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Polizisten bei Blockupy : „Wir hatten einfach nur Angst“

  • Aktualisiert am

Am Morgen des 18. März: brennendes Polizeiauto an der Hanauer Landstraße. Bild: Daniel Pilar

Mehr als hundert Polizisten sind bei den Blockupy-Krawallen zum Teil schwer verletzt worden. Zwei von ihnen erinnern sich an die Eskalation der Gewalt, Pflastersteine und wie ihr Streifenwagen angezündet wurde.

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          Sie waren am Morgen des 18. März als Verkehrspolizisten im Einsatz, als Sie plötzlich angegriffen wurden. Beinahe wären Sie ums Leben gekommen. Wie geht man damit um?

          Stephan Ludwig: Ich habe in den Tagen nach dem Einsatz eine psychologische Betreuung der Polizei in Anspruch genommen. Natürlich muss man das nicht tun, aber ich wollte nicht in die Situation kommen, mich noch Wochen oder sogar Monate danach mit dem Geschehenen zu beschäftigen und dann zu merken, dass ich es nicht alleine aufarbeiten kann. Ich habe ja auch eine Familie, an die ich denken muss.

          Olcay Sirin: Bei mir ist das ähnlich. Ich habe auch zugesehen, alles so schnell wie möglich zu verarbeiten, damit auch der Dienst normal weitergehen kann. Ich denke, jetzt bin ich über das, was passiert ist, hinweg und sehe nach vorn.

          Wie gegenwärtig ist die Situation noch? Erinnert man sich an jedes Detail, oder verdrängt man einiges?

          Ludwig: Bei mir ist alles noch sehr präsent. Ich weiß noch, dass wir einen Funkspruch bekamen, dass 40 bis 50 Vermummte auf dem Weg zu unserem Standort waren. Und dann sahen wir sie auch schon. Sie haben auf dem Weg zu uns Gegenstände in Brand gesetzt, dann flogen auch schon Steine. Plötzlich stand ein Demonstrant neben dem Auto an der Fahrertür. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er seinen Arm hebt und mit seinem Pflasterstein direkt auf die Scheibe zielt. Ich erinnere mich an den Knall, den es gegeben hat, und an die Angst um meine Kollegin. Der Stein hatte sie am Kopf getroffen. Ich dachte, das kann nicht gut ausgegangen sein. Als sie sich dann zu mir drehte und ich sah, dass sie eine Platzwunde hatte, aber ansonsten bei Bewusstsein ist, war ich einfach nur erleichtert.

          Wie war das bei Ihnen, Herr Sirin? Sie saßen in dem Fahrzeug, das in Brand gesetzt wurde.

          Sirin: Genau. Auch wir wurden zuerst mit Steinwürfen angegriffen, standen regelrecht in einem Hagel aus Pflastersteinen. Drei davon trafen mich am Kopf. Wir flüchteten uns dann ins Auto und dachten, jetzt hätten wir Schutz. Da ging es dann aber erst richtig los. Die Angreifer kamen etwa einen Meter an das Auto heran und zertrümmerten die Scheiben. Dann zündeten sie einen Brandsatz. Wir dachten noch: Hoffentlich trifft er uns nicht, hoffentlich wirft er das jetzt nicht ins Auto hinein. Der Demonstrant hat uns aber einfach nur angesehen, und dann hat er das Ding auf uns geworfen. Wir haben mit unseren Händen und Füßen versucht, die kaputten Scheiben zuzuhalten, so dass nichts ins Auto gelangen konnte. Dann fing das Fahrzeug aber am Hinterrad Feuer. Wir sind sofort aus dem Auto raus. Wir hatten einfach nur Angst.

          Wenn man nach so einem Tag nach Hause kommt, was geht in einem vor?

          Sirin: Ich habe erst einmal meiner Frau alles erzählt. Dann habe ich mir die ersten Berichte dazu im Fernsehen angesehen. An Schlaf war nicht zu denken.

          Ludwig: Genauso ging es mir auch. Abschalten fällt da schwer.

          Werden Sie jetzt erst einmal auf Einsätze bei Demonstrationen verzichten?

          Ludwig: Nein, und das will ich auch nicht. Ich habe meinem Vorgesetzten von Anfang an gesagt, ich will gleich wieder weitermachen. Aber ich habe jetzt eine gesunde Vorsicht.

          Sie und zahlreiche andere Polizisten wurden von der Stadt geehrt. Wie viel bedeutet Ihnen das nach diesen Erlebnissen?

          Sirin: Sehr viel. Es ist eine schöne Wertschätzung.

          Ludwig: Ja, und eine Bestätigung der Arbeit, die man ja gerne macht. Natürlich kommt dann noch einmal vieles hoch, aber, wie gesagt, ich habe es verarbeitet.

          Die Fragen stellte Katharina Iskandar.

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