https://www.faz.net/-gzg-81aw4

Polizist über Blockupy-Einsatz : Man hält seinen Kopf für diesen Staat und seine Bürger hin

  • Aktualisiert am

Blockupy-Proteste : Angriff auf das Erste Polizeirevier Frankfurt

Es brannte also. Die Kollegen kamen nicht raus. Wir waren halbiert. Und das um kurz nach sieben Uhr in der Früh. Da wusste man schon: Das wird noch ein knackiger Tag.

Wir standen etwa hundert Meter Luftlinie vom Revier entfernt an der Konstablerwache bei den U-Bahn-Abgängen. Als ich mich umdrehte, sah ich Rauchschwaden. Eigentlich verbindet man die Innenstadt ja mit schönen Dingen – Einkaufen, Kaffeetrinken. Jetzt war der Himmel über dem Revier tiefschwarz. Man kann dieses Gefühl kaum beschreiben.

Wieso zündet jemand Autos mit Insassen an?

Wir sind ja alle Menschen. Der ein oder andere Demonstrant scheint das vergessen zu haben, aber auch bei der Polizei gibt es Leute, die einen Hund haben, mit dem sie ganz normal Gassi gehen, die eine Frau haben, Kinder. Meine Frau ist schwanger. Natürlich ist man in so einer Situation emotional. Ich versuche immer, das abzuschotten. Aber man spürt schon so eine Mischung aus Wut, Angst, Entsetzen und Fassungslosigkeit. Weil man sieht, wie brachial gegen Menschen vorgegangen wird.

Wie kann ein Mensch dazu fähig sein, Brennsätze auf ein Fahrzeug zu schmeißen, in dem mindestens zwei Kollegen sitzen? Das Fahrzeug brennt, die Kollegen befinden sich noch im Fahrzeug. Und es gibt trotzdem Leute, die brennendes Material auf das Fahrzeug schmeißen? Man ist ja austauschbar. Was, wenn ich in einer anderen Einheit gewesen wäre, wenn ich den Befehl bekommen hätte, die Straße abzusperren? Was, wenn ich in dem Auto gesessen hätte? Ich habe mir den ganzen Tag über nichts anderes gewünscht, als meine Frau und mein Baby noch mal zu sehen. Was habe ich diesen Leuten getan? Man kann unzufrieden sein mit dem System, man kann auch über die EZB denken, was man will. Aber dafür gibt es keine Rechtfertigung.

Am meisten entsetzt mich, dass wir zu Objekten degradiert werden. Wir sind in diesen Momenten nicht mehr wert als das Fahrzeug, das in Brand gesetzt wird. Das geht mir nicht in den Kopf. Ich bin schon in anderen Einsätzen mit Flaschen beschmissen worden, man stellt sich auf solche Situationen ein. Ich nehme das nicht persönlich. Aber dass man wirklich zu Sachobjekten degradiert wird... Ältere Kollegen, die die Startbahn-Demos noch miterlebt haben, sagen, das gab es immer mal wieder in Frankfurt. Ich bin seit sieben Jahren bei der Polizei, und ich kann nur sagen: So etwas habe ich noch nicht erlebt.

Ich muss Befehle entgegennehmen

Trotzdem muss man funktionieren. Die Pumpe geht, man ist wütend, schockiert, um die Kollegen besorgt. Aber man muss einsatzfähig bleiben. Ich muss psychisch und physisch in der Lage sein, den nächsten Befehl entgegenzunehmen. Wie ein Roboter. Wenn mein Zugführer sagt, wir verlegen in die B-Ebene, weil Demonstranten versuchen, Bürger daran zu hindern, dass sie zur Arbeit kommen, heißt es: Szenenwechsel, ab in die U-Bahn, souverän und professionell seine Arbeit tun. Wir hatten permanent diesen Knopf im Ohr, und es passierte so viel gleichzeitig, militante Gruppen in Richtung X, entglaste Gebäude hier, angegriffene Kollegen dort. Ständige Obachtstellung. Wenn man dann merkt, da ist eine Wand der Gewalt, gegen die kommen wir kaum an – das ist schon surreal.

Natürlich gibt es auch normale Leute, die im Blockupy-Bündnis demonstrieren, das sollen sie auch tun, dafür haben wir das Versammlungsgesetz und die Meinungsfreiheit. Was ich nicht verstehe, ist, dass man sich nicht distanziert. Ich habe vermisst, dass der Otto-Normal-Demonstrant sagt: Nein, das ist nicht Blockupy. Das sind nicht wir. Und damit wollen wir nichts zu tun haben. Wenn hinterher dann noch Politiker sagen, die Polizei habe provoziert, fühlt man sich verheizt. Der Kollege, der im Streifenwagen saß und Todesangst gehabt haben muss, hat niemanden provoziert. Man hält seinen Kopf für dieses System, diesen Staat, für die anderen Bürger hin. Aber die Wertschätzung fehlt.

Weitere Themen

Wie man eine Bierflasche auftreten kann Video-Seite öffnen

Geht doch : Wie man eine Bierflasche auftreten kann

Es gibt viele Möglichkeiten, Bierflaschen aufzumachen. Mit dem Feuerzeug, am Bierkasten oder auch mit dem zwölfer Schraubschlüssel aus der Werkzeugkiste. Es geht aber auch spektakulärer, wie F.A.Z.-Redakteurin Marie Lisa Kehler zeigt.

Topmeldungen

Geplagt vom Chipmangel: Der Standort von MAN in München

Mangel an Halbleitern : Harter Kampf um die Mikrochips

Von Traton bis VW: Den Chipmangel bekommen immer mehr Unternehmen mit voller Wucht zu spüren, die sonst viel mehr verkaufen könnten. Es gibt wenig Aussicht auf Besserung.
Einsatz mit Wasserwerfer: Hat die Polizei in Leipzig verhältnismäßig reagiert?

Ausschreitungen in Leipzig : Sachsen arbeitet linken Krawall auf

Nach linksextremen Ausschreitungen in Leipzig macht die Opposition der Landesregierung Vorwürfe. Die wiederum schiebt die Schuld auf die Organisatoren und nimmt die Polizei in Schutz.
Die Gleichstellungsbeauftragten der nordrhein-westfälischen Hochschulen weisen darauf hin, „dass jeder Lehrende in seiner Karriere mit Studentinnen und Studenten interagieren wird, die persönliche Erfahrung mit sexualisierter Diskriminierung und/oder Gewalt gemacht haben“. Daher raten sie, bei der Behandlung von Stoffen wie der Geschichte von Tarquinius und Lucretia vorab einen Hinweis zu geben. Das Gemälde von Rubens hängt in der Eremitage.

Pro Trigger-Warnungen : Traumata sind real

Die Universität Bonn weist ihr Lehrkräfte darauf hin, wie sie ihre Studenten mit potentiell traumatisierendem Lehrstoff konfrontieren soll. Das ist sinnvoll und schützt Studenten mit seelischen Leidensgeschichten.
Seite an Seite: Recep Tayyp Erdogan und Ali Erbas bei der Eröffnung einer Moschee in Istanbul im Mai 2019.

Brief aus Istanbul : Vor Satan geschützte Zonen

Erdoğan spielt sich als großer Herrscher auf, doch seine Machtbasis erodiert. Er versucht, islamistischen Wählern mit mehr Religion zu kommen. Wenn ihr Kühlschrank leer ist, bringt das nicht viel.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.