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Bombenentschärfung : „Meine Jacke, mein Handy, dann bin ich raus“

Wartestand: Unter anderem sie mussten wegen der bevorstehenden Bombenentschärfung ihre Wohnungen verlassen und in eine Turnhalle im Gallus ausweichen Bild: Hedwig, Victor

Polizisten haben sie unvermittelt wegen des Funds einer Fliegerbombe aus ihren Wohnungen in Frankfurt geholt. Bewohner von Gallus und Europaviertel warten in einer Turnhalle auf die Entschärfung. Dann können sie jubeln.

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          Das erste, wonach Gwen Balague in der Menschenmenge sucht, ist ein Handyladekabel. „Hat jemand ein Ladekabel für mich? Ich muss dringend meine Tante erreichen.“ Die Dreiundzwanzigjährige hatte es sich noch vor einer Stunde vor dem Fernseher gemütlich gemacht, als es an ihrer Tür klingelte. „Beim ersten Mal habe ich noch gedacht, da hat sich vielleicht jemand vertan“, erzählt sie. „Dann klingelte es ein zweites, drittes, viertes Mal. Da wusste ich, das muss irgendetwas Ernstes sein.“

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun sitzt sie im Vorraum der Turnhalle der Paul-Hindemith-Schule im Frankfurter Gallus, ein Ladekabel hat sie inzwischen auftreiben können, um ihrer Tante Bescheid zu geben, die noch im Büro war, als sie das Haus verließ. Ihr gegenüber sitzt eine Frau mit Hund. Daneben eine Familie mit Baby und Kleinkind. Niemand hatte sich auf diese Situation vorbereiten können. Keiner von ihnen wusste, was genau in den nächsten Stunden auf sie zukommen wird.

          Biertische und Bänke

          Sie sitzen hier fest, vielleicht noch bis in die Nacht – das ist zu diesem Zeitpunkt völlig unklar. „Ich habe einfach nur nach dem Wichtigsten gegriffen. Meine Jacke, mein Handy. Dann bin ich raus“, erzählt eine Frau. Sie hält einen Becher Kaffee in der Hand, neben ihr sitzt eine Nachbarin, die sie in der Turnhalle zufällig getroffen hat.

          Die Plätze auf der schmalen Tribüne sind bis auf den letzten Platz gefüllt, die Feuerwehr stellt zusätzlich Biertische und Bänke auf. In der Mitte der Halle spielen Kinder. Sie haben sich ein paar Bälle geschnappt und Fußballtore aufgebaut. Ein Mädchen schlägt ein Rad.

          Lange Evakuierung

          Als es langsam unruhig wird, um 19 Uhr, tritt Andre Sturmeit in die Mitte, in der Hand ein Megafon. „Ich bitte kurz um Ihre Aufmerksamkeit“, ruft der Polizist in die Runde. Langsam wird es still im Raum. Dann verkündet Sturmeit das, was die Menschen am wenigsten hören wollen, wovor sie sich gefürchtet haben, seitdem sie in der Turnhalle angekommen sind: „Die Evakuierung zieht sich leider noch etwas hin. Es wird wohl noch Stunden dauern, bis die Entschärfung der Bombe beginnen kann.“

          Tatsächlich dauert die Evakuierung ungewöhnlich lange. Wie sich herausstellt, sind zahlreiche Anwohner bettlägerig oder gehbehindert und müssen erst auf Sanitäter warten, die sie abholen. Mitarbeiter der Johanniter sind im Dauereinsatz. Mit einer so hohen Zahl an Hilfsbedürftigen hatte niemand gerechnet. Einen nach dem anderen holen die Helfer zu Hause ab und bringen sie in die Turnhalle. Manche im Rollstuhl, manche liegend auf einer Trage.

          In einem separaten Raum werden sie medizinisch versorgt. Feuerwehrmänner, die die Koordinierung der Krankentransporte übernommen haben, laufen mit Listen herum und haken die Namen der Anwohner ab, die in der Turnhalle angekommen sind.

          Was währenddessen draußen vor sich geht, dringt nicht bis zur Halle durch. Seit Stunden schon warten auch die Bombenentschärfer darauf, dass sie endlich beginnen können. Die Bombe hat offenbar einen mechanischen Zünder. Eigentlich für die Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes ein leichtes Spiel. Eine Routineangelegenheit.

          Doch gerade diese Routine ist es, die am Ende über Leben und Tod entscheidend kann. Erst bei der jüngsten Entschärfung in Frankfurt Anfang des Jahres, hatten die Entschärfer deutlich gemacht, dass man sich nie zu sicher sein dürfe, dass man auch nach etlichen Jahren in dem Beruf eine Fliegerbombe niemals unterschätzen darf. Als die Entschärfung gegen 20.10 Uhr endlich beginnt, was die Polizei auch über den Kurznachrichtenkanal Twitter wissen lässt, hat es immerhin aufgehört zu regnen. „Müssen wir hier übernachten?“, fragt ein kleiner Junge einen Sanitäter. Eine Antwort darauf hat er nicht.

          Jubel in der Turnhalle

          Doch eine Stunde später ist klar: Der Junge kann, wie die anderen auch, wieder nach Hause. Die Polizei teilt mit, die Bombe sei entschärft. Die Menschen in der Turnhalle jubeln.

           

           

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