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Ausweiskontrollen nahe EZB : „Ein Viertel wird regelrecht in Geiselhaft genommen“

  • -Aktualisiert am

Sperrstunde: Mit Einbruch der Dunkelheit will die Polizei den Einlass in das Gebiet rund um die EZB kontrollieren. Bild: dpa

Einlasskontrolle für ein ganzes Viertel: Die Polizei riegelt am Abend das Gebiet rund um die EZB im Ostend ab. Die Sicherheitskontrollen sind streng. Das Blockupy-Bündnis hält das alles für unverhältnismäßig.

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          „Den Personalausweis, bitte!“ – was sonst am Flughafen oder vor Diskotheken üblich ist, erleben Nachbarn der Europäischen Zentralbank im Ostend von heute Abend an auf dem Heimweg. Wegen der anstehenden Blockupy-Proteste riegelt die Polizei mit Einbruch der Dunkelheit das Viertel um die EZB ab: Der Einlass wird kontrolliert, Autos sind nicht mehr zugelassen, Busse und Bahnen fallen aus.

          Mehrere hundert Anlieger sind von der Sperrung betroffen, schätzt die Polizei. Wann die Kontrollen am Donnerstag wieder aufgelöst werden, sei noch unklar. Wer keinen Nachweis dabei hat, müsse glaubhaft machen, dass er wirklich in dem Gebiet arbeite oder wohne. Notfalls werde der Chef angerufen oder das Einwohnermelderegister zu Rate gezogen.

          Kontrolle nicht wasserdicht

          Wer seinen Personalausweis verloren habe, solle den Reisepass oder eine Bestätigung vom Vermieter mitbringen. Gäste sollten die Telefonnummer einer Person parat haben, die den Besuch bestätigen könne. „Wenn wir Zweifel haben, prüfen wir nach“, sagt ein Polizeisprecher. Und: „Niemand wird auf der Straße übernachten müssen.“

          Gänzlich wasserdicht ist die Kontrolle nicht. Blockupy-Anhänger könnten sich als Besucher ausgeben oder kurzfristig ihren Wohnsitz verlegt haben. Die Polizei gibt sich aber gelassen. „Wir sehen, ob jemand in Demonstrationsklamotten kommt“, heißt es. Per Flugblatt, das an alle Haushalte des Viertels verteilt wurde, rät die Polizei zu Besonnenheit und Geduld. Es ist mit unangemeldeten Sitzblockaden oder Aktionen zivilen Ungehorsams zu rechnen. Auch könnte es bei der Paketzustellung und Müllabfuhr zu Verzögerungen kommen.

          Geänderte Routen von Straßenbahnen

          Ein normaler Alltag dürfte für die Nachbarn der EZB schwierig sein. Schon seit dem Wochenende gelten ein striktes Halte- und Parkverbot in allen angrenzenden Straßen, weil Hunderte Einsatzwagen vor Ort sind. Ein Hubschrauber wird über der EZB kreisen. Das Blockupy-Bündnis hält den Einsatz für unverhältnismäßig. „Ein Stadtviertel wird regelrecht in Geiselhaft genommen“, meint Sprecher Thomas Occupy. Wegen der Parkverbote sollten Bewohner des Ostends ihr Auto in einer anderen Gegend abstellen und mit den S- und U-Bahnen fahren.

          Bei Bussen und Straßenbahnen kommt es am Mittwoch von 12 Uhr an in der gesamten Stadt zu massiven Planänderungen. Für das Ostend gelten die Einschränkungen schon heute. So fährt die Straßenbahnlinie 11 von 17 Uhr an nicht mehr zwischen Ostendstraße und Ratswegkreisel. Stattdessen verläuft die Route über den Zoo zur Daimler Straße. Das Gleiche gilt für die Nachtlinien N62 und N63. Der Bus 31 entfällt bis Mittwoch, die Linie 32 fährt den Ostbahnhof nicht an und nimmt eine Umleitung über die Habsburgerallee zum Zoo.

          Viele Läden schließen

          Aktuelle Informationen gibt es beim RMV-Servicetelefon unter der Rufnummer 24248024 und im Internet unter www.traffiq.de. Für Fragen rund um die Blockupy-Proteste hat die Polizei ein Bürgertelefon eingerichtet. Es ist bis 22.März unter 0800-1103333 erreichbar; bis Mittwoch zwischen 7 und 23 Uhr, danach von 8 bis20 Uhr.

          Viele Geschäfte um die Sicherheitszone schließen am Mittwoch. Aus Furcht vor Farbbeuteln und Steinen will der Besitzer der an der Hanauer Landstraße gelegenen Bar „Jesse James“ die Glasfront mit Brettern schützen. Das benachbarte Matratzengeschäft und die Gaststätte „Hesse Wirtschaft“ an der Rückertstraße öffnen ebenso nicht.

          Der Inhaber der „Frankfurter Küche“ sagt, er habe Angst vor dem, was am Mittwoch passieren könnte. Sein Restaurant liegt direkt hinter der Absperrlinie. Bei den Protesten vor zwei Jahren hätten sich seine Mitarbeiter kaum in den Gastraum getraut – damals hatte er noch ein Lokal in der Innenstadt. Er sei daher froh über den Polizeischutz, auch wenn der einen Umsatzverlust bedeute. Vor Wochen schon habe er Reservierungen für Mittwoch entgegengenommen, die will er nun absagen.

          Der Outdoor-Händler „Globetrotter“ lässt sich nicht abschrecken und öffnet. Ebenso wie das asiatische Restaurant „Bangkok Orchids“ direkt gegenüber der EZB. Dessen Besitzerin sieht es pragmatisch: „Die Polizisten müssen auch was essen.“

          Ein Quadratkilometer pro Sicherheit

          Der Sicherheitsbereich ist rund einen Quadratkilometer groß und umfasst die Fläche zwischen Horst-Schulmann-und Honsellstraße sowie Sonnemannstraße, dem westlichen Ende der Hanauer Landstraße und Main. Der Zugang ist nur an zwei Stellen möglich. Diese befinden sich an den Kreuzungen Hanauer Landstraße/Honsellstraße und Rückert-/Sonnemannstraße.

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