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Evakuierung in Frankfurt : Zu alt, um noch Angst zu haben

Die Bewohner der Seniorenresidenz Kursana ziehen wegen der Evakuierung um. Bild: Martin Ochmann

Die Bewohner der Kursana Seniorenresidenz werden vor der Entschärfung der Weltkriegsbombe in Sicherheit gebracht. Sie nehmen den Umzug mit Humor.

          2 Min.

          Roswitha Schaub sitzt im Rollstuhl im Foyer der Kursana Villa und wartet. Roter Teppich und Parkett, Kronleuchter und edle Möbel – die Kursana Villa ist eine ziemlich exklusive Seniorenresidenz. Auf Schaubs Oberschenkeln liegt ein kleines Grundig-Radio, das die 76 Jahre alte Frau mit beiden Händen festhält. „Da, wo ich hinkomme, gibt es keinen Fernseher auf dem Zimmer“, sagt Schaub. Deswegen nehme sie ihr Radio mit, damit sie ein bisschen Abwechslung habe. In wenigen Minuten soll sie in die Kursana Villa nach Wiesbaden gebracht werden, denn auch die Seniorenresidenz an der Eschersheimer Landstraße liegt in dem Gebiet, das wegen der Bombenentschärfung am Sonntag geräumt werden muss. Schaub nimmt den unfreiwilligen Umzug mit Gleichmut hin. „Es sind sicher nicht alle darüber glücklich, aber immerhin, das ist hier alles gut organisiert“, sagt die Seniorin.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dieses Lob dürfte Michael Reeder, Direktor der Seniorenresidenz, freuen. Mit einem Handy am Ohr wirbelt er zwischen den Bewohnern und Angestellten herum und wirkt mit seinem entspannten Dauerlächeln nicht so, als ob ihn die Situation überforderte. „Wir haben ja viele Häuser in der Region, da ist das alles machbar“, sagt Reeder, der bei all der Organisation noch Zeit fand, unter anderem Journalisten der britischen BBC am Morgen ein Interview zu geben.

          „Man kommt mit Menschen zusammen“

          „Wir haben Donnerstagnachmittag begonnen und jetzt bereits 80 Prozent der Bewohner verlegt“, sagt Reeder. Von den 99 Bewohnern seien 20 zu Angehörigen gegangen, drei gingen ins Hotel, die restlichen werden auf andere Standorte verteilt. Gestern kamen Bewohner unter anderem nach Oberursel und Wiesbaden.

          In einem der Transporter nach Wiesbaden sitzt Erna Subklew und wartet auf die Abfahrt. Es ist kurz nach 15 Uhr, die Sonne scheint, und obwohl die Schiebetüre offensteht, wird es bereits recht warm im Bus. „Am besten wäre es, wenn wir alle hierblieben“, sagt Subklew etwas missmutig. Angst vor der Bombe habe sie nicht. „Ich bin zu alt, um davor Angst zu haben“, sagt sie. 94 Jahre sei sie alt, da mache ein halbes Jahr mehr oder weniger doch auch nichts mehr aus.

          Ihre Nachbarin nimmt die Ausführungen lächelnd und achselzuckend hin. Sie ist bereits 98 Jahre alt. „Ich kann mich gut mit der Evakuierung arrangieren“, meint sie, das sei mal was Neues. „Man kommt mit Menschen zusammen“, sagt die Frau und blickt vielsagend zu ihrer Nachbarin, die zwar täglich beim Essen in ihrer Nähe sitze, die sie aber kaum kenne. Die Frau neben ihr scheint das jedoch zu überhören.

          Wenn Bomben fielen, lief man in den Keller und hielt die Ohren zu

          Über die Bombe wüssten sie nicht viel. Sie hätten beide das Glück gehabt, während des Krieges in Gegenden zu wohnen, die vom Bombenhagel verschont geblieben seien. „Eine Bewohnerin berichtete aber, dass sie diese Bomben von früher kenne“, sagt Reeder. Wenn sie fielen, habe es laut gepfiffen, dann habe man in den Keller laufen, die Finger in die Ohren stecken und den Mund weit öffnen müssen. Erinnerungen wie diese könnten Traumata auslösen, berichtet Harald Dollansky, Leiter des Nellinistifts an der Cronstettenstraße, der auch geräumt werden muss. Deswegen sei den Bewohnern des Stifts, die dementiell erkrankt seien, gesagt worden, man mache einen Ausflug. Am Sonntagmorgen geht es ins Hufeland-Haus nach Seckbach, 120 Menschen müssten umziehen. Nach der ersten Unsicherheit und vielen Fragen am Donnerstag äußerte Dollansky sich gestern optimistisch. „Das entwickelt sich prima.“

