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Block 1 soll wieder ans Netz : Kehrtwende beim Kohlekraftwerk Staudinger

Rauchzeichen: Von den fünf Staudiger-Blöcken, in denen einst ein beachtlicher Teil des in Hessen benötigten Stroms erzeugt wurde, liegen inzwischen vier still Bild: dapd

Der gerade erst stillgelegte Block 1 des Kohlekraftwerks Staudinger nahe Hanau soll wieder ans Netz - doch das ist gar nicht so einfach.

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          Im Grunde kommen Umweltfreunde in Hessen aus dem Feiern gar nicht mehr heraus. Erst im Frühjahr 2011 die unverhoffte Abschaltung des Atomkraftwerks Biblis. Dann im vergangenen Jahr der stille Tod der meisten Anlagen des Eon-Kraftwerks in Großkrotzenburg. Denn auch wenn sich dort die beeindruckende Silhouette bisher nicht geändert hat - von den fünf Blöcken, in denen einst ein beachtlicher Teil des in Hessen benötigten Stroms erzeugt wurde, liegen inzwischen vier still. Von den Plänen, einen sechsten Block zu errichten, ist keine Rede mehr.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Als bisher letzter wurde Block 1 zum 30. April vom Netz genommen. Er ist, wie seine Bezeichnung schon vermuten lässt, der älteste Teil der weitläufigen Anlagen in Großkrotzenburg, die den Namen des früheren Energiemanagers Hans Staudinger tragen. Block 1 entstand schon 1965, und er war es, der durch den über Jahre geplanten, aber schließlich doch nicht verwirklichten Block 6 ersetzt werden sollte.

          Langes Hin und Her

          Die Aufgabe dieses über Jahre vorangetriebenen Vorhabens war es, die schließlich auch Block 1 zu Jahresbeginn den Garaus machte. Schon lange war klar, dass es für diesen in die Jahre gekommenen Kohleblock eine Betriebsgenehmigung lediglich bis Ende 2012 gab. Allein, weil sich die Planungen von Block 6 immer länger hinzogen, hatte das Regierungspräsidium zugestimmt, dass er bis 2016 weiterlaufen sollte. Als nun Eon im vergangenen Jahr nach langem Hin und Her die Aufgabe seiner Pläne für Block 6 bekanntmachte, dauerte es nur Wochen, bis das Regierungspräsidium seine Fristverlängerung widerrief. Bis zum 30. April wurde der Betrieb noch geduldet, danach war tatsächlich Schluss.

          Inzwischen hat Eon nach eigenen Angaben mit dem Abbau der Anlagen begonnen. Nun aber soll Block 1 wieder Strom erzeugen. Es war die Bundesnetzagentur, die vor wenigen Tagen in einem Bericht über die Stromversorgung Deutschlands im zurückliegenden Winter die Stilllegung der Anlagen in Großkrotzenburg als nicht vertretbar bezeichnete. Die Bonner Behörde kümmert sich gemeinsam mit den Betreibern der Hochspannungsnetze darum, wie sich die Stromversorgung sicherstellen lässt, seitdem die Branche einem grundlegenden Wandel ausgesetzt ist.

          Früher standen die großen Kraftwerke, also die Atommeiler und die mit Kohle betriebenen Anlagen, ziemlich genau dort, wo der Strom benötigt wird - in den Ballungsräumen oder nicht weit davon. 2011 aber wurden nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima mit einem Schlag sieben Atomkraftwerke aufgegeben. Zugleich kommt immer mehr Windenergie aus Norddeutschland. Damit hat sich das Verteilen des Stroms völlig gewandelt.

