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Bob Dylan in Mainz : Mit altersmilder Zartheit

Dylan kann verdammt cool sein. Dafür braucht es allerdings auch eine verdammt coole Band und die hat er hinter sich. (Archivbild) Bild: AFP

Bob Dylan spricht auch beim Open-Air-Konzert in Mainz kein einziges Wort, spielt aber beseelt auf. Das Publikum zaubert dem Künstler dann aber doch ein Lächeln aufs Gesicht.

          Des Meisters Wunsch ist quasi Befehl. Wer sich im Mainzer Volkspark also wundert, warum im Konzert plötzlich einige Zuhörer weiße Taschentücher hervorziehen und mit diesen in Richtung Bühne winken, kennt vermutlich den Text des Lieds „Early Roman Kings“ nicht. Denn in diesem heißt es „If you see me comin’, and you’re standing there, wave your handkerchief in the air“. In der nächsten Strophe heißt es dann „I ain’t dead yet“, und dass Bob Dylan noch lange nicht tot, sondern auch mit mittlerweile 78 Jahren noch putzmunter ist, beweist er tausenden seiner Jünger, die am Sonntagabend auf dem Konzertgelände und auch außerhalb auf den Wiesen des Parks mit wachsender Begeisterung den musikalischen Darbietungen des selbstapostrophierten Song and Dance Man lauschen.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bob Dylan wirkt, als sei er guter Dinge an diesem Abend, wie dem Literaturnobelpreisträger überhaupt die Stadt Gutenbergs ein angenehmer Ort zu sein scheint, spielte er hier doch in den vergangenen Jahren einige erinnerungswürdige Konzerte. Ob es ihm in Mainz aber tatsächlich gefällt, wird auch an diesem Abend niemand erfahren, teilt Dylan sich doch wie stets nur über seine Lieder mit, ohne sonst auch nur ein einziges Wort zu verlieren. Mitunter rückt er sich, am Klavier sitzend oder stehend, das Mikrofon so zurecht, als wolle er im nächsten Moment eine Ansprache starten, doch dann lässt er es sein. Was soll er auch sagen, wenn jedes Wort von ihm, das er je für ein Lied zu Papier gebracht hat, studiert, seziert und interpretiert worden ist?

          Seinem Alter gerechte Stimme

          Also singt er lieber, manchmal in jenem für seine alten Tage typisch gewordenen „Gnhhh“-Genöle, bei dem die Melodie nurmehr aus einem Ton besteht, der allenfalls einen Halbton nach oben oder unten variiert wird, doch viel öfter (zumindest in Mainz) mit dem warmen, rauchigen Timbre des Barden, der doch noch eine seinem Alter gerechte Stimme gefunden hat. Die ist nicht mehr immer fest, wie auch Dylans Stand, wenn er sich denn mal vom Klavier wegbewegt, etwas tapsig geworden ist, doch schwingt in dieser Stimme nun eine altersmilde Zartheit mit, die in etlichen Momenten geradezu erhebend ist.

          Dabei hat Dylan gar nicht einmal die Balladen in seinem umfangreichen Schaffen wiederentdeckt. Derzeit hat er wohl Gefallen an seinem „Spätwerk“, bietet die aktuelle Setlist doch jeweils gleich vier Songs von den Alben „Time Out Of Mind“ (1997) und „Tempest“ (2012), wobei der famose Song „Scarlet Town“ von letzterem Album in Mainz eine Facette des Sängers betont, die man dem alten Troubadour gar nicht mehr zugetraut hätte: Dylan kann verdammt cool sein. Dafür braucht es allerdings auch eine verdammt coole Band und die hat er mit seinen langjährigen Weggefährten Tony Garnier, George Recile, Charlie Sexton und Donnie Herron definitiv hinter sich. Die vier Musiker verstehen es noch jeden Schlenker des Meisters mitzumachen und folgen ihm fast schon instinktiv, wenn er mal wieder seine Lieder mitten im schönsten Spiel neu erfindet.

          Dabei geht nie der Schwung verloren, werden Rock, Country, Blues, Folk und Jazz aufs Lässigste verwoben und mit einigen Breaks ein Jahrhundertwerk wie „Like A Rolling Stone“ zu einem Stück für den Moshpit umgedeutet, wenn es so etwas bei einem Dylan-Konzert denn gäbe. Wobei, hüpfende und enthusiastisch mitklatschende Zuhörer, wie in Mainz zu beobachten, sind eine hinreichende Entsprechung, die His Bobness das ein oder andere Lächeln auf sein sonst nahezu unbewegliches Antlitz zaubern und ihn möglicherweise erst recht zu mitreißenden Versionen von „Love Sick“, „Thunder On The Mountain“ und „Gotta Serve Somebody“ inspirieren. Ob dem tatsächlich so ist, weiß allerdings nur der Wind, der zur ersten Zugabe bläst, bevor es an der Zeit wäre, wieder die Taschentücher hervorzuholen und dem Meister diesmal zum Abschied und auf ein Wiedersehen zu winken.

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