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Blockupy in Frankfurt : Mit dem Sonderzug zum Gegner

Im Demonstrationszug sollen sich die Aktivisten in sogenannten Bezugsgruppen organisieren. Kleine BGs, wie die Szene sie nennt, bestehen aus drei bis fünf, größere aus 10 bis 15 Personen. Ein Blockupy-Demonstrationszug von Tausenden Aktivisten gliedert sich demnach in Dutzende Untergruppen, die autonom agieren, eine ähnliche Struktur also wie die Einheiten des Erzfeindes, der Bereitschaftspolizei. Jede Bezugsgruppe verfügt über einen Anführer, der mit anderen Anführern von Bezugsgruppen Aktionen plant, etwa ob und wie eine Polizeikette durchbrochen werden soll. Ein Mitglied der Gruppe fungiert gemäß der Anleitung als Hilfssanitäter, hat Augenspülflaschen im Gepäck für die Behandlung nach Pfefferspray-Einsätzen, Verbandsmaterial und eine Isodecke. Ein anderes Mitglied ist der „Kommunikationsmensch“, er überwacht die Mitteilungen der Blockupy-Organisatoren über soziale Netzwerke wie Twitter. Das können Anweisungen sein, in welche Straßen sich ein Demonstrationszug verschiebt, oder Informationen, wo die Polizei vorrückt. Größere Bezugsgruppen verfügen über einen „Scout“, einen Späher, andere Bezeichnungen für Aktivisten sind „Gepäckträger“ für Essensvorräte und Ersatzkleidung, „Blockierer“, „Megaphonträger“ oder „Megaphonschützer“. Über das Rufen von Fantasienamen, etwa „Sterni“, finden sich die Mitglieder einer Bezugsgruppe auch im Gewühl einer Großdemonstration wieder. Der Hintergedanke lautet hier, keine Klarnamen auf einer Demonstration zu rufen, die Polizei ist schließlich mit Videokameras vor Ort.

Bemerkenswert sind die Anweisungen der Blockupy-Organisatoren auch, was die Konfrontation mit der Polizei anbelangt. Kommen die Anführer von Bezugsgruppen im Demonstrationszug zu einem Gipfeltreffen zusammen, heißt das Delegierten-Plenum, oder kurz „Deli“. Meist über eine Landkarte der Umgebung gebeugt treffen die Gruppenführer die großen Entscheidungen. Wird der Beschluss gefasst, eine Polizeikette zu durchbrechen, bietet die Aktivistenfibel von Blockupy mehrere Optionen. Zum Beispiel die Fünf-Finger-Taktik. Dafür sind laut Anleitung mindestens drei Bezugsgruppen notwendig. Zusammen bilden sie einen sogenannten Arm, der auf die Poliziekette losstürmt. Die erste und zweite Reihe der Demonstranten soll sich dabei auf die „oft auch schmerzhafte Konfrontation mit der Polizei“ vorbereiten, wie es in den Anweisungen heißt, die Augen vor Pfefferspray schützen und den Körper mit Zeitungspolstern vor Knüppelhieben.

Der Plan lautet: Während die Polizisten mit ihren Schlagstöcken die Zeitungspolster der ersten Reihen bearbeiten, entstehen Lücken an anderer Stelle der Polizeiformation. Blitzartig löst sich dann eine Gruppe von den übrigen Demonstranten und durchstößt die Polizeikette. Auf Demonstrationen sind die Anführer solcher Stoßtrupps oft an ihrer ausgestreckten Hand zu erkennen, sie zeigen damit etwa die Zahl 3, das heißt: Alle Mitglieder der Bezugsgruppe 3 lösen sich vom Hauptzug und durchstoßen die Polizeikette an anderer Stelle. Nachrückende Demonstranten füllen die erkämpfte Lücke, damit kein Kessel entsteht. Das ist gemeint, wenn das Blockupy-Bündnis für diesem Mittwoch auch das „Durchfließen von Polizeiketten“ in Aussicht stellt.

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