichen Senioren im Altersheim, das in der Nähe liegt. „Eine Kundin hat mir erzählt, dass ihre Schwiegermutter dort wohnt – die muss jetzt etwas organisieren.“

          Tiefenentspannt gibt sich Luca Cinelli, der das „Cinelli’s“ am Mitscherlich-Platz betreibt. Ja, das ganze Viertel sei in „hellem Aufruhr“ wegen der Bombe, sagt er. Er persönlich sehe die Sache locker, auch wenn sein gerade erst eröffnetes Café geschlossen bleiben und er Umsatzeinbußen hinnehmen müsse. „Wir machen uns einfach einen schönen Tag.“ In den nächsten Wochen, wenn das Semester richtig anläuft und die Studenten vom Campus kommen, um Focaccia und Kuchen zu essen, werde es schon noch genug Arbeit geben.

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          Auch auf dem benachbarten Uni-Gelände ist die Weltkriegsbombe Gesprächsthema, sowohl unter den englischsprachigen Teilnehmern der „Frankfurt Summer School“ als auch bei den zwei Abiturientinnen Sadaf und Amina, die an einem Tisch neben dem Adorno-Denkmal sitzen. Sie besuchen die nahe gelegene Elisabethenschule und haben ein Chemiebuch vor sich liegen, aber die Gedanken kreisen schon um Sonntag. Die 17 Jahre alte Sadaf wohnt am Eschenheimer Tor, noch knapp innerhalb der Evakuierungszone. „Das heißt, ich muss um sechs Uhr raus“, sagt sie. Immerhin bietet ihr Amina, die in Preungesheim wohnt, also außerhalb der 1,5-Kilometer-Zone, eine Zuflucht an: Die Freundin solle doch einfach zum Frühstück vorbeikommen und gleich ihre Familie mitbringen.

          Patienten im Bürgerhospital und im Marienkrankenhaus

          Vom Adorno-Denkmal sind es nur ein paar Schritte bis zur Wismarer Straße. Dort, in Richtung Miquelallee am nördlichen Rand des Campus, liegt die Baustelle für ein Studentenwohnheim, auf der die Luftmine gefunden wurde und wo sie noch immer liegt. Allerdings verborgen unter einem blauen Zelt, was die Schaulustigen, unter ihnen auch Eltern mit ihren Kindern, mit einer gewissen Enttäuschung zur Kenntnis nehmen.

          Immerhin bleibt der Nervenkitzel zu wissen, dass da hinter dem Drahtzaun in wenigen Metern Entfernung 1,4 Tonnen Sprengstoff in einer mehr als 70 Jahre alten rostigen Metallhülle liegen. Die Polizisten, die zur Bewachung abgestellt sind, bringen am Zaun gerade ein Schild an, auf dem „Warnung vor explosionsgefährlichen Stoffen“ und „Zutritt für Unbefugte verboten“ steht.

          Unterdessen werden am Verkaufswagen des „Feinkost Paradies“, der vor dem Uni-Engang an der Hansaalle steht, Witze über die „Bombenstimmung“ im Westend gemacht. Anders als den jungen Leuten, die am Wagen Oliven, Käse und Trockenobst kaufen, ist Inhaber Mehmet Cil nicht zum Scherzen zumute. Er denke an die Patienten im Bürgerhospital und im Marienkrankenhaus, die verlegt werden müssten. Und auch alle anderen sollten die Sache nicht allzu leicht nehmen, rät der stämmige Feinkosthändler.

          In Karlsruhe habe er schon einmal miterlebt, wie ein Wohnviertel wegen einer Fliegerbomben-Entschärfung geräumt werden musste, sagt Cil. Es solle sich bloß keiner einbilden, er könne einfach in seiner Wohnung bleiben und das werde schon niemand merken. „Da sind am Sonntag Tausende Polizisten unterwegs.“ Die Megafon-Durchsagen von den Polizeiwagen würden durch die Straßen schallen, die Beamten würden an den Häusern klingeln. „Und wenn sich dann etwas an der Gardine bewegt, gehen die hoch und holen dich raus.“

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