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Bombenentschärfung in Frankfurt : „Good luck“ für die Sprengmeister

  • -Aktualisiert am

Menschenleer und autofrei: Die Voltastraße ist während der Entschärfung Sperrgebiet. Bild: von Siebenthal, Jakob

Am Abend ist am Montag in Bockenheim die dritte Weltkriegsbombe innerhalb weniger Wochen entschärft worden. Sie hat es den Kampfmittel-Experten schwer gemacht.

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          Siebzig Jahre lang verrosten die Bomben, die im Zweiten Weltkrieg dort niedergingen, wo heute am Katharinenkreisel der St.Martin Tower gebaut wird, schon in der Erde. „Von innen sind die aber wie neu“, sagt Dieter Schwetzler vom Kampfmittelräumdienst des Regierungspräsidiums Darmstadt, der am Montag schon wieder wegen einer Zehn-Zentner-Bombe in Frankfurt anrückte, und meint damit: Die Dinger funktionieren noch, deshalb auch jedes Mal der große Aufwand, die Straßensperrungen, die Evakuierungen, die geschlossenen Fenster.

          Rund 300 Anwohner im Evakuierungsgebiet um die Bombe mussten am Montag bis 15 Uhr ihre Häuser verlassen, die Unternehmen in der Sperrzone schickten ihre Mitarbeiter schon am Mittag heim. Die Autobahn 648 war für rund fünf Stunden voll gesperrt, ein Desaster im Frankfurter Feierabendverkehr, das aber nicht zu vermeiden war, wo doch die Entschärfung dieses Mal wegen des Wolkenkratzer-Festivals am Wochenende auf einen Montag gelegt werden musste. Zwar staute sich der Verkehr auf der Mainzer Landstraße und im Römerhof, die Behinderungen hielten sich aber nach Angaben der Polizei in Grenzen.

          Kopf und Zünder absägen

          Feuerwerker Schwetzler weiß, dass jede Bombe eine Herausforderung ist. Die Entschärfung gestern war dennoch komplizierter als bei den beiden in diesem Monat zuvor unschädlich gemachten Bomben. Der Kopfzünder des dritten Exemplars war stark beschädigt, einzelne Teile fehlten. Den Zünder einfach heraus zu schrauben, wäre zu gefährlich gewesen. „Das ist neu“, sagte dazu eine Mitarbeiterin von American Express, die ihr Büro direkt gegenüber des Fundorts der Bombe hat. Sie und ihre Kollegen hatten deshalb einen Gruß an die Bombenentschärfer von innen an die Fensterscheiben geklebt: „Good luck“, viel Glück, konnten Schwetzler und seine Kollegen von der Baugrube aus lesen. „Wenigstens diese Fenster sollten also heil bleiben“, witzelte Schwetzler vor der Entschärfung.

          Weil der Zünder schon so defekt war, entschieden er und seine Kollegen sich dafür, den Kopf der Bombe samt Zünder abzusägen. Danach legte Schwetzler den Bombenkopf vorsichtig in ein rund zwei Meter tiefes Loch auf der Baustelle und deckte ihn mit Erde ab. Das sollte verhindern, dass bei dem, was im Anschluss geschah, Splitter fliegen: Schwetzler setzte einen kleinen Kupferzylinder mit Sprengstoff auf den verbuddelten Bombenkopf und drückte ab - in eigentlich gar nicht so sicherer Entfernung von 200Metern stehend. Um 20Uhr war die Prozedur zu Ende, nach fünf Stunden also gab die Polizei die Straßen wieder frei, die Anwohner konnten zurück in ihre Häuser. Die Entschärfung selbst dauerte etwa drei Stunden, deutlich länger als bei den Bombenfunden zuvor. „Alles glatt gelaufen“, sagte Schwetzler, als die Bombenreste hinter ihm geborgen und verladen waren. Sie werden nach Romrod im Vogelsbergkreis transportiert und dort endgültig zerlegt.

          Faraj Alebouieh hatte seine Not mit der Entschärfung an einem Werktag. Er betreibt seit zehn Jahren einen Kiosk an der Voltastraße, dort, wo sich rund um die vielen Bürogebäude mit etwa 10.000 Mitarbeitern Snack-Imbisse, Pizzerien und Restaurants aneinander reihen. Schon zur Mittagszeit war die sonst üblicherweise mit Hungrigen bevölkerte Straße leer wie sonst nur sonntags zum „Tatort“. Alebouieh spürte das, der Bombentag war kein guter Tag für seine Snacks und Getränke. Trotzdem blieb der Verkäufer vergnügt. „Das zahlen wir heute nicht aus, wegen der Bombe“, scherzte er mit einem Kunden, der ihm einen Lottoschein hinhielt. Bomben, die seien wie das Wetter, sagte Alebouieh. So, wie die Weltkriegs-Überbleibsel in den vergangenen Jahren ab und zu auf den Baustellen rund um den Katharinenkreisel gefunden würden, so regne es halt auch manchmal. Dann komme auch keiner, das müsse man hinnehmen. Wenigstens konnte Alebouieh am Montag früher nach Hause. Bei Regen harrt er immer bis zum Schluss aus in seinem Kiosk.

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