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Bombenentschärfer : Blindgänger im Blumenbeet

  • -Aktualisiert am

Entschärft: In Gossens Büro finden sich Relikte aus 30 Berufsjahren. Bild: Kaufhold, Marcus

Sie riskieren ihr Leben, um die Altlasten des Krieges zu beseitigen: Hessens Bombenentschärfer sind fast täglich im Einsatz. Gerhard Gossens ist ihr Leiter.

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          Frühlingszeit ist Bombenzeit. Eine Handgranate in einem Blumenbeet ist da nichts Ungewöhnliches - jedenfalls nicht für Gerhard Gossens. „Wenn die Leute anfangen, ihren Garten umzugraben, läuft bei uns das Telefon heiß“, sagt der Leiter des Kampfmittelräumdienstes, der zum 18.Dezernat des Regierungspräsidiums Darmstadt gehört. Dann beruhige er die Anrufer, schärfe ihnen ein, nichts anzufassen, und schicke sofort jemanden los. Innerhalb einer Stunde können die Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes überall in Hessen sein. Dort entscheiden sie, was zu tun ist. Weil es sich bei der Mehrzahl der Funde tatsächlich um eine Bombe, Mine oder Granate handelt, nimmt Gossens die Anrufe sehr ernst. „Wir haben zwar auch schon Schirmständer identifiziert“, sagt er und lacht, „aber das tun wir lieber, als nicht gerufen zu werden.“

          Der graubärtige, großgewachsene Mann weiß um die Gefahren der Waffen, die seit dem Krieg unter der Erde liegen. Sein Vorgänger ist bei der Entschärfung einer amerikanischen Fliegerbombe in Wetzlar ums Leben gekommen. Und auch der Tod von drei Kollegen aus Göttingen vor zwei Jahren ist ihm sehr in Erinnerung. Unzählige Male hat er selbst mit bloßen Händen oder einer Rohrzange am Zünder von Bomben hantiert, Sprengstoff für kontrollierte Explosionen angebracht und Evakuierungen veranlasst. Dass Rost an den Stahlkörpern der Bomben nagt, während der Sprengstoff im Inneren chemisch stabil und hoch explosiv bleibt, macht die Arbeit nicht einfacher.

          120 bis 140 Tonnen Munition und Munitionsteile pro Jahr

          Gerade hat ein Kollege aus Hanau angerufen, wo am Morgen bei Gartenarbeiten eine Handgranate gefunden wurde. Sie sei entschärft und transportfähig, es drohe keine Gefahr. „Gut“, sagt Gossens, legt sein Handy zur Seite und wendet sich dem Computer zu. Sein Büro liegt im dritten Stock des Regierungspräsidiums und bietet einen guten Blick auf den Luisenplatz. In den Regalen stehen dicke Ordner über Munitionsarten, in der Ecke türmt sich ein kleines Arsenal aus Zündern, Granaten und Panzerminen. Es sind Relikte aus 30 Berufsjahren, mehr nicht. „Ich bin kein Waffennarr, das ist einfach mein Beruf“, sagt Gossens.

          Von Zimmer 3.46 aus koordiniert er den Kampf gegen die Spuren, die zwei Weltkriege in Hessen hinterlassen haben: über, vor allem aber unter der Erde. Und das nicht zu knapp - 120 bis 140 Tonnen Munition und Munitionsteile vernichtet der Kampfmittelräumdienst pro Jahr in einer speziellen Anlage in Mittelhessen. Dort werden die Stahlkörper der Bomben zersägt und der Sprengstoff verbrannt. Jahrzehnte nach dem Krieg sind das größte Problem Blindgänger, also nicht explodierte Bomben, die aber jederzeit hochgehen könnten. Sie machen schätzungsweise zehn bis 30 Prozent der von den Alliierten abgeworfenen Sprengsätze aus. Die Blindgänger zu finden, zu identifizieren und zu beseitigen ist die Hauptaufgabe des Kampfmittelräumdienstes, der im Kern aus vier Mitarbeitern besteht, aber darüber hinaus mit diversen Firmen kooperiert. „Wir werden allerdings nur auf Anfrage hin tätig“, erklärt Gossens, „weil wir schlichtweg nicht ganz Hessen umgraben können.“

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