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Bombardierung Frankfurts : Das Höllenfeuer verschonte nur Porzellan

Aus vergangener Zeit: eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, gefunden im heutigen Frankfurt. Bild: Fiechter, Fabian

Am 4. Oktober 1943 ist Frankfurt zum ersten Mal schwer bombardiert worden. 70 Jahre später zeigt eine Ausstellung, wie die Stadt im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche fiel.

          Glas schmilzt bei 1000 Grad Celsius, Porzellan erst bei 1300 Grad. Das Höllenfeuer, das englische Bomber am 12. September 1944 bei einem Angriff auf Bockenheim entfachten, ließ die Gläser in Gretel Ritserts Buffet zerfließen. Die Porzellantassen dagegen hielten der Hitze stand. Im Refektorium des Karmeliterklosters ist nun ein Glasklumpen zu sehen, in dem eine intakte Tasse steckt. „Das ist der Rest unserer zerstörten Wohnung“ hat Ritsert damals auf einen Zettel geschrieben.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das seltsame Relikt ist das zentrale Objekt der Ausstellung „Heimat/Front“ im Institut für Stadtgeschichte. Die klug gestaltete Schau beschäftigt sich 70 Jahre nach dem ersten schweren Luftangriff auf Frankfurt am 4. Oktober 1943 auf multimediale Weise mit dem Luftkrieg im Zweiten Weltkrieg und speziell mit der Zerstörung der Frankfurter Altstadt und anderer Viertel. Das Refektorium, in dem das Atelier Markgraph eine Ausstellungsarchitektur in Form eines Hakenkreuzes aufgebaut hat, ist in diesem Bombenkrieg selbst schwer beschädigt worden. Wer das dort gezeigte Foto des demolierten Raumes sieht, mag nicht glauben, dass die Wandbilder Jörg Ratgebs von der Vertreibung der Karmeliter aus dem Heiligen Land dies überstanden haben.

          Nur im Ausland gibt es noch historische Stadtkerne

          Diese Ausstellung ist überfällig gewesen. Bisher wurde das Thema Bombenkrieg und Zerstörung der deutschen Städte weitgehend den Rechtsradikalen überlassen, die damit üble Propaganda betrieben haben. Nun endlich wird es in einer seriösen und historisch einordnenden Form zur Debatte gestellt. Deshalb hat Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) recht, wenn er diese von Michael Fleiter und Thomas Bauer kuratierte Schau eine „politisch bedeutsame“ Ausstellung nennt.

          Wie sehr dieser Bombenkrieg Deutschland umgepflügt hat, merkt man erst richtig, wenn man durch Italien oder Frankreich reist und die vielen wunderbaren Städte sieht, die sich ihren historischen Kern bewahren konnten. In Deutschland dagegen haben - mit wenigen Ausnahmen wie Wiesbaden und Heidelberg - alle größeren Städte einen Gutteil ihrer gewachsenen Architektur verloren. Auch Frankfurt ist einmal ein Kleinod gewesen, seine Altstadt mit den Fachwerkhäusern war berühmt. Der letzte große Angriff am 22. März 1944 machte Frankfurt über Nacht zu einer anderen Stadt. Zu einer zerstörten Stadt, die beim Wiederaufbau auch noch gefleddert wurde und - allen heutigen Hochhäusern zum Trotz - ihren alten Charme nie wiedergefunden hat.

          Im Keller verschüttet

          Beim Angriff der englischen Royal Air Force auf Bockenheim wurde nicht nur Gretel Ritserts Haus zerstört, sondern auch ein Hochbunker an der Mühlgasse von einer Luftmine getroffen. 172 Menschen, die dort Schutz gesucht hatten, die meisten von ihnen Zivilisten, starben. Im Totenbuch der Stadt sind die Opfer dieser Luftattacke aufgeführt. Maria Becker und ihre vier Kinder Helmut, Gerda, Waltraud und Renate im Alter zwischen zwei und 13 Jahren, etwa. Insgesamt kamen bei den diversen Angriffen auf Frankfurt etwa 6000 Männer, Frauen und Kinder um.

          Eine andere Tragödie hat sich im Kinderkrankenhaus an der Gagernstraße, einer Außenstelle des Hospitals zum Heiligen Geist, ereignet. 84 Kinder, 14 Krankenschwestern und ein Arzt wurden bei einem Angriff im Keller verschüttet und kamen ums Leben. Das Krankenhaus hatte ursprünglich der Jüdischen Gemeinde gehört. Doch die war Zug um Zug ihres Besitzes beraubt worden. Die meisten ihrer Mitglieder dürften zum Zeitpunkt besagter Luftattacke schon in den Osten deportiert worden sein, sofern ihnen nicht die Auswanderung geglückt war. „Volksgenossen“, die nach Bombardements obdachlos waren, wurde nicht selten eine Judenwohnung zugewiesen, nachdem deren Bewohner vertrieben worden waren. Auch das gehört zur Geschichte des Bombenkriegs.

          Wahllos gingen die Bomben nieder

          Der hat seinen schrecklichen Auftakt im Übrigen schon 1937 in Guernica im Baskenland gefunden. Es folgten 1939 die Zerstörung Warschaus durch deutsche Flugzeuge, die deutschen Attacken auf Rotterdam 1940, dann auf London und Coventry und - kaum jemandem bekannt - auf Belgrad 1941. Darüber schweigt die Ausstellung zum Glück nicht. Sie geht auch darauf ein, wie die Nationalsozialisten sofort nach ihrer Machtübernahme damit begannen, das deutsche Volk mit Hilfe des Luftschutzes zu militarisieren.

          Der Gegenschlag der Alliierten nach der Bombardierung Englands ließ nicht auf sich warten. Die Amerikaner, die meist tagsüber angriffen, versuchten immerhin noch, möglichst militärische und wirtschaftlich bedeutsame Ziele zu treffen. Die Briten, die nachts angriffen, ließen ihre Bomben weitgehend wahllos auf Bahnhöfe, Fabriken und Wohngebiete fallen. „Wir bomben Deutschland, eine Stadt nach der anderen, immer schwerer, um euch die Fortführung des Krieges unmöglich zu machen“, hatte Arthur Harris, Chef des RAF-Bomber-Kommandos, 1942 die Deutschen wissen lassen. Was „Bomber-Harris“ angekündigt hatte, verwirklichten seine Piloten und Mannschaften. Frankfurt bekam die Rache hart zu spüren. Davon erzählen in dieser Ausstellung viele einzigartige Objekte, selten gesehene Fotos und ein neu aufgetauchter Film über Flakhelfer im Rhein-Main-Gebiet.

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