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Bockenheimer Depot : Der ewige Mut zum Risiko

Zum Haare ausreißen: Das Theater neu erfinden ist ein Fulltime-Job für Tim Etchells im Bockenheimer Depot. Bild: Helmut Fricke

Tim Etchells macht mit Forced Entertainment seit 34 Jahren Theater. Am Freitagabend ist „Weltpremiere“ im Bockenheimer Depot der Frankfurter Produktion „Out of Order“.

          Noch steht nur ein Foto für den ganzen Abend, eine Uhr, die nicht geht, mit weißem Band verklebt. „Ich sammle Bilder von Uhren, die nicht gehen“, sagt Tim Etchells, „schon seit 15 Jahren.“ Überhaupt sammelt Etchells vieles: Wörter, Gedanken, Bilder, früher hat er mal von Hand geschrieben, längst ist ein einziges riesenhaftes Dokument in seinem Computer entstanden, in das er notiert, was ihm auffällt. Irgendwann taucht es wieder auf, so wie jetzt, auf den Plakaten von „Out of Order“, das Foto der kaputten Uhr. Etchells, Jahrgang 1962, ist seit 1984 der führende Kopf von Forced Entertainment, jener Theatertruppe aus Sheffield, die man mit Fug und Recht im 35. Jahr ihres Bestehens „legendär“ nennen darf.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Weltpremiere“ prangt im Spielplan des Schauspiels Frankfurt, „Uraufführung“ auf dem des Mousonturms. Egal, die gemeinsame Sache ist neu in jeder Hinsicht: Forced Entertainment gastiert zwar schon seit den neunziger Jahren immer wieder am Mousonturm. Nun entsteht mit „Out of Order“ eine großangelegte Frankfurter Produktion, für die sich erstmals beide Häuser, das der „freien“ und das der „festen“ darstellenden Künste, zusammengetan haben. Die Liste der Koproduzenten und sonstigen Geldgeber ist noch länger, Forced Entertainment arbeiten im internationalen Kontext, wie Rimini Protokoll, soeben für die nächste Spielzeit als weitere Uraufführungs-Kooperation von Schauspiel und Mousonturm angekündigt.

          Zeitbezogene Thematik des Stücks

          Die Briten haben zwei intensive Wochen lang im Bockenheimer Depot geprobt, heute ist dort Premiere. Robin Arthur, Nicki Hobday, Jerry Killick, Richard Lowdon, Cathy Naden und Terry O’Connor – Claire Marshall wirkt diesmal hinter den Kulissen – haben etliches radikal über Bord geworfen, unter anderem den Text, übrig geblieben ist der Gedanke des Clownesken, ein Umriss des nicht Funktionierenden, das in der offiziellen Beschreibung an Beckett erinnert.

          „Out of Order“, das klingt wie ein Stück zur Lage – aber das ostentativ Zeitbezogene haben Forced Entertainment nie gesucht: „Wir gehen nie von einem bestimmten Thema aus“, sagt Etchells, dennoch haben ihre Arbeiten immer mit der Gegenwart zu tun. Sie sickere ein, sagt er. Auch „Real Magic“, im vergangenen Jahr zum Theatertreffen eingeladen, eine perfid-absurde Fernsehshow, sei kein Stück über Donald Trump, aber die Atmosphäre sei zu spüren. Dass das Theater immer wieder neu erfunden werden müsse, ist kein leerer Slogan – und für Etchells, der nie zu schlafen scheint, ein Fulltime-Job: „Wie können wir das Verhältnis vom Publikum zum Material stetig verändern?“ Die Frage könne nie erschöpfend beantwortet werden.

          Intensive Vorbereitungen

          Weshalb Forced Entertainment beharrlich nach immer neuen Wegen der Darstellung suchen, von Langzeit-Performances über Showformate zu beinahe klassischen Inszenierungen. „Wir sind mutiger geworden, wagen mehr“, sagt Etchells. Viele haben seit den achtziger Jahren die Vorgehensweise von Forced Entertainment zum Vorbild genommen, die Briten aber sind unübertroffen in der Konsequenz, mit der die sechs ursprünglichen Mitglieder bis heute auf eine Radikalität setzen, die es nicht nötig hat, breitbeinig, irgendwie kunstgewesenhaft aufzutreten.

          Sie machen einfach, und das so lange und intensiv, wie es jedes ihrer Projekte verlangt. „Der Kern der Gruppe ist derselbe, wohl weil wir so langsam sind und unser Vorgehen so schwierig ist, dass wir Angst hätten, andere Leute könnten das gar nicht aushalten“, sagt Etchells. „Wir fordern einander die ganze Zeit.“ An „Out of Order“ hat die Gruppe ein Jahr lang gearbeitet, zwischen den laufenden Verpflichtungen, die sie, unter anderem, vor kurzem an den Mousonturm geführt hatten, wo ihre sämtlichen Werke Shakespeares das Publikum schlichtweg verzaubert haben.

          Der unprätentiöse Mittelpunkt dieses unentwegt tätigen Kollektivs ist Etchells, der auch noch als Schriftsteller und bildender Künstler arbeitet. „Alles bei uns wird kollektiv diskutiert. Es ist eine Freude und ein Privileg, so zu arbeiten – aber es ist auch gut, eine Pause einzulegen und ganz der eigenen Intuition zu folgen“, sagt er. Performance, Aufführung, der stete Versuch, eine erzählerische Verbindung herzustellen: Für Etchells gehört das organisch zusammen. Regie, das poetische Schreiben, seine Licht-Sprach-Skulpturen. Und natürlich auch die Uhren, die nicht gehen.

          Out of Order

          Uraufführung am Freitag um 20 Uhr im Bockenheimer Depot, weitere Vorstellungen am 28. April und dann von 2. Mai an.

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