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Blockupy-Mahnwachen : Ihr Selbstbild bekommt keine Risse

Gute Stimmung auf dem Römerberg am Nachmittag Bild: Norbert Müller

Als Meer aus Liebe, Musik und bunten Plakaten erscheint der Blockupy-Protest auf den Mahnwachen in Frankfurt. Dass die Gewalt von den Aktivisten der Bewegung ausging, lässt sich da leicht verdrängen.

          Nachdem die Demonstranten in der Morgendämmerung ihre Steine geworfen haben, nachdem Polizeiautos in Flammen aufgegangen sind, und Rauchschwaden sich über der Stadt ausgebreitet haben, singt Ernesto Schwarz ein Lied. Der 66 Jahre alte Liedermacher steht auf der Mahnwache im Frankfurter Ostend, mit Gitarre und rotem Hut; seine Zeilen sind an die Polizei gerichtet: „Ihr hört auf Kanonen. Eine andere Sprache könnt ihr nicht verstehen. Müssen wir eben – ja, das wird sich lohnen – die Kanonen auf Euch drehen.“

          Blockupy-Demonstranten in Frankfurt haben sich hinter Schaumstoff und Regenschirmen verschanzt.
          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Die Gewalt ging zwar von den Blockupy-Aktivisten aus. Ihr Selbstbild aber bekommt keine Risse. Wer sich an den Mahnwachen in Frankfurt aufhält, jenen Rückzugsorten, an denen auch Radikale nach den Straßenschlachten auftanken, dem erscheint Blockupy als Meer aus Liebe, Musik und knallbunten Plakaten. Nichts deutet darauf hin, dass an anderen Orten randaliert wurde. Nur eine Reihe Polizisten, die jeden genau mustern, der zur Mahnwache am Paul-Arnsberg-Platz möchte. Denn von dort aus sind es nur ein paar Meter bis zum EZB-Turm. Er ist von Stacheldraht umsäumt, Polizisten stehen Spalier, an jeder Ecke ist die Anspannung spürbar.

          „Die Polizisten meinen, sie müssten Leute aufhalten, die gewaltbereit aussehen. Was immer das heißt“, beschwert sich ein Mann mit IG-Metall Weste. Dabei seien die Mahnwachen von der Stadt Frankfurt zugelassen worden, mithin hätten die Demonstranten das Recht, sie aufzusuchen. Er sieht aus wie der Zauberer Gandalf - Rauschebart, verklärter Blick - und benimmt sich auch so: Mit warmer Stimme rät er Demonstranten von jeder weiteren Eskalation ab. Seinen Namen möchte er trotzdem nicht in der Zeitung lesen.

          Wenn er mit den Demonstranten spricht, dann meistens auf Englisch. Aber auch französische Sprachfetzen sind zu hören. Wie die Geldpolitik der EZB, ist auch der Protest mittlerweile international. Am deutlichsten wird das auf der Mahnwache an der Naxos-Halle. Dort herrscht Entspannung und Anspannung gleichermaßen. Während einige auf Schotterwegen schlafen, organisieren andere ihren Aufbruch zur zentralen Kundgebung um 14 Uhr. Ein Italiener brüllt ins Megafon: „Cinque minuti!“, fünf Minuten.

          „Sowas brauchen wir net“

          Mit der Presse will fast niemand sprechen. Wer es doch tut, kritisiert den Ablauf der Demo am Morgen zum Teil scharf. Daniel Schmitt, 35 Jahre alt, sagt: „Mir ist es viel zu viel Gewalt gewesen. Sowas brauchen wir net“. Er ist aus Bayern angereist. „Da, wo es den Leuten noch gut geht“, wirft jemand ein. Seine Mitstreiter sitzen im Halbkreis in der Sonne und lachen. Aber es wirkt wie kontrolliertes Gelächter, eines, dass sich des Ernstes der Lage bewusst ist.

          Maren Strassner, 22 Jahre alt, ergänzt: „Es ist schon ein Widerspruch, wenn man für Frieden und Gerechtigkeit eintritt, und auch Polizeigewalt anprangert, dann aber auch zu solchen Methoden greift“. Es sei außerdem schade, dass sich die Wut, die ihre Berechtigung habe, gegen die falschen richte. „Der Polizist ist ja auch nur ein Bürger in Uniform.“

          Viel lieber aber spricht die Gruppe über ihr eigentliches Anliegen: davon, wie ungerecht der Bankensektor sei, wie wenig Geld von der EZB auch wirklich bei der griechischen Bevölkerung ankomme und davon, dass die EZB ein Symbol für die Geldpolitik Gesamteuropas sei, weshalb sich der Protest auch hier kristallisiere. Es gibt sie also, die politischen Anliegen. Das hätte man nach diesem denkwürdigen Tag fast vergessen.

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