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Im Gespräch: Michael Boddenberg : „Abitur allein macht nicht glücklich“

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Doch, es funktioniert eine ganze Menge. Nehmen Sie die Hauptschulen. Dort haben wir in Hessen seit einigen Jahren sogenannte Schubklassen als Modellprojekte, die die CDU/Grünen-Koalition jetzt flächendeckend einführen will. Den Schülern wird schon ab Klasse acht die Möglichkeit geboten, regelmäßig zwei Tage in der Woche in einem Unternehmen oder in einer berufsbildenden Schule zu verbringen: um praktische Erfahrungen zu sammeln und eine frühzeitige Berufsorientierung zu haben. Das ist eine Erfolgsgeschichte. In den Unternehmen hören die Schüler: Mach deinen Hauptschulabschluss, dann bekommst du bei mir eine Ausbildungsstelle. Eine größere Motivation kann man sich doch kaum vorstellen.

Tatsächlich ist der Anteil der Schulabbrecher in den Hauptschulen in den vergangenen zehn Jahren gesunken. Die Zahl der Anmeldungen geht aber ebenfalls immer weiter zurück.

In Hessen gibt es ja nur noch vier reine Hauptschulen, aber wir haben natürlich verbundene Haupt- und Realschulen und weitere kooperative Modelle. Der Hauptschulabschluss steht für mich deshalb überhaupt nicht in Frage. Aber er muss mit einem Qualitätssiegel versehen werden. Der Unternehmer, bei dem sich ein Hauptschüler bewirbt, muss das Gefühl haben, dass er einen jungen Menschen mit einer gesunden Basis an Bildung vor sich hat. Ich möchte, dass jeder in Hessen weiß, dass ein Hauptschulabschluss ein qualifizierter Abschluss für eine Berufsausbildung ist. Und danach sind alle Wege offen.

Ausschlaggebend für die Attraktivität eines Bildungsganges sind also die Berufsaussichten?

Sowohl in der Industrie wie im Handwerk, in vielen gewerblichen und mittelständischen Unternehmen wird händeringend nach Fachkräften gesucht. Im vergangenen Jahr haben erstmals mehr Menschen nach der Schule eine Universität oder Fachhochschule besucht als den Weg in die berufliche Bildung eingeschlagen. Das ist grundsätzlich in Ordnung, weil wir natürlich auch viele gut ausgebildete Akademiker, Ingenieure und Wissenschaftler brauchen. Jenen fast 50 Prozent der jungen Menschen, die es in berufliche Bildungsgänge zieht, verschließen sich aber keine Perspektiven, sondern es eröffnen sich zusätzliche. Ich kann studieren, Führungsverantwortung bei mittelständischen Unternehmen übernehmen und mich unter dem Motto „Lebenslanges Lernen“ auch mit Unterstützung des Arbeitgebers weiterentwickeln. Oder ich mache mich als Handwerker selbständig.

Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, beklagt, in Deutschland gebe es zu wenige Akademiker.

Und die Spanier werden gelobt, weil sie einen hohen Akademikeranteil haben. Das Ergebnis: 53 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, acht Prozent in Deutschland. Das ist doch kein Zufall. Die Qualität der dualen Ausbildung, der in Deutschland ausgebildeten Fachkräfte ist für mich der wesentliche Grund, dass die deutsche Wirtschaft so gut dasteht, findet aber bei der OECD nur am Rand Beachtung. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Ist das, was Sie anstreben, nicht der Versuch, die individuellen Ambitionen junger Menschen hinter die Ansprüche der Wirtschaft zurückzustellen? Sprich: Unternehmen suchen Auszubildende und Facharbeiter, also muss der Staat dafür sorgen, dass es sie ausreichend gibt?

Ich möchte, dass jeder nach seiner Façon glücklich wird. Um entscheiden zu können, welcher Weg der richtige ist, brauchen junge Menschen und Eltern schon zur Grundschulzeit mehr Information über die unterschiedlichen Wege, die in der Schullaufbahn und im Berufsleben eingeschlagen werden können. Dass seit 2005 im Hessischen Hochschulgesetz steht, dass die Meisterprüfung absolut gleichwertig zur allgemeinen Hochschulreife ist, zum Abitur, ist vermutlich weniger als zehn Prozent der Eltern und Schüler bekannt. Das hätte ich gerne sehr viel anders. Nicht weil ich möchte, dass am Ende jeder Meister studiert, sondern weil ich möchte, dass er und unsere Gesellschaft diese Möglichkeit kennen.

Am Ende kann der Metzgermeister auch Medizin studieren.

So ist es. Aber am Ende wird er das wohl nicht tun. Wer eine Meisterprüfung im Nahrungsmittelhandwerk absolviert hat, wird eher über ein Lebensmitteltechnologiestudium nachdenken oder Ökotrophologie studieren. Ich kann mir vorstellen, dass ein Schreinermeister Spaß daran hat, Architektur zu studieren, oder dass jemand, der einen Kfz-Beruf erlernt hat, einen Bachelor- oder Masterstudiengang im Bereich Automobilwirtschaft oder Maschinenbau belegt.

Die Fragen stellte Ralf Euler.

Zur Sache In Deutschland gibt es immer mehr Abiturienten und Studenten. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts erwarben im vergangenen Jahr rund 370 600 Schüler die allgemeine oder die fachgebundene Hochschulreife. Weitere 106 500 junge Frauen und Männer erwarben die Fachhochschulreife, die auf einem schulischen und einem berufspraktischen Teil basiert. Insgesamt erlangten damit 477 100 Schüler eine die Berechtigung an einer Hochschule zu studieren, das sind mehr als die Hälfte des Jahrgangs, und die Quote steigt jedes Jahr um einen weiteren Prozentpunkt. Daraus ergeben sich Nachwuchssorgen für das duale System, die parallele Ausbildung in Betrieb und Berufsschule. Das Abitur ist der begehrteste Schulabschluss in Deutschland, das Gymnasium die beliebteste Schulform. Der Anteil der Gymnasiasten an den Schülern und Schülerinnen nahm binnen eines Jahrzehnts von 30,7 auf 34,4 Prozent zu, vor 40 Jahren hatte er bei noch nicht einmal zehn Prozent gelegen. Nur in Bayern und Sachsen können die Lehrer den Eltern die Wahl der Schulform für ihre Kinder im Wesentlichen vorgeben, ansonsten ist der Wille der Eltern ausschlaggebend. (ler.) Zur Person Fleischermeister, Leiter einer privaten Fachschule für Fleischer- und Bäckerhandwerk, Landtagsabgeordneter, CDU-Generalsekretär, Staatsminister, Fraktionsvorsitzender im Landtag: Michael Boddenbergs beruflicher Werdegang ist alles andere als alltäglich. Der 55 Jahre alte Frankfurter, verheiratet, drei Kinder, gehört dem Landtag seit 1999 an, von 2001 bis 2009 war er Generalsekretär und Geschäftsführer der hessischen CDU, anschließend für fünf Jahre hessischer Minister für Bundesangelegenheiten in Berlin. Seit Januar dieses Jahres steht er an der Spitze der CDU-Landtagsfraktion und ist in dieser Position maßgeblich für die nach außen hin reibungslose Arbeit der ersten schwarz-grünen Koalition in einem Flächenland verantwortlich. Boddenberg spielt Rockgitarre, besonders gern Musik von Carlos Santana. Als Politiker liegen ihm vor allem die Wirtschafts- und die Bildungspolitik, die Arbeitsplätze am Frankfurter Flughafen und die Sorgen der lärmgeplagten Anwohner am Herzen. (ler.)

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