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Bombe im Gallusviertel : Entschärfen unter verschärften Umständen

Abgeriegelt: Ein Polizist sperrt am Sonntagmorgen die Mainzer Landstraße in Frankfurt, damit keine Menschen mehr in die Gefahrenzone gelangen. Bild: Michael Braunschädel

Mehr als 12.000 Menschen müssen für die Bergung einer Weltkriegsbombe im Frankfurter Gallus ihre Wohnungen verlassen. Ganz reibungslos geht das nicht.

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          May Heller hat ein Problem. Das heißt Yoshi, ist weiß und hüpft zu ihren Füßen herum. May Heller steht vor Halle 11 auf dem Messegelände und berät mit den Mitarbeitern des Roten Kreuzes und ihrem Fahrdienst, was mit dem kleinen Hund geschehen soll. Er darf nicht mit in das Betreuungszentrum, das die Stadt für Anwohner geöffnet hat, die während der Bombenentschärfung am Nikolaustag ihre Wohnungen im Frankfurter Stadtteil Gallus verlassen mussten und keinen anderen Zufluchtsort haben. Heller wohnt mit ihrer Mutter im Sperrgebiet. Die alte Dame sitzt im Rollstuhl, Heller selbst ist auch nicht mehr so gut zu Fuß. Außer ihrem Hund Yoshi haben die beiden niemanden. Darum haben sie sich direkt vor der Messehalle absetzen lassen. Aber nun geht es nicht weiter. „Ich lass den Yoshi nicht allein“, sagt Heller.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer wie Heller keine Freunde oder Familie in der Stadt hat, die kurzfristig jemanden aufnehmen können, dem bleibt nur eine Option während der Entschärfung der 500 Kilogramm schweren britischen Fliegerbombe, die am Donnerstag auf einer Baustelle an der Kleyerstraße gefunden worden war: die Betreuungsstelle. Cafés sind wegen der Corona-Pandemie geschlossen. „Man kann auch nicht ins Museum“, sagt ein Mann, der von der Evakuierung überrascht wurde und darum zum Messegelände gekommen ist – er habe es nicht mehr geschafft, sich anderswo einzuquartieren. Da die Evakuierungszone zwischen A 5, Mainzer Landstraße und Main um 8 Uhr morgens geräumt werden muss und die Entschärfung bis zum Nachmittag dauert, gilt es, viele Stunden zu überbrücken.

          Kurz vor 8 Uhr am Morgen beginnt an der Mainzer Landstraße der Exodus. Mehr als 12.000 Anwohner mussten die Zone verlassen. Wie bei anderen Entschärfungen dauert es Stunden, bis die Polizei die Freigabe für den Bombenentschärfer geben kann, weil sich noch Menschen in der Zone aufhalten. Nach Angaben eines Feuerwehr-Sprechers liegt das aber auch daran, dass wegen der Corona-Pandemie keine Sammeltransporte von Bettlägerigen oder sonst nicht mobilen Menschen möglich sind. Jeder muss einzeln abgeholt werden. „Das dauert halt“, sagt der Sprecher. Um 14 Uhr kann der Kampfmittelräumdienst mit seiner Arbeit beginnen.

          „Selbstevakuierung“ mit Hund

          Am Morgen verlassen dennoch viele das gefährdete Areal selbständig und pünktlich, während Lautsprecherdurchsagen durch die Straßen hallen. Die Stadtpolizei stellt gegen Mittag fest: Fast alle haben bei der „Selbstevakuierung“ gut mitgemacht. Am frühen Morgen ist das im Gallus gut zu beobachten: Menschen mit Tüten voller Dokumente laufen die Straße hinunter, manche steigen in den Sonderbus, der direkt zur Messe fährt. Eine Frau mit roter Mütze nimmt hinter dem Busfahrer Platz. Sie ist bestens ausgerüstet: In ihrem Beutel liegen Brote, Wasser und eine dicke Decke. „Das ist nicht meine erste Bombe, und es wird auch die letzte sein“, sagt sie. Im Gallus sind schon häufiger Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden, zuletzt im September. Die Frau muss diesmal schon zum dritten Mal das Viertel verlassen. An der Messe angekommen, muss sie eine Weile warten, bis sie hineindarf: Es gelten strenge Abstandsregeln wegen der Pandemie, und es hat sich ein kleiner Stau gebildet. Also Einlass-Stopp.

