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Frankfurt im Zweiten Weltkrieg : Der Bombenhagel traf auch das Westend

Deutliche Spuren: Auf der Luftaufnahme der amerikanischen Air Force vom 22. März 1945 sind Krater im Grüneburgpark und zerstörte Häuser im Westend zu erkennen. Bild: Institut für Stadtgeschichte

Eine Aufnahme widerlegt eine Frankfurter Legende: Das IG-Farben-Haus und die Gegend um die von Alliierten besetzte Konzernzentrale standen sehr wohl im Fadenkreuz der Bomber.

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          Erstaunlicherweise hat das IG-Farben-Haus im Westend den Bombenkrieg unbeschadet überstanden. Und dies, obwohl die Leistungen und Lieferungen des IG-Farben-Konzerns für die Kriegsführung Nazi-Deutschlands unverzichtbar waren. Warum ist die Konzernzentrale neben dem Grüneburgpark nicht von den alliierten Bombern zerstört worden?

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Frankfurter haben sich nach dem Krieg folgenden Reim darauf gemacht: Die Amerikaner hätten schon während des Krieges entschieden, nach ihrem Sieg in Frankfurt ihr Hauptquartier einzurichten. Das IG-Farben-Haus sollte General Dwight D. Eisenhower und seinen Stab aufnehmen, wie es dann auch geschehen ist. Um den Angehörigen der amerikanischen Armee und vor allem den oberen Rängen angemessene Unterkünfte bieten zu können, sei auch das Westend vor Bomben verschont worden, sagt die Fama.

          IG-Farbenhaus auch im Fadenkreuz der Bomber

          Doch bei dieser Erklärung handelt es sich um eine moderne Legende, die so nicht aufrecht zu erhalten ist. Die jetzt an der Wismarer Straße ein paar hundert Meter nördlich vom IG-Farben-Gebäude aufgefundene schwere britische Luftmine von 1,8 Tonnen ist ein weiterer Beweis dafür, dass auch die Gegend rund um die Konzernzentrale durchaus im Fadenkreuz der Bomber stand. Nicht so stark wie die am Ende des Krieges völlig zerstörte Altstadt oder manche andere Stadtviertel, vor allem die mit großen Industriebetrieben. Doch bewusst von den Bombardierungen ausgenommen haben die Amerikaner und Engländer die IGFarben keineswegs.

          Das IG-Farbenhaus: Früher von den Alliierten besetzt, heute ein Teil des Campus Westend der Goethe-Universität in Frankfurt.

          Das belegt auch eine Luftaufnahme der amerikanischen Air Force vom 22.März 1945, die unter anderem den Grüneburgpark mit Bombenkratern zeigt. Dort war im September 1943 ein Kriegsgefangenenlager für englische, amerikanische und andere westalliierte Soldaten eingerichtet worden, das „Durchgangslager Luftwaffe“, kurz „Dulag Luft“ genannt. In diesem zuvor in Oberursel ansässigen Lager wurden alle kriegsgefangenen westallierten Flugzeugbesatzungen verhört. 42000 Soldaten durchliefen auf ihrem Weg zu den normalen Gefangenenlagern bis zum Ende des Krieges diesen Ort.

          Kriegsgefangenenlager als Lebensversicherung

          Frankfurt und seine politische Führung haben dieses Kriegsgefangenenlager lange als eine Art Lebensversicherung betrachtet. Gauleiter Jakob Sprenger, und Oberbürgermeister Friedrich Krebs unterstützten die Luftwaffe beim Bau des Lagers nach Kräften, weil sie darauf spekulierten, dass die Alliierten Frankfurt wegen der damit verbundenen Gefährdung der amerikanischen und englischen Gefangenen nicht oder nicht so stark bombardieren würden. „Wir sollten die Schutzengel Frankfurts sein und wurden von der Bevölkerung auch als diese angesehen“, berichtete ein Oberstleutnant Becker, der „Dulag“-Kommandant war, nach dem Krieg.

          Natürlich war den westalliierten Militärs nicht unbekannt, dass in einem Lager im Grüneburgpark im Durchschnitt 1000 bis 2000 gefangene Kameraden untergebracht waren. Das mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass der schwere Luftangriff auf Frankfurt vom Dezember 1943, bei dem 23000 Frankfurter obdachlos wurden und 175 den Tod fanden, für das Lager am Grüneburgpark, das IG-Farben-Gelände und das Westend glimpflich verliefen. Auch bei dem schlimmen Angriff am 18.März 1944 mit 1000 Bombern blieben das „Dulag“ und seine Umgebung vorerst ungeschoren.

          Vier Tage später, am 22. März, griffen wiederum 1000 alliierte Bomber die Mainmetropole an. Vor allem die Innenstadt war das Ziel, hier tobten in dieser Nacht 4300 Brände. Fast 1800 Menschen starben, 180000 wurden obdachlos. Auch auf das Kriegsgefangenenlager fielen einige Bomben. Die größte Zerstörung richtete ein in Brand geschossenes schweres kanadisches Flugzeug an, das in geringer Höhe über das Lager flog, dort die Baracken in Brand setzte und schließlich nicht weit vom Grüneburg-Schlösschen entfernt abstürzte. Womöglich war der Angriff auf das „Dulag“ und seine Umgebung ein Versehen. Es deutet jedenfalls viel darauf hin, dass die Alliierten das Westend und die IGFarben möglichst geschont haben. Aber wohl nicht wegen des IG-Farben-Hauses und der schönen Wohnungen im Viertel, sondern wegen des dortigen Kriegsgefangenenlagers.

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