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Die Böhsen Onkelz : Schwarzweiß ist auch ein Farbenmeer

  • -Aktualisiert am

Eine Art „Heimspiel“: Die Böhsen Onkelz im Waldstadion Frankfurt. Bild: Wiesinger, Ricardo

Wenn die Böhsen Onkelz in ihrer Heimat Frankfurt auftreten, ist alles wie immer: Laut und wild. Die Band und ihre Fans werden älter, die geteilte Aggression bleibt.

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          Der Weg zu den Böhsen Onkelz führt durch das Scherbenmeer. Der vom „Böhse Onkelz Social Club“ organisierte Marsch zum Waldstadion scheint am Samstagabend in eine wüste Vorglühparty abgedriftet zu sein, Abertausende Flaschen und Plastikbecher türmen sich vor den Toren der Arena. Entsprechend hoch ist der Alkoholpegel der Fans schon vor dem Konzert, auf der Wiese am Eingang liegen die ersten Schnapsleichen, als noch die Vorband Tankard einheizt.

          Simon und Philipp aus Österreich fangen gerade erst an. Sie sind zum Konzert ihrer Lieblingsband nach Frankfurt angereist, jetzt gibt es erst mal ein Bier aus dem Plastikbecher für sieben Euro, inklusive Pfand. „In Deutschland ist alles billiger“, findet Simon, tätowierte Oberarme, Zigarette im Mundwinkel. Die Salzburger eilen in Richtung Tribüne.

          „Kinder dieser Stadt“

          Der Lärm in der ausverkauften Arena ist ohrenbetäubend, der Schweiß fließt, das Bier spritzt, und die Westkurve ist in ein schwarzweißes Fahnenmeer getaucht. Das könnte auch das Publikum repräsentieren: Gefühlt neunzig Prozent weiße Männer in schwarzen T-Shirts. Der erste Satz von Onkelz-Bassist Stephan Weidner, als er auf die Bühne springt: „Danke für dieses Farbenmeer.“

          Die Böhsen Onkelz: Gehörnte Hände, gefüllte Becher und jubelnde Fans.

          Wieder in Frankfurt auf der Bühne zu stehen sei „megageil“, brüllt Weidner, schließlich seien die Onkelz „Kinder dieser Stadt“. Das gefällt dem Publikum besonders, bereits beim ersten Lied hat sich ein Moshpit gebildet: ein Kreis, in dem Männer mit nacktem Oberkörper wild umhertanzen und sich dabei anrempeln.

          Eine ziemlich lebendige Show

          Obwohl alle Onkelz die fünfzig überschritten haben, liefern sie auf der Bühne eine ziemlich lebendige Show ab. Sänger Kevin Russell, bekleidet mit Dreiviertelhose wie viele seiner Fans, streift mit zusammengekniffenen Augen über die Bühne wie ein Tiger durch seinen Käfig. Alle paar Minuten klammert er die Hände ums Mikrofon und schüttelt sich die blonde Mähne aus dem braungebrannten Gesicht.

          Gitarrist Matthias Röhr tänzelt umher, sein Outfit – Cowboyhut, Jeansjacke und Bandana – erinnert ein wenig an Jeff Bridges Rolle als Absturzrocker im Country-Film „Crazy Heart“. Das Reden überlässt Sänger Russell lieber Bassist Weidner. Der sieht aus wie Foo-Fighters-Frontmann Dave Grohl, der Kurt Cobains altes Flanellhemd aus der Mottenkiste gekramt hat, und bedankt sich für kritische Berichte: „Hier die obligatorische Schelte für die Presse: Fahrt zur Hölle“, röhrt er mit erhobenem Mittelfinger. Das Publikum johlt.

          Danach erzählt er von „pubertären Sexfantasien“, um die Menge auf „Lack und Leder“ einzustimmen. Einem Mittzwanziger scheint das zu viel zu sein: Am anderen Ende der Arena wird er auf einer Trage abtransportiert und fuchtelt dabei wild um sich. „Oh wie ist das schön“, singt die Menge und brennt dazu Rauchfackeln ab.

          Gehörnte Hand für Instagram und Co

          Zur Halbzeit hält Weidner eine kurze Ansprache und gönnt sich eine Flasche Bier. Der tätowierte Hüne erinnert an Kneipentouren in Sachsenhausen und Sozialwohnungen auf dem Frankfurter Berg, die Arena ist in dunkelrotes Licht getaucht.

          Das kommt Lisa und Kathi gelegen, zwei der wenigen jungen Frauen, die im Publikum zu sehen sind. Geübt reckt Lisa ihren Arm in die Höhe und formt die gehörnte Hand. Ihr Begleiter, dessen blanken Rücken ein Schlagring-Tattoo ziert, fotografiert fleißig. Das gefällt den Followern auf Instagram.

          Mehr als zwei Stunden rocken die Onkelz das Stadion, 60.000 Fans toben bei jedem Aufheulen der Gitarren. Aber als Russell schließlich von „guten Freunden und verlorener Liebe“ singt, verlassen die ersten schon das Gelände. Unter ihnen Sebastian, 42, Onkelz-Fan seit der ersten Stunde, wie er sagt. Er müsse jetzt aber schnell zum Hauptbahnhof, samt Bierbecher. „Nach Hause, nach Köln.“ Dort warten Frau und Kind.

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