https://www.faz.net/-gzg-919ju

Bombenfund im Westend : Frankfurt steht vor größter Evakuierung der Nachkriegszeit

  • Aktualisiert am

Die Entschärfung am Sonntag wird mehrere Stunden dauern. Bild: Wolfgang Eilmes

Weil auf einer Baustelle eine 1,8-Tonnen-Bombe aus dem zweiten Weltkrieg gefunden wurde, müssen am Wochenende in Frankfurt 70.000 Menschen ihre Wohnung verlassen. Die Polizei arbeitet derzeit an einem Plan – denn die Herausforderungen sind immens.

          2 Min.

          Der Stadt Frankfurt steht die wohl größte Bombenentschärfung der deutschen Nachkriegsgeschichte bevor. Auf einer Baustelle am Campus Westend der Goethe-Universität ist am Dienstag eine 1,8 Tonnen schwere britische Luftmine aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden. Der Blindgänger des Typs HC-4000 ist deutlich schwerer als die drei Bomben, die vor einigen Jahren an der Voltastraße und am Katharinenkreisel gefunden wurden. Am Sonntag soll die Bombe entschärft werden. Betroffen sind rund 70.000 Anwohner, die ihre Häuser und Wohnungen im nördlichen Westend und in Teilen des angrenzenden Nordends verlassen müssen. Evakuiert werden müssen auch zwei Krankenhäuser.

          Polizei, Feuerwehr und Kampfmittelräumdienst planten bis in die späten Abendstunden die Evakuierung. In Frankfurt hat es bisher keine vergleichbare Räumung eines Wohngebietes gegeben. Die an der Voltastraße und am Katharinenkreisel gefundenen amerikanischen Bomben enthielten nur etwa 150 Kilogramm Sprengstoff. Die Bombe im Westend trägt dagegen knapp anderthalb Tonnen Sprengstoff in sich, wie ein Sprecher der Polizei sagte. Das sei eine „sehr große Sprengstoffmenge“.

          Die Polizei wird vermutlich schon am Donnerstag, spätestens aber Freitag über Details der Evakuierung informieren. Ein Bürgertelefon für die Anwohner ist bereits eingerichtet, das unter der Nummer 069 / 21 21 11 erreichbar ist. Dort sollen alle Fragen zur anstehenden Räumung beantwortet werden. Zudem informieren Polizei und Feuerwehr über ihre Twitter- und Facebook-Kanäle über die geplanten Schritte.

          Vermutlich am Sonntagmorgen wird die Evakuierung beginnen. Die Feuerwehr gab bislang noch keine näheren Informationen bekannt, wie der Notfallplan für ältere und bettlägerige Anwohner aussieht. In der Vergangenheit wurde es stets so gehandhabt, dass sich diese Anwohner bei der Feuerwehr unter einer speziell eingerichteten Nummer melden konnten. Sie wurden dann unmittelbar vor der Evakuierung direkt in ihrer Wohnung von Mitarbeitern von Rettungsdiensten abgeholt.

          Die wohl größte Herausforderung wird die Evakuierung der beiden Krankenhäuser sein, die in dem Sperrgebiet liegen. Es handelt sich um das Bürgerhospital und das Marienkrankenhaus. Wie die Sprecherin des Bürgerhospitals auf Anfrage mitteilte, gibt es einen Krisenstab der Stadt, der heute zusammengekommen ist. Er wird die Evakuierungen koordinieren. Im Wesentlichen werde es darum gehen, die Patienten auf andere Krankenhäuser zu verlegen, sagte die Sprecherin. Das sei ein großer logistischer Aufwand, der penibel geplant werden müsse. Als erster Schritt seien schon mehrere Krankenhäuser angefragt worden, ob sie Kapazitäten frei hätten. In den nächsten Tagen werde man Genaueres darüber wissen, wie die Verlegung im Detail organisiert werde. Fest stehe schon jetzt, dass geplante Operationen, die keine Notfälle seien, verschoben würden.

          Nach dem Fund einer Weltkriegsbombe müssen am Sonntag voraussichtlich 70.000 Menschen im Umkreis von 1,5 km ihre Wohnung räumen. Bilderstrecke

          Noch unklar sie aber, wie man etwa mit der Neonatologie verfahre. Davon gibt es in Frankfurt nur drei mit begrenzter Kapazität. Außer im Bürgerhospital gibt es eine solche Intensivstation für Neugeborene nur noch am Uniklinikum und im Klinikum Höchst, die Kapazitäten dort sind begrenzt. Zudem steht das Bürgerhospital auch vor der Frage, wie es mit seiner Geburtsklinik verfährt. Das Krankenhaus zählt mit mehr als 3000 Geburten im Jahr zu den größten Einrichtungen dieser Art. Außer den beiden Krankenhäusern liegen zudem auch mehrere Altenheime in der Sperrzone.

          Für die Bombenentschärfer des Regierungspräsidiums Darmstadt wird der Einsatz am Sonntag ein Novum sein. Wie der Sprecher des Regierungspräsidiums sagte, hat es einen Fund einer Bombe dieses Typs seit den sechziger Jahren in Hessen nicht mehr gegeben. Sie komme generell sehr selten vor. „Die Entschärfer gehen dementsprechend mit höchster Aufmerksamkeit an die Sache heran“. Würde die Bombe, die vier mechanische Zünder hat, explodieren, „kann niemand vorhersagen, welche Auswirkungen das hätte. Es würde eine enorme Druckwelle entstehen. Aber wir rechnen damit, dass es gutgehen wird.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.