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Die Bombe in Frankfurt : Das Erbe des Zweiten Weltkriegs

Schaulustige und Polizisten stehen an einem Zaun in Frankfurt, hinter dem die Bombe aus dem zweiten Weltkrieg liegt. Bild: Maria Klenner

Luftminen wie die in Frankfurt gefundene waren als grausam-effiziente „Wohnblock-Knacker“ integraler Bestandteil des „moral bombing“ gegen die deutsche Zivilbevölkerung. Die Bombe tat ihre erste Wirkung schon im Fallen.

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          Selbst mehr als sieben Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs vergeht kaum ein Tag in Deutschland, ohne dass irgendwo ein Blindgänger gefunden wird. So wie jetzt in Frankfurt. Noch immer liegen unzählige Bomben und enorme Mengen Munition in der Erde. Besonders betroffen sind Städte, die im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten stark bombardiert wurden, wie Hamburg, Dresden, Köln und Frankfurt und natürlich das dichtbesiedelte Ruhrgebiet. Nach Schätzungen von Fachleuten warfen die Alliierten bei ihrem in der Geschichte beispiellosen Bombardement 1,3 Millionen Tonnen Sprengstoff ab. Zwischen fünf und zwanzig Prozent der Bomben explodierten nicht. Wann die letzte Bombe, die letzte Granate aus dem Boden geholt sein wird, lässt sich nicht absehen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Anders als es bei der Luftmine in Frankfurt der Fall war, auf die Bauarbeiter zufällig stießen, werden Sprengbomben heute in den meisten Fällen bei der systematischen Suche des Kampfmittelbeseitigungsdienstes gefunden. Dafür können mittlerweile auch digitalisierte Luftbilder genutzt werden, mit denen die Alliierten einst ihre Zielgebiete vor und nach den Bombardements akribisch dokumentierten.

          Eine Luftmine vom Typ HC 4000 in Dortmund: Eine vergleichbare Luftmine mit 1,8 Tonnen Sprengstoff soll am Sonntag in Frankfurt entschärft werden.

          Die in Frankfurt gefundene britische Luftmine trägt die Bezeichnung HC 4000 LB, was so viel bedeutet wie Hochkapazitätsbombe mit einem Gewicht von 4000 (britischen) Pfund. Allein vom HC-Grundtyp warf die Royal Air Force über Deutschland schätzungsweise 68.000 Stück ab. Die Luftmine tat ihre erste (psychologische) Wirkung schon durch ihr charakteristisches Heulen, mit dem sie niederging. Durch ihre Druckwelle wurden dann im Umkreis von 100 Metern alle Gebäude dem Erdboden gleichgemacht, die Lungen der Leute in den Luftschutzkellern zerrissen. Noch in einer Entfernung von 2000 Metern wurden Dächer abgedeckt und Fenster zersplitterten.

          Tausende Feuer vereinigten sich zum Sturm

          Die Luftmine war als grausam-effizienter „Wohnblock-Knacker“ (Blockbuster) integraler Bestandteil des technisch immer weiter zur Perfektion getriebenen „moral bombing“ gegen die deutsche Zivilbevölkerung. Die alliierten Fliegerstaffeln ließen Brandbomben in breiten Teppichen über die Städte niedergehen. Deren tausende Feuer vereinigten sich dann zum Sturm, der infernalisch durch die Straßen fegte und regelmäßig weit mehr Opfer forderte als die Sprengbomben.

          Im Volksmund hießen die röhrenförmigen Luftminen auch „Badeöfen“, weil sie mit einem Durchmesser von um die 70 Zentimeter und ihren flachen Seiten aussehen wie Wasserboiler. Anfang 2014 wurde das in Euskirchen einem Baggerfahrer zum Verhängnis. Er hielt eine 2000-Pfund-HC-Mine, auf die er zwischen Bauschutt stieß, für einen alten Wasserspeicher. Bei der Detonation kam der Mann ums Leben, 13 weitere Personen wurden verletzt.

          Die enorme Sprengkraft der Bomben erfordert es, das Umfeld beim Entschärfen von Blindgängern dieses Typs weiträumig zu evakuieren. So mussten im Dezember 2011, als in Koblenz bei Niedrigwasser eine britische Luftmine am Rheinufer gefunden wurde, 45.000 Anwohner in Sicherheit gebracht werden (siehe Kasten). „Blockbuster“ wurden zuletzt unter anderem im Oktober 2013 in Dortmund, im August 2014 in Herne oder im Mai in Hannover gefunden. Bis zum Fund der Bombe in Frankfurt am Dienstag galt eine „Blockbuster“-Entschärfung Ende 2016 in Augsburg als bisher größte Evakuierung der Nachkriegszeit. Dort mussten 54000 Anwohner ihre Häuser verlassen.

          Die Entschärfung von Bomben wie der in Frankfurt gefundenen gilt unter Kampfmittelräumern als vergleichsweise einfach beherrschbar. Denn sie verfügen über mechanische Zünder. Bomben mit chemisch-mechanischem Langzeitzünder sind der Schrecken der Kampfmittelbeseitiger. Sie können bei der geringsten Verlagerung explodieren und müssen an Ort und Stelle gezielt gezündet werden. Im Sommer 2012 gerieten bei der Sprengung einer dieser Bomben in München sogar Häuser in Brand.

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