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Im Sonderzug zu Blockupy : Schlacht planen und Bier trinken

Demonstranten im Sonderzug auf dem Weg nach Frankfurt Bild: Jens Gyarmaty

Die Stimmung ist ein bisschen wie in einem Partyzug. Doch bei aller Ausgelassenheit planen die Demonstranten auf dem Weg zu Blockupy in Frankfurt akribisch ihre Aktionen. Der Protest ist straff organisiert.

          5 Min.

          Irgendwann auf der Fahrt brennen zwei Bengalos ihr Pyrofeuer aus den Fenstern des Blockupy-Sonderzuges in die Nacht hinaus. Doch den Rest ihres Feuers haben sich die Aktivisten offenbar für den großen Tag aufgehoben. Ruhig und geordnet kommen die gut 900 Aktivisten am Frankfurter Südbahnhof in der Nacht zu Mittwoch um kurz nach eins an, müde stapfen Sie die Treppen zur S-Bahn hinauf, die sie zum Schlafquartier, dem Studizentrum in Bockenheim bringt.

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Einige schmieren sich noch schnell ein Brot am Buffet, das die Frankfurter Blockupy-Aktivisten für die Spätankommer vor dem Bahnhof vorbereitet haben. Ein paar alkoholschwangere Nachtschwärmer halten sich an ihren Bieren fest und weisen den ortsunkundigen Aktivisten den Weg. Die Polizei hat vier Einsatzwagen in einer Seitenstraße geparkt, ohne Licht, fast unsichtbar. Wenn am Mittwoch der große Ausnahmezustand Frankfurt erfassen soll, ist dies die Ruhe vor dem EZB-Sturm. 

          Den Demonstranten steht eine kurze Nacht bevor. Ab sechs Uhr in der Früh wollen sie sich an fünf verschiedenen Punkten in der Stadt treffen um die EZB-Eröffnungsfeier zu blockieren und zu verhindern, dass die noch wenigen übrig gebliebenen Gäste den Glasneubau im Frankfurter Ostend erreichen. 

          In der ersten Reihe stehen die Erfahrenen

          Fünf Finger wollen Richtung EZB strömen, Polizeiketten „durchfließen“. Der Berliner Finger ist der blaue, nach dem Stopp in Göttingen laufen auch einige der orangenen Gruppe durch den Zug, stets auf der Suche nach ihren Bezugsgruppen. Die „Bezugsgruppe“ ist wohl das wichtigste Stichwort in den immer wieder aufflammenden Diskussionen in den Abteilen.

          Der blaue Finger aus Berlin trifft sich am Morgen im Frankfurter Ostend, so nah an der EZB wie es eben geht. Die Italiener, die mit Bussen aus dem Süden angereist sind, schließen sich ihnen an. In der ersten Reihe wird die Interventionistische Linke stehen, das ist eine Gruppe, die aus früheren Autonomen besteht. Demonstrationserfahrene, die mit Knüppeln und Pfefferspray umgehen können. Dass sie es wie im November schaffen könnten, wieder bis auf Farbbeutelwurfnähe an das Gebäude heranzukommen glaubt angesichts der Polizeipräsenz und der Abriegelung niemand. Hier, im Wagen 9, der komplett belegt ist von der SDS, der Studentenorganisation der Linken, planen sie trotzdem, ein paar Absperrungen zu überklettern. Und sie wollen schieben, von hinten gegen die Polizeiketten, dafür sorgen, dass die Straße blockiert ist und wenn es sein muss: mitrennen, die Polizeiblockaden „umfließen“ oder gleich durchbrechen.

          Im Sonderzug zu Blockupy : Schlacht planen und Bier trinken

          Fünf junge Männer sitzen in einem Sechserabteil, im Schiebefenster hat einer seine Socke eingeklemmt, weil die nass geworden ist, das blöde Bier, schon klar. Sie planen ihre Bezugsgruppe, also die Gruppe von 4-6 Leuten, in der jeder auf den anderen achtet. Die fünf jungen Männer kennen sich von der SDS, sie sind zwischen 22 und 26 Jahren alt. „Wer will ins Tandem, wer ins Tridem“, fragt einer. Wichtig in jeder Bezugsgruppe, oder BG: Es gibt immer Zweier-, höchstens Dreiergruppen innerhalb der BG, auf die man gesondert aufpasst und mit der man alles möglichst gleichzeitig macht. „Was ist so dein Actionlevel“, fragt einer mit Lockenkopf. „Oberes Mittelfeld“, antwortet Jakob, kurze Haare, Trainingshose von ZSKA Moskau. Da haben sich zwei gefunden.

          Keine Klarnamen

          Am Mittwoch werden sie versuchen, als eine Einheit zu demonstrieren.
          „Oberes Mittelfeld“ bedeutet: Einhaken zum Blockieren, rennen zum Verwirren, sich wehren. Aber nicht vermummen, keine Farbbeutel und schon gar keine Aktionen mit Gittern. Weil Jakob kürzlich in der russischen Hauptstadt war, um Genossen kennenzulernen und zu demonstrieren, schlägt er vor, die Bezugsgruppe „Moskau“ zu nennen. Der Kosename ist wichtig auf der Straße, mit Klarnamen redet sich niemand an. Deshalb ist Jakob auch nicht sein richtiger Name.

