https://www.faz.net/-gzg-91cqe

Bericht eines Zeitzeugen : Von der Schulbank ans Luftabwehr-Geschütz

Kurt Schäfer sollte als Flakhelfer Bomber abschießen. Bild: Frank Röth

Wer den Bombenkrieg in Frankfurt erlebt hat, der bekommt dieser Tage böse Erinnerungen. Kurt Schäfer musste damals selbst an die Waffen.

          3 Min.

          Einmal haben Kurt Schäfer und seine Schulkameraden ein feindliches Flugzeug abgeschossen. Der mittlerweile 91 Jahre alte frühere Schulleiter war damals Schüler der Sachsenhäuser Oberrealschule, heute Carl-Schurz-Schule. Im Februar 1943 wurde Schäfers Klasse mit Ausnahme von einigen Anführern der Hitlerjugend als Luftwaffenhelfer eingezogen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ihren Dienst absolvierten die Schüler in einer Flakstellung bei Kelsterbach. Angesichts der heiklen militärischen Lage hatte Hitler die Einberufung der Jahrgänge 1926 und 1927 zum Hilfsdienst bei der Luftwaffe verfügt. Etwa 200 000 Jugendliche wurden damals dienstverpflichtet und an Flakgeschützen ausgebildet.

          In Frankfurt sollten 23 schwere Flakbatterien mit 8,8- und 10,5-cm-Geschützen sowie elf leichtere Batterien zusammen mit zwölf Scheinwerferbatterien den Luftraum über der Stadt sichern und feindliche Flugzeuge aufspüren und abschießen. Ihre Stellungen lagen zum Beispiel an der Rennbahn, am Bornheimer Hang und auf dem Germania-Sportplatz in Sachsenhausen. Oder, in Schäfers Fall, bei Kelsterbach. Große Erfolge erzielte die Flak allerdings nicht.

          Die Flak landete allenfalls Zufallstreffer

          Zwar standen Schäfer und seinen Kameraden Funkmessgeräte zur Verfügung, die Flugzeuge orten und die Zieldaten an die Geschütze weiterleiten konnten. Doch die Technik war ungenau, es kam allenfalls zu Zufallstreffern. In jenem Jahr, in dem Schäfer Dienst tat, holte seine Flakbatterie neben der erwähnten angloamerikanischen Maschine nur ein weiteres Flugzeug vom Himmel – eines der deutschen Luftwaffe, eine zweisitzige Messerschmitt Bf 110. Ein Pilot wurde getötet, der andere konnte sich retten und tauchte mit seinem Fallschirm in Schäfers Stellung auf. „Das war eine große Enttäuschung für uns“, erinnert er sich.

          Immerhin musste Schäfer keinen Luftangriff auf seine Stellung erleben. Erst 1944 wurden Flakbatterien immer wieder von Tieffliegern angegriffen. Für ihn und seine Kameraden da draußen in Kelsterbach sei das alles eine Art Budenzauber gewesen, erzählt Schäfer: „Es krachte und bumste über Frankfurt, aber wir wurden nicht angegriffen.“ Er und die anderen Flakhelfer fühlten sich in der Stellung freilich schon als richtige Soldaten. Auf den Boden ihres Schülerdaseins wurden sie jedes Mal wieder zurückgebracht, wenn ihre Lehrer nach Kelsterbach kamen, um ihnen Unterricht zu geben.

          Am 4. Oktober 1943 erlebten Schäfer und die anderen Frankfurter Flakhelfer ihre erste Feuertaufe. Die Stadt wurde an jenem Tag Ziel eines alliierten Doppelschlags. Am Vormittag griffen die Amerikaner an, ohne allerdings große Zerstörungen anzurichten. Um 21 Uhr attackierten dann 300 englische Flugzeuge in mehreren Wellen die Stadt. Getroffen wurde vor allem der Osten Frankfurts: Von der Friedberger Anlage über den Ostbahnhof, die Hanauer Landstraße, den Osthafen bis zum östlichen Sachsenhausen und Oberrad brannten Häuser und andere Gebäude oder lagen in Trümmern. Schäfer schaute sich am nächsten Morgen die Verwüstungen an. Er sagt: „Es war ein Vorgeschmack auf die späteren Zerstörungen.“

          Von den schlimmsten Angriffen erfuhr Schäfer per Telegramm

          Am 20. Dezember 1943 erlebte er einen Angriff an der Main-Neckar-Eisenbahnbrücke, ein Zug mit Arbeitern wurde getroffen. Schäfer sah zum ersten Mal Tote und Verletzte: „Es war schlimm.“ Für den 29. Januar 1944 hatte er zwei Opernkarten für „Tosca“. Ein Bombenangriff, bei dem auch das Opernhaus, heute Alte Oper, beschädigt wurde, verhinderte die Aufführung. Danach wurde der Theaterbetrieb in der Stadt eingestellt, viele Bühnenbeschäftigte wurden eingezogen.

          Als am 18. und 22. März Frankfurt die beiden wohl schlimmsten Angriffe des Bombenkriegs erlebte, war Schäfer schon als Soldat eingezogen und diente als Funker in Dänemark. Sein Vater unterrichtete ihn in einem Telegramm über die Folgen der Angriffe: Frankfurts Innenstadt sei weitgehend zerstört. Doch Zickzackhausen, die Ernst-May-Siedlung in Niederrad, wo Schäfers Elternhaus lag, habe keine Schäden davongetragen. Und vor allem: Die Familie sei wohlauf. In einem Brief berichtete der Vater dem im gut versorgten Dänemark stationierten Sohn ferner, er habe von einem Kaufhaus an der Zeil über die Altstadt geblickt und bis zum Main nur Zerstörung gesehen.

          Bis auf ein Haus verschont dagegen blieb Zickzackhausen. Seltsamerweise seien aber die beiden Villen der Weinberg-Brüder am Rand des Stadtwalds getroffen worden, erzählt Schäfer. Er hatte Arthur von Weinberg, den Teilhaber der Casella-Farbwerke, noch getroffen, bevor dieser sein Haus Buchenrode unter Zwang verkaufen musste. Der große Industrielle und Mäzen kaufte ihm und einem anderen Hitlerjungen 1938 gleich 50 Abzeichen des Winterhilfswerks ab. Fünf Jahre später starb Weinberg nach seiner Deportation im Lager Theresienstadt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.