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Blog über Sicherheitspolitik : Wissenschaft nicht nur für Experten

  • -Aktualisiert am

Diskussionswürdig: Drohnen sind auch Gegenstand der Sicherheitspolitik. Bild: dapd

Mit einem Blog über Sicherheitspolitik wollen Frankfurter Uni-Mitarbeiter die Forschung auf ihrem Gebiet ergänzen. Viele Kollegen halten von dieser Art des Publizierens nichts.

          Als Philipp Offermann Anfang Februar an einer Tagung von Historikern teilnahm, wurde er schnell als „Anarchoblogger“ abgestempelt. Zu unordentlich und unfertig sei das Bloggen, von wissenschaftlicher Arbeit könne bei dieser Art des Publizierens keine Rede sein. „Während die Welt das Bloggen für sich als Phänomen bereits akzeptiert hat, wird in der Wissenschaft noch eingehend darüber debattiert, wie das alles funktionieren könnte und sollte“, fasst Offermann die Ergebnisse der Tagung frustriert zusammen.

          Seit drei Jahren schreibt der 34 Jahre alte Politikwissenschaftler und Ethnologe der Uni Frankfurt für www.sicherheitspolitik-blog.de. Zusammen mit zwei weiteren Politologen bildet Offermann die Redaktion des Blogs. Interviews, Podcasts, Liveblogs, Rezensionen - die Darstellungsformen der Autoren sind ebenso vielfältig wie die Themen des Blogs, die von der Drohnendebatte bis zum Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball-Liga reichen. „Wir wollen aufzeigen, dass Sicherheit nicht nur bedeutet, dass keine Panzer ins Land rollen“, sagt Offermann. „Der Begriff muss viel weiter gefasst werden“, findet er. „Niemand verbindet mit Sicherheitspolitik beispielsweise im ersten Moment grenzüberschreitende Krankheiten, die die Sicherheit eines Landes bedrohen können.“

          „Auch mal Halbfertiges in die Öffentlichkeit bringen“

          Das Sicherheitspolitik-Blog ist Teil des Forschungsprojekts „Sicherheitskultur im Wandel“, das seit 2010 von Christopher Daase, Professor für Internationale Organisation an der Uni Frankfurt, geleitet wird. Eine von vier Stellen, die Daase für das mit mehr als einer Million Euro vom Bundesbildungsministerium unterstützte Projekt ausschrieb, besetzte er für die Öffentlichkeitsarbeit mit Philipp Offermann, dessen Hauptaufgabe die Pflege des Blogs ist. „Dass ein Blog solch ein integraler Bestandteil eines Forschungsprojektes ist, gab es vorher noch nicht“, sagt Offermann. Ein oder zwei Beiträge publiziert die Redaktion in der Woche. Während andere Wissenschaftler sich auf die Veröffentlichung von Fachartikeln und Sammelbändern konzentrieren, bieten die Frankfurter Wissenschaftler mit dem Blog eine weitere, öffentliche Plattform an, um zum Diskurs über die eigenen Forschungsfragen und aktuelle Debatten einzuladen.

          Eine „Ergänzung der Wissenschaft“, wolle man mit dem Blog liefern, sagt Offermann. „Solch eine Plattform bietet die Möglichkeit, auch mal Halbfertiges und Spontanes in die Öffentlichkeit zu bringen“, meint er. Außerdem könne man viel direkter und dynamischer auch innerhalb der Disziplinen miteinander kommunizieren, anstatt immer monatelang auf die nächste Konferenz warten zu müssen.

          Lesetipps zur Vorlesung

          In den Vereinigten Staaten tauschen sich vor allem Wirtschaftsprofessoren auf Blogs aus. In Deutschland sei die Angst, beim Bloggen einen Fehler zu machen, viel ausgeprägter als in anderen Ländern, meint der amerikanische Wirtschaftsjournalist Felix Salmon, der die Blogosphäre seit Jahren beobachtet. „Das liegt daran, dass jedes öffentliche Wort in Deutschland genau abgewogen wird. Da will man nicht blöd aussehen.“ Viele amerikanische Professoren nutzten Blogs auch dazu, begleitende Informationen neben den Lehrveranstaltungen anzubieten, erläutert Salmon. „Wer sich in Amerika auf eine Professur bewirbt, kann nicht nur mit Fachartikeln punkten, sondern auch mit Blogeinträgen“, sagt Offermann. Das sei in Deutschland noch anders. „Dabei beweist so etwas ja, dass die Wissenschaftler auch den Austausch mit dem Nicht-Fachpublikum beherrschen.“

          Oft hätten sich Dozenten seiner Uni bei ihm über das Bloggen informiert, sagt Offermann. Pioniere wie der Darmstädter Professor für Online-Journalismus Thomas Pleil, der seinen Studenten passend zu den Vorlesungen Lesetipps oder Fachartikel auf einem Blog anbietet, gibt es in Frankfurt aber nicht, wie ein Sprecher der Goethe-Universität bestätigt. „Viele Wissenschaftler erkennen die Vorteile eines Blogs nicht.“ Statt das Bloggen als direkte und lebendige Informationsmöglichkeit zu schätzen, sähen viele darin ein Hobby, dem nur Leute mit zu viel Zeit nachgehen könnten. Besonders in den Geisteswissenschaften seien Sammelbände noch immer der „Inbegriff wissenschaftlichen Publizierens“. Vor allem junge Nachwuchsforscher seien sich jedoch bewusst, dass sie „zunehmend die Öffentlichkeit suchen“ müssten.

          Etwa 3000 Zugriffe hat der Sicherheitspolitik-Blog im Monat. Das sei noch ausbaufähig, meint Philipp Offermann. Vor ein paar Wochen wurde einer der Gastautoren des Blogs als Experte in eine Radioshow eingeladen. Besonders gefreut hat sich Offermann, als eine Schulklasse einen Leserbrief zu einem Beitrag schrieb. Einer der Blog-Einträge soll bald in einem Schulbuch veröffentlicht werden, wie Offermann berichtet. „Das zeigt uns, dass wir ein Angebot geschaffen haben, das angenommen wird.“ Die Resonanz des Bildungsministeriums sei ebenfalls „sehr positiv“. Deshalb machen sich die Forscher Hoffnung, dass das Projekt im Mai verlängert wird. Aber auch von einem ablehnenden Bescheid würde sich Philipp Offermann nicht entmutigen lassen. „Wir werden das Blog so oder so weiterführen“, sagt er. „Ich habe keine Lust darauf, ein Wissenschaftler zu sein, der nur Fachartikel schreibt, die dann drei Leute lesen, und eine davon ist meine Mutter.“

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