          Die Bundesnetzagentur schreibt in ihrem Bericht, die Aufgabe von Block 1 gefährde die Versorgungssicherheit in der Rhein-Main-Region und eigentlich sogar in ganz Deutschland. Nach dem Abschalten der ältesten Kernkraftwerke seien in diesem Raum alle verbliebenen konventionellen Anlagen dringend notwendig. „Dem Kraftwerk Staudinger I kommt eine besondere Bedeutung zu, da es an zentraler Stelle im Übertragungsnetz liegt. Eine endgültige Stilllegung des Kraftwerks könnte insbesondere zu einer Gefährdung der Spannungshaltung in der Rhein-Main-Region führen. Außerdem wird das Kraftwerk Staudinger zur Entlastung hoch belasteter Nord-Süd-Leitungen benötigt.“

          Denn, so ist zu ergänzen, das große Kraftwerk Staudinger ist schon lange nur mehr ein Schatten seiner selbst. Der Kohleblock 2 ist seit Jahren außer Betrieb, die Lebenszeit des ebenfalls mit Kohle befeuerten Blocks 3 endete 2012. Der einzige mit Erdgas betriebene Block, der die Nummer 4 trägt, ist zwar ebenfalls im vergangenen Jahr stillgelegt worden. Hier allerdings wurde sogleich eine Übereinkunft mit der Bundesnetzagentur geschlossen, dass er bis 2016 für Notfälle bereitgehalten wird. Allein der Kohleblock 5 erzeugt nach wie vor regelmäßig Strom und Fernwärme.

          Doch eine Wiederinbetriebnahme von Block 1 könnte kompliziert werden. Nach den Äußerungen der Bundesnetzagentur ließ das hessische Wirtschaftsministerium vor wenigen Tagen wissen, derzeit werde geprüft, wie der Kraftwerksblock in die Notfallreserve aufgenommen werden könne. Der Sprecher der Wiesbadener Behörde fügte hinzu, auch das Bundeswirtschaftsministerium sei mit diesem Wunsch an Minister Florian Rentsch (FDP) herangetreten. Doch das Regierungspräsidium Darmstadt lässt wissen, es bedürfe dafür einer völlig neuen Genehmigung nach dem Bundesimmissionschutzgesetz, ein Verfahren, wofür zuvor unter anderem eine Umweltverträglichkeitsprüfung notwendig sei. Außerdem müsste bei einem solchen Vorgehen die Öffentlichkeit beteiligt werden. Selbst wenn alle Unterlagen beisammen wären, betrage die Genehmigungsfrist noch sieben Monate, heißt es aus Darmstadt - zu spät für den nächsten Winter. Ein Sprecher des Regierungspräsidiums lässt aber keinen Zweifel: „Ohne Genehmigung kann das Kraftwerk nach den zwingenden Regelungen des Immissionsschutzrechts nicht mehr betrieben werden. Verstöße wären strafbar.“

          Eon gibt sich gelassen

          Und damit wirklich jeder versteht, was gemeint ist, fügt er hinzu, ein Verfahren zur Wiederinbetriebnahme von Block 1 würde mit dem Betreiber geführt, also Eon, und sei nicht etwa Gegenstand von „Verhandlungen“ mit der Bundesnetzagentur. „Das Regierungspräsidium ist nicht der richtige Ansprechpartner, wenn es um Fragen der Sicherheit oder Stabilität des Stromnetzes geht. Als Genehmigungsbehörde hat es lediglich - im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften - über die Genehmigung oder Stilllegung der Anlagen zu entscheiden.“

          Beim Düsseldorfer Energiekonzern Eon zeigt man sich gelassen. Tatsächlich wurde Block 1 von Januar bis April an 30 Tagen noch vorgehalten, um im Zweifelsfall Block 5 zu ersetzen, allerdings nicht zur Stromversorgung, sondern zur Bereitstellung von Fernwärme. „Wir sprechen mit den Beteiligten“, heißt es bei dem Versorger. Bevor Block 1 wieder ans Netz gehe, wolle man aber die Konditionen kennen. Immerhin, so wird aus dem Konzern bedeutet, hat man vorsichtshalber den vor kurzem begonnenen Rückbau gestoppt.

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