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Bombenentschärfung in Mainz : Filigranarbeit an der Fliegerbombe

Gefahr gebannt: Die entschärfte 1000-Pfund-Bombe wird zum Abtransport fertig gemacht. Bild: Amadeus Waldner

Der Kampfmittelräumdienst hat in Mainz eine Zehn-Zentner-Altlast aus dem Krieg entschärft. 8500 Anwohner mussten zuvor ihre Häuser verlassen.

          Das Bild einer abgebrochenen Glühbirne, bei der man verschiedene Werkzeuge einsetzen muss, um das Gewinde ohne Glaskörper noch irgendwie aus der Fassung drehen zu können, hat Horst Lenz als „passend“ bezeichnet. So lasse sich ganz gut beschreiben, welche Herausforderung der Leiter des rheinland-pfälzischen Kampfmittelräumdienstes und seine sechs Mitarbeiter bei ihrem Sonntagseinsatz Am Fort Weisenau in Mainz zu meistern hatten. Das Entschärfen der am Mittwoch auf einem Baugrundstück entdeckten britischen Fliegerbombe, Typ MC 1000-Pfund, sei eigentlich Routine, im konkreten Fall „aber doch mehr Arbeit als üblich“ gewesen. Weil es laut Lenz kaum Ansatzpunkte für die Werkzeuge gab.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Entsprechend mühsam sei es gewesen, an den Aufschlagzünder heranzukommen. Von der scharfen Bombe, die ursprünglich wohl drei Meter tief im Erdreich, vor wenigen Tagen dann aber plötzlich auf einer Baggerschaufel lag, ging noch immer so viel Gefahr aus, dass rund 8500 Anwohner im Umkreis von einem Kilometer ihre Häuser verlassen mussten. Laut Stadt lief gestern die größte Evakuierung der Mainzer Nachkriegsgeschichte, an der sich mehr als 400 Polizisten, Feuerwehrleute, Sanitäter und weitere Hilfskräfte beteiligten. Bei der Einsatzleitung auf dem Gelände der Gustav-Stresemann-Wirtschaftsschule wurden über den Tag verteilt mehr als 300 meist ältere Mainzer betreut und versorgt.

          „Kein Rückgang der Bombenfunde“

          Von 7.30 Uhr an wurden die Bürger in Weisenau und Oberstadt per Lautsprecherdurchsagen aufgefordert, sich anderswo einen schönen Sonntag zu machen. Von 9 Uhr an zogen die Helfer gruppenweise durch die Straßen, um jeden persönlich zum Weggehen aufzufordern, der noch nichts von der Bombe mitbekommen hatte oder noch nicht abreisefertig war. Als „der letzte freilaufende Jogger“ kurz vor 12 Uhr im Volkspark eingefangen war, wie ein Mitarbeiter der Einsatzleitung sagte, wurden auch der Schiffs-, Bahn- und Flugverkehr eingestellt, damit sich Lenz und seine Mannschaft an ihr schwieriges Werk machen konnten.

          Er bevorzuge Handarbeit, sagte Lenz mit Blick auf die 1000-Pfund-Bombe, die direkt in ein Zwischenlager nach Koblenz gebracht wurde. Das zum Rhein hin abfallende Hanggrundstück in der Nähe des Volksparks wäre seiner Meinung nach aber ohnehin nicht das passende Gelände für einen denkbaren Robotereinsatz gewesen. Auch 70 Jahre nach Kriegsende sei „kein Rückgang der Bombenfunde“ zu verzeichnen, sagte Lenz, der seit 1984 für den Kampfmittelräumdienst arbeitet.

          Trotz der Gefährdung beim Umgang mit Zünd- und Sprengstoffen sei das eine interessante, immer wieder neu herausfordernde Tätigkeit, mit der sich noch dazu eine Familie ernähren lasse. Und zumindest die direkten Anwohner der Baustelle dürften sehr froh drüber sein, dass die 70Jahre lang im Boden schlummernde Altlast nun für immer entsorgt ist.

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