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Vergessener Schrecken : Bomben unter unseren Füßen

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Es ist nicht allzu lang her: das zerstörte Dresden im Winter 1945. Bild: AFP

Es ist nur ein paar Jahrzehnte her, da stand Deutschland in Flammen. Der Bombenfund in Frankfurt sollte die Bürger daran erinnern, dass Frieden nicht selbstverständlich ist. Ein Kommentar.

          3 Min.

          Der Wahl-O-Mat ist wieder da. 38 Thesen zum Durchklicken. Zu jeder wählt man aus: stimme zu; neutral; stimme nicht zu. Am Ende kommt raus, mit wessen Parteiprogramm man am ehesten übereinstimmt. Das hat sich nicht irgendwer ausgedacht, sondern die Bundeszentrale für politische Bildung, und die Thesen sind nicht irgendwelche, sondern sollen besonders viele Menschen im Land interessieren. These 17 von 38 lautet vor dieser Bundestagswahl: „Der Völkermord an den europäischen Juden soll weiterhin zentraler Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur sein.“ Stimme zu; neutral; stimme nicht zu.

          Unterdessen evakuiert die Polizei in Frankfurt 65.000 Bürger. Sie haben, ohne es zu wissen, in der Nachbarschaft einer 1,8 Tonnen schweren Luftmine gelebt. Was das sein soll, eine Luftmine, brauchte sie bisher nicht zu interessieren. Die Bombe heißt auf Englisch Blockbuster, so wie die Filme. In Wirklichkeit heißen die Filme so wie die Bombe. Na gut, diese Bombe jedenfalls muss weg. Die Frankfurter, die deswegen für einen Tag ihre Häuser verlassen müssen, haben Reportern erzählt, was sie vorhaben an dem besonderen Tag: spazieren gehen, Eis essen, in den Zoo. Ein Wirt, der sein Café während der Evakuierung schließen muss: „Wir machen uns einfach einen schönen Tag.“

          Neunzig Kinder, 14 Schwestern und eine Ärztin

          Einige Menschen mussten den Sperrbezirk früher verlassen als andere. Das waren die Alten und Kranken. Und das musste so sein, weil sie sich nicht selbst in Sicherheit bringen können, sondern Hilfe brauchen. Es dauert halt, zwei Krankenhäuser und zwanzig Altenheime zu räumen. Manche der Alten werden zum zweiten Mal evakuiert. Das erste Mal war, als die Bomben fielen. Das ist lange her, aber nicht lange genug, um es zu vergessen. Manche treffen sich noch heute in Gruppen, um darüber zu reden: Kriegskinder-Treff. Was bewegt sie jetzt, da eine der Luftminen von früher zurück ist?

          Ein Mann, geboren 1940 in Frankfurt, will diese Frage beantworten. Er denkt nach, dann sagt er: „Es wird ein großer Zinnober gemacht um die Bombe.“ Das heiße nicht, dass er die Sicherheitsmaßnahmen falsch finde. Aber er teile die Aufregung nicht. Sein Eindruck ist, dass manche Menschen heute über die Blockbuster-Bombe reden wie über einen Blockbuster-Film. Aufgeregt, aber nicht erschrocken. Dann sagt der Mann noch etwas. Er schickt voraus, er hoffe, dass niemand zu Schaden komme an diesem Sonntag. Aber: „Vielleicht wäre es gut, wenn so eine alte Bombe mal hochgeht. Damit den Menschen wieder vor Augen geführt wird, was das heißt.“

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          Was das heißt: Daran kann sich in Deutschland heute kaum mehr jemand erinnern. Noch stärker als der Erste Weltkrieg war der Zweite geprägt von Ideologie. Das bereitete das Feld für die Ausweitung des Krieges auf die Zivilbevölkerung. Im Luftkrieg der Alliierten gegen die Deutschen starben 600.000 Zivilisten, davon 80.000 Kinder. Die Briten warfen 1942 Flugblätter über Deutschland ab: „Wir kommen bei Tag und bei Nacht, kein Teil des Reiches ist sicher.“ Sie erklärten den Menschen, warum sie getötet werden sollten: Mit ihrer Arbeit stärkten sie Hitlers Industrie. „Deshalb fallen unsere Bomben auf eure Wohnhäuser und – auf euch.“ 1943 fiel eine Bombe auf ein Frankfurter Kinderkrankenhaus, sie schlug im Luftschutzraum ein: Neunzig Kinder, 14 Schwestern und eine Ärztin starben.

          Die Blockbuster-Bomben funktionierten anders. Sie explodierten noch in der Luft, dabei zerstörten sie die Dächer Dutzender Häuser. Dann folgten die Brandbomben; die Häuser gingen in Flammen auf. „Bombenkrieg ist nicht die herabfallende Tonnage, sondern die lodernde Stadt“, schreibt der Historiker Jörg Friedrich. Brennende Säuglinge, auf die Größe eines Brotes eingeschrumpfte Leichname, Kinder, deren Eltern vor ihren Augen Asche geworden waren. Von einer Minute auf die andere kam der Tod. Und das jahrelang.

          Der vergessene Schrecken

          Wie weit diese Zeit schon entfernt ist, zeigt sich am Umgang mit der Frankfurter Luftmine. Tagelang bereiten sich die Menschen darauf vor, für zwölf Stunden ihre Häuser zu verlassen. Wer nicht spazieren gehen will, findet Zuflucht in bereitgestellten Hallen. Wer sein Haus nicht verlassen kann, wird abgeholt. Die Sperrzone ist auch deshalb so groß, damit alle Risiken ausgeschlossen sind, sollte die Bombe explodieren. Zum Beispiel drohen Anwohnern Lungenrisse durch die Druckwelle. Lungenrisse: eine Gefahr, die man gar nicht mehr kannte.

          Als Deutsche jedenfalls. In Europa ist Frieden. Woanders fallen Bomben, werden Menschen verfolgt. Der Schutz, der den Frankfurtern nun vor einer einzigen Bombe zuteil wird, erinnert daran, welcher Schutz anderen fehlt. Er zeigt, wie nah der Krieg ist, während Frieden selbstverständlich scheint: Kaffee trinken, Wahl-O-Mat durchklicken, während andere die Bomben entschärfen. Aber der Schrecken, den man vergisst, kann einen nicht mehr warnen. Nicht vor anderen, und nicht vor einem selbst.

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