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Hersteller von Blitzer-Anlagen : Bilder für eine langsamere Welt

Gut sortiert: Montagehalle von Vitronic am Firmensitz in Wiesbaden. Bild: Michael Kretzer

Vitronic aus Wiesbaden hat das Mautsystem entwickelt und Sensoren für die Industrie. Bekannt ist das Unternehmen aber vor allem für seine Blitzer-Säulen.

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          Eine Doktorarbeit steht nicht unbedingt für den Beginn einer steilen Karriere in der Wirtschaft. Norbert Stein aber hat sie direkt in den Erfolg katapultiert. Der 63 Jahre alte Geschäftsführer von Vitronic, einem Unternehmen für Bildverarbeitungssysteme, studierte Regelungstechnik an der TU Darmstadt. Anfang der achtziger Jahre wollte er sich bei einem Flugzeugbauer bewerben. Dann bekam er das Angebot, über das Thema Bildverarbeitung zu promovieren. „Das hatte ich noch nie gehört“, sagt Stein. Er blieb an der Sache dran. Deswegen haben heute viele, die sich mit Bildverarbeitung beschäftigen, von ihm gehört.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurt Allgemeinen Sonntagszeitung

          Vitronic ist eines der führenden Unternehmen auf dem Gebiet, mit mehr als 700 Mitarbeitern und einem Umsatz von 120 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Es stellt Scanner her, die Logistikunternehmen wie UPS in ihren Lagern verwenden, aber auch Sensoren, die bei der Produktion von Autos eingesetzt werden. Bekannt ist Vitronic für sein Mautsystem und seine Geräte zur Verkehrsüberwachung. 2014 feierte das Unternehmen dreißigjähriges Bestehen.

          Mit Tüftlermentalität ins Blitzer-Geschäft

          Schon als Stein seine Doktorarbeit schrieb, gingen Aufträge bei ihm ein. Unmittelbar danach gründete er Vitronic. Stein - gemütlicher Haarschnitt, Streifenhemd - sitzt so bescheiden im Konferenzraum der Unternehmenszentrale in Wiesbaden, als wäre er dort selbst zu Gast. Wenn man ihn nach den Geschäften fragt, erzählt er von technischen Errungenschaften. Er ist Ingenieur geblieben, auch als Unternehmer.

          Das mag einer der Gründe sein, weshalb Vitronic nie in ernsthafte wirtschaftliche Turbulenzen geriet. Selbst die Finanzkrise im Jahr 2009 überstand das Unternehmen gut. Immer wieder hatte Stein Ideen, um neue Märkte zu erschließen; die Ergebnisse abgeschlossener Aufträge versuchte er für Neuentwicklungen zu nutzen. Ein Beispiel für diese Tüftlermentalität stellt der Einstieg in das Geschäft mit Blitzern dar: 2003 hatte Stein zunächst das Lastwagen-Mautsystem ausgeliefert. Es konnte Fahrzeuge schon von weitem mit einem aufgefächerten Laserstrahl registrieren. Das war zu diesem Zeitpunkt eine Innovation. In der Schweiz etwa benötigte man für die automatische Fahrzeugerfassung zwei Messeinheiten - also auch zwei Brücken, die im kurzen Abstand die Autobahn kreuzten. Durch Steins Lasererfassungsystem, genannt „Lidar“, sparten sich die Deutschen die Verschandelung ihrer Landschaften.

          Firma erhält Fallpauschale pro Raser

          Aber sie sparen nicht unbedingt Geld. Denn Stein nutzte Lidar anschließend, um Blitzer zu entwickeln, die im Vergleich zu älteren Anlagen deutlich mehr leisten. Seine Geräte, genannt „Poliscan“, können nicht nur die Geschwindigkeit mehrerer Autos nebeneinander messen, sondern auch in beide Fahrtrichtungen. Ihnen entgeht nichts. Eigentlich habe er gedacht, es sei verrückt, auch noch in diesen Markt einzusteigen, sagt Stein. „Der war ja gesättigt. Ich wusste: Das geht nur, wenn man wirklich ein neues, innovatives Produkt anbieten kann. Wir konnten das. Wir wussten auch, wo die Schwächen des bestehenden Systems lagen.“

          Natürlich will Stein seine Blitzer verkaufen; aber nicht um jeden Preis, wie es einige Betreiber tun. Sie bieten finanzschwachen Kommunen an, ihre Geräte für wenig Geld aufzustellen. Die Kommune spart so die hohen Anschaffungskosten, im Gegenzug erhält der Betreiber eine Fallpauschale für jeden geblitzten Autofahrer. Er geht also eine Wette ein: Der Betreiber rechnet damit, dass die Einnahmen über die Fallpauschale den Preis der Anlage abdecken, und er hofft, dass sie ihn übersteigen. Die Kommunen stellen überall dort Blitzer auf, wo sie sich ein gutes Geschäft erhoffen, zum Beispiel hinter Kurven oder Brückenpfeilern. Je knapper das Geld in der Gemeindekasse wird, desto wahrscheinlicher ist ein solches Verhalten. Die erzieherische und verkehrsberuhigende Wirkung, die von Blitzern ausgehen soll, fällt damit weg. Stein kritisiert dieses Geschäftsmodell. „Die Kommunen sollten darauf achten, dass das Geld nicht im Vordergrund steht.“ Erst kürzlich habe Vitronic selbst einen Betreiber gekauft, „um wieder etwas Kultur in das Betreibergeschäft in Deutschland zu bringen“.

          „Sind im Mittleren Osten der Platzhirsch.“

          Auch in andere Länder verkauft das Unternehmen Blitzer, insbesondere in den Mittleren Osten, aber auch nach Australien. Das Geschäft in Dubai, im Irak und in Saudi-Arabien verantwortet ein Mitarbeiter mit arabischstämmigen Wurzeln, der seit langem bei Vitronic arbeitet. Schon in der Entwicklungsphase habe man die Geräte in Abu Dhabi vorgestellt, sagt Stein. „Wir sind früh auf Interesse gestoßen. Inzwischen sind wir im Mittleren Osten der Platzhirsch.“ Stein wirkt nicht besonders erpicht darauf, den einen Grund für seinen Erfolg zu nennen. Großen Fragen weicht er lieber aus.

          Für ihn ergibt sich eines aus dem anderen, in präzisen, kleinteiligen Schritten. Dem kindlichen Interesse für Basteleien folgt ein ingenieurwissenschaftliches Studium. Dem Studium folgt eine Doktorarbeit. Der Doktorarbeit folgen Aufträge. Den Aufträgen folgen weitere Aufträge, den Entwicklungen neue Ideen. Erfolg ist eine logische Konsequenz. Einmal aber bricht Stein doch aus dieser Kausalitätskette aus. „Ich glaube, mein größter Erfolg ist, dass ich es über dreißig Jahre lang geschafft habe, das Unternehmen im Fluss zu halten“, sagt er. „Dass ich nie kurz vor dem Abgrund stand. Und auch, dass die Mitarbeiter immer Vertrauen in die Firma haben konnten. Davon sind ja auch viele Familien abhängig.“

          Auch seine eigene. Steins Tochter Jana arbeitet in der Geschäftsführung von Vitronic. Sie ist für das Produktmanagement zuständig. Also keine Ingenieurin. Davon gibt es im Unternehmen aber ohnehin genug.

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