          Moskau ist „mittel aktiv“. Ein Abteil weiter Richtung Zugspitze planen diejenigen, die es etwas ruhiger angehen lassen wollen. In entgegengesetzter Richtung sitzen die, die in der ersten Reihe „action“ machen wollen über einen Stadtplan von Frankfurt gebeugt. Die Moskau-Gruppe tauscht Namen und Nummern aus. Falls einer verletzt oder verhaftet wird, müssen alle Geburtsdatum, Adresse, Namen und Telefonnummer kennen, um direkt die hauseigenen Blockupy-Anwälte anrufen zu können. „In Bonn haben wir es mit der Vorbereitung so übertrieben, da konnten wir alles auswendig“, sagt Jakob.

          Mit den Leitfäden ist das so eine Sache

          Sie zücken ihre Smartphones. Neue, bislang ungenutzte Handys, wie von den Organisatoren empfohlen, hat kaum einer dabei. Ihre Telefone seien aber auch noch nie durchsucht worden, sagen sie. Und das mit den Leitfäden sei ohnehin so eine Sache, sagt Jakob. Einerseits stimme das mit dem Risiko der Durchsuchung, andererseits sei es auch gut, wenn man in den Sozialen Medien livetickern und ordentliche Videos von der Polizei drehen könne. „Ein Smartphone ist schon geil, um Bullenaction aufzunehmen“, sagt eine junge Frau, die ihren Kopf zur Abteiltür reinsteckt und dann – na klar – nach der Bezugsgruppe fragt.

          Die BG von Jonas wartet in Frankfurt. Der junge Mann mit Vollbart und schwarzer Brille sitzt in Wagen drei, er ist alleine gekommen, trifft sich in Frankfurt mit Freunden und will mehr nicht verraten über seine Pläne für den Mittwoch. Stattdessen tunkt er sein Vollkornbrot in eine Sauce und lächelt triumphierend. Im Gesellschaftswagen ein paar Waggons weiter werden gleichzeitig Schirme mit politischen Parolen bemalt. „Varoufuck the ECB“ steht auf einem drauf, eine Wortneuschöpfung mit dem Namen des griechischen Finanzministers und ein Stinkefinger in Richtung Zentralbank.

          Deren Abriegelung mit 100 Kilometern Nato-Draht ist für Jonas bereits der erste Erfolg. „Das zeigt doch nur die Bürokratie und welche Angst sie haben.“ Im besten Fall könnte man mit der Blockade Solidarität ausdrücken, zeigen, dass viele Menschen nicht der Meinung seien, dass die Griechen alle faul und böse seien. „Jedem, der die Nachrichtenlage verfolgt, müsste klar sein, auf welcher Seite man dann steht. Und das ist nicht die der Politik und Polizei“, sagt er.

          Bier und Käsestullen

          Mit einer Stunde Verspätung ist der Sonderzug in Richtung Frankfurt gerollt, auf der Fahrt über Hannover und Göttingen ist die Verspätung auf anderthalb Stunden gewachsen. Doch das lag nicht an Polizeikontrollen, die war an jedem der Bahnhöfe nahezu abwesend. Als die Aktivisten vor zwei Jahren mit Bussen für Blockupy nach Frankfurt gefahren sind, war das noch anders. Sechs Stunden seien sie damals aufgehalten worden, berichten Jakob vom SDS. Was aber auch damit zu tun gehabt haben könnte, dass damals ein Bus mit Flüchtlingen dabei war. Die dürfen ihr Bundesland in der Regel nicht verlassen, weshalb - nach längerer Verhandlung – der Bus mit den Flüchtlingen den Rückweg Richtung Berlin antreten musste, bevor die Personalien der anderen Aktivisten kontrolliert und die Fahrt fortgesetzt werden konnte.

          Dieses Mal ist alles anders. Mitunter könnte man fast das Gefühl bekommen, in einem Partyzug gelandet zu sein. Im Gemeinschaftswaggon 8 wird Bier ausgeschenkt, es gibt „Käsestullen zum selba schmier’n“, Musik und Vorträge. Und überall wird geraucht. Als der Zug in Hannover einfährt, stecken 600 junge Menschen ihre Köpfe aus den Fenstern und brüllen den verdutzten Pendlern und Cebit-Besuchern ihr „A, Anti, Anticapitalista“ entgegen. Wie auf Klassenfahrt, eben, nur mit politischer Agenda. Als der Zug Hannover passiert hat, laufen zwei Jungs durch den Zug und verteilen blaue T-Shirts. Für fünf Euro das Stück, ein blaues Halstuch und einen blauen Regenschirm gibt es dazu. Damit die Aktivisten vom blauen Finger auch farblich eine Einheit sind am Mittwoch. Einer fragt, wo das produziert wurde, wenn man drei Sachen zu dem Preis verkaufen könne. China steht auf der Plastikverpackung des Halstuchs. Ganz ohne Kapitalismus kommt auch der Blockupy-Sonderzug nicht aus.

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