          Optimismus verbreitete gestern auch Horst Michaelis, Direktor der Kursana Villa in Wiesbaden. „Es geht los“, ruft er fröhlich in den Bus, schiebt mit einem Rums die Tür zu und setzt sich ans Steuer. Nach einer halben Stunde und ersten Klagen über die Hitze im Auto kommt die Gruppe in Wiesbaden an. Am Ziel zeigt sich, dass der Umzug doch eine Strapaze ist – das Aussteigen ist für einige ein echter Kraftakt.

          Zum Glück ist das Personal gut drauf. „Keine Angst, ich bin ein starker Bub“, meint ein Pfleger. „Man sieht’s“, entgegnet eine Mitfahrerin trocken. Und ist, nachdem sie wohlbehalten im Rollstuhl sitzt, dann doch so erleichtert, dass sie sich zu einem kleinen Flirt hinreißen lässt. „Können Sie mich heute Abend nicht ins Bett bringen?“

          PolizeipräsidiumPolizeipräsidium

          Das Polizeipräsidium wird erst um elf Uhr am Sonntag geräumt und in andere Dienststellen verlagert. Bis dahin sind die Polizisten noch rund um die Evakuierung anderer Gebäude im Einsatz. Auch ein Polizeihubschrauber, der auf dem Präsidiumsgelände landet, ist so lange noch in der Luft. Sorge, dass Kriminelle die Abwesenheit der Polizei nutzen, besteht nicht: rund um das Gebiet sind ja viele Polizisten im Einsatz. (lfe.)

          Fund einer FliegerbombeFund einer Fliegerbombe

          Die Fliegerbombe wurde auf einer Baustelle an der Hansaallee neben dem Campus Westend der Goethe-Universität gefunden. Dort soll ein Studentenwohnheim entstehen, aber seit dem Fund stehen die Bagger still und die Baustelle wird von der Polizei bewacht. Bis zur Entschärfung läuft der Unibetrieb nebenan wie gewohnt weiter. Sehen kann man die Bombe aber nicht: Sie wird von einem blauen Zelt verdeckt.(jant.)

          Gebiet der EvakuierungGebiet der Evakuierung

          Der Evakuierungsradius beträgt 1,5 Kilometer um den Bombenfundort. Rund 60.000 Einwohner werden deshalb am Sonntag bis spätestens acht Uhr ihre Wohnungen verlassen müssen. Betroffen sind das Frankfurter Westend sowie Teile des Nordends. „Das muss sein“, erklären Experten des Kampfmittelräumdienst. Die Bombe, die auch „Blockbuster“ genannt wird, würde im Fall einer Explosion eine gewaltige Druckwelle auslösen. (jant.)

          BürgerhospitalBürgerhospital

          Das Bürgerhospital will bis Samstagnachmittag Station für Station evakuieren. Wie viele Patienten betroffen sind, ist noch unklar. Einige können wohl nach Hause entlassen werden, Mütter, Neu- und Frühgeborene kommen im Clementinen Kinderhospital im Ostend unter. Nicht akute Operationen wurden verschoben. Unkomplizierte OPs werden noch bis Freitag durchgeführt. Die Klink wird nicht mehr von Rettungswagen angefahren. (lfe.)

          Hessischer RundfunkHessischer Rundfunk

          Der Hessische Rundfunk (hr) weicht auf seine Standorte in Kassel, Wiesbaden und Darmstadt sowie auf mehrere Übertragungswagen aus. So wird der Sendebetrieb gesichert. Auf technischer Ebene wird der hr von SWR, WDR und ZDF unterstützt. Die Veranstaltung „Kammerkonzert“ des hr-Sinfonieorchesters und die Fernsehaufzeichnung der „strassenstars“ mussten allerdings abgesagt werden. (lfe.)

          F.A.Z.
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