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„Blue Man Group“ : Die Blauen treiben es ganz schön bunt

  • -Aktualisiert am

Nass gemacht: Die Blue Man Group im Einsatz Bild: Lindsay Best 2017 Blue Man Productions LLC

Farbenfroh: Die Blue Man Group begeistert in der Alten Oper mit ihrer Mischung aus Slapstick, Pantomime und rhythmischer Musik auf selbstfabrizierten Instrumenten.

          3 Min.

          Als vergangene Woche die „Rocky Horror Show“ in der Alten Oper Frankfurt ihr schrill unterhaltsames Unwesen trieb, musste die Putzkolonne des Hauses täglich Überstunden schieben. Nicht viel anders dürfte es sich nun beim noch bis Sonntag dauernden Gastspiel der „Blue Man Group“ verhalten. Auch hier schaut es nach jeder Veranstaltung aus wie nach einem Rosenmontagszug in den Karnevalsmetropolen: Wo eben noch von innen beleuchtete, riesige Heliumbälle über den Köpfen der Zuschauer auf und nieder gingen, überziehen nun Tonnen an farbigen Papierluftschlangen die Sitzreihen und zeigt sich die Bühne eingefärbt in den Farben des Regenbogens. Die Besucher im vorderen Parkett tragen deshalb während der Performance allesamt Schutzcapes, damit nicht auf edlem Textil landet, was dort garantiert nicht hingehört.

          So viel Komfort genießen etwa die Zuschauer einer Show von Otto Waalkes nicht. Schnetzelt der Ostfriese doch ohne Rücksicht auf Verluste gerne mit großem Messer an matschigen Sachen herum. Oder er nimmt mal eben einen tiefen Schluck aus der Pulle, spült sich gründlich damit den Mund aus, um mit dem Inhalt in hohem Bogen in Richtung Publikum zu zielen. Bei manchem Zeitgenossen treibt das den persönlichen Ekelfaktor auf den Höchstwert.

          Nervenkitzelspiel mit dem Ekel

          Auch das von weiteren Musikern assistierte Fronttrio der „Blue Man Group“, von den Ur-Blaumännern Chris Wink, Matt Goldman und Phil Stanton im Jahr 1987 in Manhattan gegründet und mit der Performance „Beerdigung der achtziger Jahre“ im Central Park rasch über New Yorks Grenzen hinaus populär geworden, treibt dieses Nervenkitzelspiel mit dem Ekel der Besucher. Zum Auftakt hämmert das kahlköpfig-blaue Triumvirat heftig auf mit farbiger Flüssigkeit permanent frisch eingenässten Trommeln herum. Heißa, wie hoch das Nass mit jedem Trommelschlag spritzen kann! Dass die längst wie ein Franchise-Unternehmen auf mehrere Ensembles weltweit angewachsene „Blue Man Group“, trotz Sprechverbots, jede Menge virtuoser Dinge mit dem Mund machen kann, sollte sowohl Akrobaten als auch Künstlern zu denken geben: Erst fliegen perfekt gezielt über mehrere Meter Distanz Farbkugeln in offene Mäuler, aus denen die Farbe dann ruckartig sich auf entgegengehaltene Leinwände zu Spontankunst stilisiert.

          Hernach folgt das gleiche Spiel mit Marshmallows. Fast zwei Dutzend davon – an sich schon ein Rekord – ergeben, nach mehreren Minuten in warmer Mundhöhle wieder an die frische Luft gebracht, eine eindrucksvolle Statue. Unter dem klebrigen, weiß glänzenden Objekt wird ein Preisschild mit dem Aufdruck „5000 Euro“ angebracht, bevor es rasch in der vom Sitz stibitzten Tasche eines Besuchers verschwindet. Echt lecker erscheint auch das Candlelight-Dinner einer aus dem Publikum geholten jungen Dame, die blaue Kuchenröllchen, sogenannte „Twinkies“, in sich hineinstopfen, aber auch auf nicht gerade appetitliche Weise wieder loswerden darf.

          Minutiös geplanten Mixtur

          Ob sich sein „Kunstwerk“ auf Ebay veräußern ließe, fragt sich garantiert auch ein Brillenträger Mitte vierzig, den die in Blick und Gesten stets gestrenge „Blue Man Group“ bei einem ihrer Raubzüge durch die Sitzreihen, um Zuschauer auf die Bühne zu entführen, spontan herausfischte: Kaum auf der Bühne angekommen, wird der Mann in einen Overall gesteckt, geht seiner Brille verlustig und bekommt einen Helm aufgesetzt. In Windeseile in einen Seitenraum bugsiert, beäugt das Publikum die weitere Vorgehensweise mit Spannung per Videoübertragung: Blau angemalt, hängt der gute Mann kopfüber an einem Flaschenzug in der Luft, prallt mit dem Körper mehrmals heftig gegen eine mannshohe Leinwand, gekrönt von pinkfarben aufgesprühter Umrandung. Nachdem er unversehrt wieder auf der Bühne erscheint, darf er sein „Gemälde“ mit nach Hause nehmen.

          Immer wieder versteht das Trio in seiner vermeintlich spontanen, jedoch minutiös geplanten Mixtur aus kauzigem Marx-Brothers-Slapstick, putzigen Kleine-Strolche-Scherzen, pointierter Marcel-Marceau-Pantomime, verblüffender Videoinstallationskunst und wagemutiger Akrobatik eindrucksvoll avantgardistisch zu musizieren. Auf selbstfabrizierten Instrumenten wie Snorkelbone, Chimeulum, Pipeulum und Tone Spokes, aber auch auf Schlagzeug, elektrischer Zither und Chapman Stick erzeugte Töne erinnern mitunter an die ebenfalls bis zur Unkenntlichkeit vermummten Kollegen von The Residents. Schlicht beeindruckend ist auch die Virtuosität des Trios am Drumbone, einer Überblendung aus Posaune und Trommel. Mehrere Meter PVC-Abflussrohre verschieben zwei der Blauen immer wieder für Tonvariationen, während der Dritte die Gerätschaft mit Trommelstöcken bearbeitet.

          Die Blue Man Group gastiert bis 8. April in der Alten Oper Frankfurt.

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