          Auch Hund Yoshi darf mit: May Heller in der Halle 11 auf dem Messegelände Frankfurt
          Auch Hund Yoshi darf mit: May Heller in der Halle 11 auf dem Messegelände Frankfurt : Bild: Michael Braunschädel

          Draußen steht weiterhin May Heller. Ein Mitarbeiter der Messe ist mittlerweile zum Einsatzleiterwagen gekommen, um den Fall Yoshi zu klären. Die Feuerwehr hatte zuvor extra mitgeteilt, dass keine Haustiere erlaubt sind. Doch der Messe-Mann bekommt es irgendwie trotzdem hin. Er ruft jemanden an, tippt etwas in sein Smartphone und verkündet schließlich, dass Yoshi nachträglich angemeldet wurde und jetzt in Halle 11 darf. Heller ist zufrieden und schiebt ihre Mutter im Rollstuhl durch die Glastür. Der kleine Hund springt hinterher.

          Ein „geeigneter Ort“ für Menschen in Quarantäne

          So gut läuft es nicht für alle. Ein junger Mann, der sich als Allan vorstellt, und seine Freundin stehen noch immer an der Mainzer Landstraße. Sie sind, wie es offiziell heißt, in häuslicher Absonderung, weil sie gerade aus dem Ausland zurückgekommen sind. Darum haben sie die Anweisung bekommen, an der Ecke zu warten, bis ein Feuerwehr-Wagen sie abholt. Die Stadt hat für Menschen in Quarantäne Transporte an einen „geeigneten Ort“ organisiert. Doch es kommt niemand. Seit anderthalb Stunden. Der Verkehrspolizist, der wenige Meter von ihnen entfernt die Straße Richtung Griesheim abriegelt, kommt irgendwann auf sie zu: Sie sollen zu Fuß zur Messe laufen, Halle 11. Allan sagt: „Aber wir sind doch in Quarantäne, da werden viele Menschen sein.“ Aber mehr Informationen hat der Polizist nicht. Das Paar läuft los.

          Ausweichquartier: Mit Sonderbussen werden die Bewohner des Sperrgebiets zur Halle 11 auf dem Messegelände gebracht.
          Ausweichquartier: Mit Sonderbussen werden die Bewohner des Sperrgebiets zur Halle 11 auf dem Messegelände gebracht. : Bild: Michael Braunschädel

          An der Messe angekommen, wird ihre Temperatur gemessen: unauffällig. „Haben Sie Symptome?“, fragt ein Mitarbeiter. Allan verneint, und daraufhin dürfen die beiden in den großen Raum, in dem sich auch die anderen Anwohner aufhalten. Anders als für die Menschen, die auf Anordnung des Gesundheitsamts in Quarantäne sind, werden die Regeln für jene, die nur in prophylaktischer Isolation sind, dort nicht so eng ausgelegt. Das Paar setzt sich in eine Ecke, weit weg von allen anderen. Wer Symptome hat, bekommt allerdings einen Schnelltest, wie der Katastrophenschutzbeauftragte des Roten Kreuzes Armin Bender sagt.

          Es wird ein langer Tag. Alle paar Stunden kommt eine Wasserstandsmeldung über Twitter. Kurz nach halb vier dann die Meldung: „Aufatmen Frankfurt! Die Weltkriegsbombe im #Gallus konnte durch den Kampfmittelräumdienst des RP Darmstadt erfolgreich entschärft werden. Die Absperrungen zum Gefahrenbereich werden aufgehoben. Danke, Frankfurt! Danke an alle Beteiligten!“, schreibt die Feuerwehr. Statt der befürchteten sechs Stunden hat die Entschärfung nur gut anderthalb gedauert – als es endlich losgehen konnte, war der zuständige Brandmeister ziemlich flott. Die Bewohner dürfen wieder in ihr Viertel. Für Allan und seine Freundin geht es zurück in die Quarantäne. Die gilt jetzt wieder.

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