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Polizist über Blockupy-Einsatz : Man hält seinen Kopf für diesen Staat und seine Bürger hin

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Es brannte also. Die Kollegen kamen nicht raus. Wir waren halbiert. Und das um kurz nach sieben Uhr in der Früh. Da wusste man schon: Das wird noch ein knackiger Tag.

Wir standen etwa hundert Meter Luftlinie vom Revier entfernt an der Konstablerwache bei den U-Bahn-Abgängen. Als ich mich umdrehte, sah ich Rauchschwaden. Eigentlich verbindet man die Innenstadt ja mit schönen Dingen – Einkaufen, Kaffeetrinken. Jetzt war der Himmel über dem Revier tiefschwarz. Man kann dieses Gefühl kaum beschreiben.

Wieso zündet jemand Autos mit Insassen an?

Wir sind ja alle Menschen. Der ein oder andere Demonstrant scheint das vergessen zu haben, aber auch bei der Polizei gibt es Leute, die einen Hund haben, mit dem sie ganz normal Gassi gehen, die eine Frau haben, Kinder. Meine Frau ist schwanger. Natürlich ist man in so einer Situation emotional. Ich versuche immer, das abzuschotten. Aber man spürt schon so eine Mischung aus Wut, Angst, Entsetzen und Fassungslosigkeit. Weil man sieht, wie brachial gegen Menschen vorgegangen wird.

Wie kann ein Mensch dazu fähig sein, Brennsätze auf ein Fahrzeug zu schmeißen, in dem mindestens zwei Kollegen sitzen? Das Fahrzeug brennt, die Kollegen befinden sich noch im Fahrzeug. Und es gibt trotzdem Leute, die brennendes Material auf das Fahrzeug schmeißen? Man ist ja austauschbar. Was, wenn ich in einer anderen Einheit gewesen wäre, wenn ich den Befehl bekommen hätte, die Straße abzusperren? Was, wenn ich in dem Auto gesessen hätte? Ich habe mir den ganzen Tag über nichts anderes gewünscht, als meine Frau und mein Baby noch mal zu sehen. Was habe ich diesen Leuten getan? Man kann unzufrieden sein mit dem System, man kann auch über die EZB denken, was man will. Aber dafür gibt es keine Rechtfertigung.

Am meisten entsetzt mich, dass wir zu Objekten degradiert werden. Wir sind in diesen Momenten nicht mehr wert als das Fahrzeug, das in Brand gesetzt wird. Das geht mir nicht in den Kopf. Ich bin schon in anderen Einsätzen mit Flaschen beschmissen worden, man stellt sich auf solche Situationen ein. Ich nehme das nicht persönlich. Aber dass man wirklich zu Sachobjekten degradiert wird... Ältere Kollegen, die die Startbahn-Demos noch miterlebt haben, sagen, das gab es immer mal wieder in Frankfurt. Ich bin seit sieben Jahren bei der Polizei, und ich kann nur sagen: So etwas habe ich noch nicht erlebt.

Ich muss Befehle entgegennehmen

Trotzdem muss man funktionieren. Die Pumpe geht, man ist wütend, schockiert, um die Kollegen besorgt. Aber man muss einsatzfähig bleiben. Ich muss psychisch und physisch in der Lage sein, den nächsten Befehl entgegenzunehmen. Wie ein Roboter. Wenn mein Zugführer sagt, wir verlegen in die B-Ebene, weil Demonstranten versuchen, Bürger daran zu hindern, dass sie zur Arbeit kommen, heißt es: Szenenwechsel, ab in die U-Bahn, souverän und professionell seine Arbeit tun. Wir hatten permanent diesen Knopf im Ohr, und es passierte so viel gleichzeitig, militante Gruppen in Richtung X, entglaste Gebäude hier, angegriffene Kollegen dort. Ständige Obachtstellung. Wenn man dann merkt, da ist eine Wand der Gewalt, gegen die kommen wir kaum an – das ist schon surreal.

Natürlich gibt es auch normale Leute, die im Blockupy-Bündnis demonstrieren, das sollen sie auch tun, dafür haben wir das Versammlungsgesetz und die Meinungsfreiheit. Was ich nicht verstehe, ist, dass man sich nicht distanziert. Ich habe vermisst, dass der Otto-Normal-Demonstrant sagt: Nein, das ist nicht Blockupy. Das sind nicht wir. Und damit wollen wir nichts zu tun haben. Wenn hinterher dann noch Politiker sagen, die Polizei habe provoziert, fühlt man sich verheizt. Der Kollege, der im Streifenwagen saß und Todesangst gehabt haben muss, hat niemanden provoziert. Man hält seinen Kopf für dieses System, diesen Staat, für die anderen Bürger hin. Aber die Wertschätzung fehlt.

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