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Evakuierung in Frankfurt : Die Bombe

Der Bombenentschärfer Jost Leisten zeigt in Düsseldorf den Zünder einer entschärften Weltkriegsbombe. Bild: dpa

Die Bombe traf schon vor mehr als siebzig Jahren alle: Mehr als in jedem politischen Ritual, wird hier eine Ahnung von einer Vergangenheit gegenwärtig, die sich nicht wiederholen darf. Ein Kommentar.

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          Es ist ein Wiedergänger aus einer gar nicht so fernen Zeit, der jetzt mitten in Frankfurt ans Tageslicht kam. 60.000 Menschen müssen am Sonntag wegen der Entschärfung einer britischen Luftmine ihre Behausungen verlassen. Das ist die größte Evakuierung im Deutschland der Nachkriegszeit – aber es wird nicht die letzte sein. Weit mehr als eine Million Tonnen Bomben wurden im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland geworden. Das war die Antwort der Alliierten auf den Angriffskrieg – die freilich nicht verhindern konnte, dass die hiesige Rüstungsproduktion erst 1944 ihren Höchststand erreichte. Die Städte waren das Ziel. Wie zuvor Warschau und Coventry wurden nun Hamburg, Dresden und Frankfurt und zahlreiche weitere Städte in Schutt und Asche gelegt. In Pforzheim kam bei einem einzigen Luftangriff bald jeder vierte Einwohner um.

          Man kann sich das kaum vorstellen. Aber die Evakuierung in Frankfurt, die Menschen im Radius von 1,5 Kilometern zwingt, wegen einer einzigen großen Bombe ihre Wohnungen zu verlassen, gibt einen Hinweis auf die Zerstörungskraft und die tatsächliche Verwüstung damals. Genau so unvorstellbar erscheint es heute, dass das Leben weiterging, obwohl der Bombenkrieg Hunderttausende tötete. Er beschleunigte nicht das Ende des Krieges, sondern führte, wie schon in England, zu Fatalismus und Trotz. Im Gedenken an die Schrecken des Krieges muss auch an die versuchte Auslöschung der Städte, an die gezielten Angriffe auf Wohngebiete und das Ersticken und Verbrennen ihrer Bewohner erinnert werden.

          Noch in Jahrzehnten werden wohl in Deutschland Bomben gefunden und Menschen vor ihnen in Sicherheit gebracht werden müssen. Die Vergangenheit zeigt sich hier als hochexplosive Schicht. Evakuierungen sind lästig, für manche sogar mit Gefahren verbunden. Die Bombe traf schon vor mehr als siebzig Jahren alle: Vom Frühchen bis zum Greis, unabhängig von Haltung, Hautfarbe und Herkunft. Mehr als in jedem steinernen Gedenken und politischem Ritual, wird hier jedenfalls wieder eine Ahnung von einer Vergangenheit gegenwärtig, die sich so nicht wiederholen darf. Diese Mahnung ist leider, wie ein Blick in eine immer noch von Minen und Bomben volle Welt zeigt, immer wieder nötig.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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